Pierre Bourdieu – Der Algerienkrieg und die Fotografie
23. Juni 2006 – 3. September 2006 Die ersten Jahre des neuen Jahrhunderts sind geprägt von kriegerischen Vorgängen, die von manchen als Auseinandersetzungen zwischen den europäischen und islamischen Zivilisationsräumen verstanden werden, von anderen jedoch als Wiederaufleben der Kämpfe zwischen Zentrum und Peripherie unter postkolonialen Bedingungen. Die Ausstellung "Pierre Bourdieu: Der Algerienkrieg und die Fotografie" thematisiert die Rolle der Fotografie in diesem Spannungsfeld. Sie zeigt neben bislang kaum bekannten Beispielen aus der Blütezeit der journalistischen Reportagefotografie - vor dem Aufstieg des Fernsehens zum Leitmedium - vor allem beeindruckende Fotografien zu den alten und neuen Gesellschaften des Nahen und Mittleren Ostens, die in wissenschaftlicher, bewusst nicht-journalistischer Absicht entstanden. In Anknüpfung an die Doppelausstellung Leonore Mau und Hubert Fichte im Herbst 2005 bezieht das Haus der Photographie in den Deichtorhallen Hamburg damit erneut Position für eine vielfältige, alle Praktiken der Fotografie einbeziehende Reflexion über die historischen und gegenwärtigen Möglichkeiten des Mediums. Der erste Teil der Ausstellung zeigt unter dem Titel „In Algerien: Zeugnisse der Entwurzelung“ Fotografien des später weltweit bekannten französischen Sozialwissenschaftlers Pierre Bourdieu (1930 - 2002). Erst kurz vor seinem Tod gelangten seine Bilder aus dem Algerien der antikolonialistischen Befreiungskämpfe an die Öffentlichkeit. Sie dokumentieren in eindrucks-voller Weise die Widersprüche, Ungleichzeitigkeiten und vielfältigen Formen des Elends in diesem „riesigen gesellschaftlichen Laboratorium“ (Bourdieu) und reflektieren den Konflikt zwischen Kolonialherrn und der nach Selbstbestimmung strebenden muslimischen Bevölkerung. Christine Frisinghelli (Camera Austria, Graz) und Franz Schultheis (Fondation Pierre Bourdieu, Universität Genf) kuratierten diesen Ausstellungsbereich für das Haus der Photographie, nachdem diese Bilder bereits in anderen Zusammenhängen an verschiedenen Orten zu sehen waren. Angeregt durch Bourdieus Fotos entstand als zweiter Ausstellungsteil die erste umfassende Darstellung zur Rolle der Fotografie in diesem heftigen Konflikt, kuratiert von Robert Fleck und Ingo Taubhorn (Haus der Photographie). Neu ausgewählt aus dem reichen, noch wenig erschlossenen Bestand der Hamburger Medienarchive wurden unveröffentlichte Reportagen u. a. von Max Scheler und Rolf Gillhausen. Neben Beispielen der Berichterstattung der großen illustrierten Wochenmagazine PARIS-MATCH und STERN sind Amateuraufnahmen von Soldaten und Fremdenlegionären zu sehen sowie noch nie gezeigte Fotografien von Angelika Platen (1964) und Manfred Willmann (2006). „Pierre Bourdieu: Der Algerienkrieg und die Fotografie“ ist Teil des seit Oktober 2002 geplanten Gemeinschaftsprojekts „Kunst und Demokratie“ mit dem Haus der Kunst, München und der Schirn Kunsthalle Frankfurt (alle bis 3. September 2006). Die Ausstellung und das umfangreiche Rahmenprogramm beruhen auf einer Kooperation mit der Fondation Pierre Bourdieu, Genf, dem Forschungsnetzwerk ESSE, Camera Austria, Graz, dem Kunstraum der Universität Lüneburg sowie dem Hamburger Programmkino Metropolis. Mit Fotografien aus den Hamburger Bildarchiven des SPIEGEL und des STERN. Gefördert durch den Sparkassen-Kulturfonds des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes und das Institut français de Hambourg.
RahmenprogrammZu den Veranstaltungen Die spät entdeckten fotografischen Arbeiten Pierre Bourdieus eröffnen dem Betrachter, aber auch dem mit seiner Soziologie und Ethnologie vertrauten Leser unterschiedliche Zugangsweisen. Sie lassen sich als Forschungsinstrument im Dienste der Feldforschung verstehen, als wissenschaftliche Spurensicherungen einer vom Kolonialismus zum Verschwinden gebrachten Welt oder als politische Zeugnisse der Gewalt der kolonialen Durchdringung und der dadurch entwurzelten Menschen. Zugleich bietet sich aber auch ein reflexiver Rückgriff auf Pierre Bourdieus Studien der gesellschaftlichen Gebrauchsweisen der Fotografie selbst an. Angesichts seiner Visualisierungen der gesellschaftlichen Welt erscheint es möglich, vielfältige theoretische und methodologische Aspekte seiner Forschungen neu aufzuwerfen und zu diskutieren. Thematische Workshops rund um die Ausstellung der bourdieuschen Fotografien in Hamburg bieten Gelegenheit dazu. Das Rahmenprogramm wird durch eine Reihe zum algerischen Film im Metropolis Kino abgerundet.
Programmübersicht: Do 22.06.2006, 19.00 Uhr Fr 23.06.2006, 10.00 - 15.00 Uhr Workshop Fr 14.07.2006, 11.00 - ca. 18.00 Uhr Workshop Fr 25.08.2006, 11.00 - 17.00 Uhr Workshop Fr 23.06.2006 - Do 07.09.2006 Zum ersten Workshop Die Fotografien, die Pierre Bourdieu im Rahmen seiner ethnologischen und soziologischen Forschungsarbeiten während des Befreiungskrieges in Algerien gemacht hat, ermöglichen es uns, einen neuen Zugang zu seinem Blick auf die gesellschaftliche Welt zu gewinnen. Sie zeugen von einer Initiationsreise und einer tief gehenden biografischen Konversion, die den Ausgangspunkt einer außergewöhnlichen wissenschaftlichen und intellektuellen Flugbahn bildeten. Der Workshop bietet Gelegenheit, sich seinem Umgang mit der Kamera und mit fotografischen Bildern im Dialog mit seinem Diskurs, nicht zuletzt hinsichtlich der sozialen Gebrauchsweisen der Fotografie, anzunähern. TeilnehmerInnen: Christine Frisinghelli Christoph Behnke Ulf Wuggenig Eintritt zu Sonderveranstaltungen: 5,- €, ermäßigt 3,- € Das Rahmenprogramm wird gefördert von dem EU-Forschungsnetzwerk ESSE, der Fondation Bourdieu, dem Institut français de Hambourg, dem SIREN (Europäisches Forschungsnetzwerk TSER), dem Evangelischen Entwicklungsdienst (EED) und der Heinrich-Böll-Stiftung Hamburg e.V. RahmenprogrammProgrammBourdieu.pdf (281.46 kb) Pressematerial und Informationen bei: Deichtorhallen Hamburg GmbH |





