ARCHIV
 

CINDY SHERMAN – FOTOGRAFIEN 1975-1995


25. MAI BIS 30. JULI 1995



Die Hamburger Deichtorhallen zeigen eine umfassende Retrospektive der Amerikanerin- Die Schau wandert anschließend zur Konsthall Malmö (26.August - 22. Oktober 1995) und zum Kunstmuseum Luzern (9. Dezember – 25. Februar 1996).

Das Werk der Fotografin Cindy Sherman (geb. 1954) gewinnt in den letzten Jahren immer mehr an Aufmerksamkeit. Mit ihren inszenierten Fotos, in welchen sie selbst als Hauptdarstellerin, Regisseurin und Autorin auftritt, stellt sie dem Betrachter ein eindringliches, provozierendes Bild des Menschen unserer Zeit entgegen. Die große Anziehungskraft dieser Arbeiten rührt daher, dass sie den Nerv der heutigen kollektiven und individuellen Vorstellungen, Wünsche, Begierden und Ängste trifft.

Verkleidung, Maskerade und Rollentausch sind Cindy Shermans künstlerische Vorgehensweisen, mit deren Hilfe sie die Psyche des Individuums innerhalb der anonymen Massengesellschaft untersucht. Enthüllt werden dabei Stereotypen, Phantasmen, aber auch Leitbilder, deren unterschwellige Kraft das Verhalten des Einzelnen beeinflusst. Gerade an diesem Punkt setzt jedoch die Kritik von Cindy Sherman an. Sie weigert sich, die allgemeinen Klischees anzuerkennen oder gar zu bestätigen. Ihr Werk individualisiert die existentielle Erfahrung und bringt – sensibel und radikal zugleich – die feministische Perspektive zum Tragen.
Als Quellen bestimmter Motive benutzt Cindy Sherman alte Filme, Modemagazine, Fernsehen und Werbung. Aber auch in der Kunst- und Kulturgeschichte sucht sie nach Motiven für ihre Arbeiten. Zu ihren ersten Fotoserien zählen die "Untitled Film Stills" (Film-Standbilder), die zwischen 1977 und 1980 entstanden sind. Sie zeigen die Kritikerin in der Rolle eines Filmsternchens der 50er Jahre vor Kulissen und Außenräumen, die keinen konkreten Film, dafür aber weibliche Stereotypen und Klischees der Nachkriegszeit repräsentieren.

Seit 1981 arbeitet Cindy Sherman mit Farbe und größeren Bildformaten. Die Serie der "Centerfolds" (entfaltbare Doppelseiten) lehnen sich an die Pin-Ups bekannter Magazine an. Die Bedingungen weiblicher Darstellungen erkundet die Amerikanerin in ihren Mode-Serien von 1983-84, wobei sie die Vorstellung konventioneller Schönheitsideale durch Übertreibung und Umkehrung stört. Die "Fairy Tales/Disasters" (Märchen- und Horrorbilder), welche 1985-88 folgen, kündigen weitgehende Veränderungen in Cindy Shermans Werk an. Die Künstlerin verschwindet aus den Bildern und ersetzt ihren Körper durch Mannequins. Landschaften voll Fäulnis, Abfall und verstümmelten Körperteilen bevölkern nun die Szenarien. Es kommt zu einem Wettstreit zwischen der Widerwertigkeit der Details und der meisterhaften Komposition.

Die "Historischen Porträts" und die "Sex Pictures" setzen sich sowohl mit dem Konservatismus der heutigen amerikanischen Gesellschaft als auch mit deren doppelbödigen Moralvorstellungen auseinander. Eigenwillige Auftragsarbeiten für das Modemagazin "Harper's Bazaar" und die Modefirma "Comme des Garcons" von 1993-94 stellen weitere Beispiele ihrer Bemühungen dar, Konventionen der Mode zu kippen. In den neusten Arbeiten entdeckt Cindy Sherman für sich die Welt der surrealistischen Fotografie und beginnt ebenfalls mit manipulierten Fotonegativen zu arbeiten.

Die Schau in Hamburg umfasst mehr als 100 teils großformatige Arbeiten von Cindy Sherman und wird von einem Katalogbuch (Schirmer/Mosel Verlag) begleitet.