ARCHIV
 

MARC CHAGALL – AUS DEM GRAFISCHEN WERK. LA COLLECTION SARLIER


19. FEBRUAR BIS 9. MAI 1999



Mit der Präsentation von Farblithographien des russisch-jüdischen Künstlers Marc Chagall (1887 - 1985) setzen die Deichtorhallen ihre Ausstellungsreihe der Spätwerke bedeutender Künstler und Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts (u.a. Joan Miro, Francis Picabia, Louise Bourgeois) fort. In der von der Staatsgalerie Stuttgart organisierten Schau werden in Hamburg erstmals Werke der Collection Sorlier der Öffentlichkeit vorgestellt.

Der Drucker Charles Sorlier (1921-90) arbeitete seit 1950 für Chagall und stellte im Pariser Atelier Mourlot fast alle seine lithographischen Arbeiten her. Mit Fernand Mourlot verfasste er das 6-bändige Werkverzeichnis der Lithographien von Chagall. Die Blätter der Collection Sorlier befinden sich in einmalig unberührtem Zustand mit natürlichen Alterungserscheinungen und bieten die einzigartige Gelegenheit, den vielfältigen Reichtum der Grafikkunst von Chagall kennenzulernen.

Die Ausstellung stellt 264 ausgewählte Lithographien aus den Jahren 1922-1984 vor, wobei die Mehrheit der Blätter aus der Zeit nach 1950 stammt. Neben einzelnen Blättern werden die Zyklen „Daphnis und Chloe", „Der Zirkus" sowie die Illustrationen zur Bibel gezeigt.

Sorlier schrieb über die Anfänge der Zusammenarbeit mit dem Künstler: „Von 1950 bis 1952 kam Chagall regelmäßig ins Atelier, das sich damals unweit des Ostbahnhofs in der rue de Chabrol Nr. 1 8 befand, um das Handwerk zu erlernen. Er lernte wie ein wissbegieriger Stift. Unter meiner Anleitung erprobte er alle nur möglichen Techniken mit ebensoviel Hartnäckigkeit wie Beflissenheit. Niemals wird ein Handwerker stolzer sein als ich, einen derart begabten Lehrling unter den Fittichen gehabt zu haben. Anfangs führte er zahlreiche Blätter aus, hauptsächlich in Schwarz, sowohl auf Stein als auch auf Zink. Er überarbeitete einen Zustand nach dem anderen, folterte die glatte Oberfläche mit Schlägen des Schabers, machte sich mit der Lavierung und der „Krötenhaut" vertraut, um sich schließlich darüber klar zu werden, wann man zu weit gegangen ist, da die lithographische Kunst ihre Grenzen hat und technische Zwänge enthält, die man genau berücksichtigen muss. So kam er lange Monate, unermüdlich arbeitend und ließ aus Unzufriedenheit nur wenige Abzüge seiner ersten Versuche drucken."

Hierzu Christofer Conrad: „Nachdem Chagall seine Anfängerprobleme hinter sich gelassen hatte, entwickelte sich die Lithographie bald zu seiner bevorzugten druckgrafischen Technik. Dies hängt wohl in erster Linie damit zusammen, dass er durch sie jenes Element in seine Graphik einbringen konnte, das er zuvor stets vermisst hatte: die Farbe. Chagall verwendet sie in sehr unterschiedlicher Intensität, von aquarellähnlichen Lavierungen und zarten Kreidestrichen bis hin zu opaken Farbschichten, die in der Wirkung seinen leuchtenden Gouachen nahekommen. Ganz offensichtlich schätzte der Künstler an der Lithographie zudem die Möglichkeit, ähnlich spontan und ungehindert arbeiten zu können wie bei der Herstellung eines Werkes auf Papier. Ein weiterer Grund für die Bevorzugung der Lithographie gegenüber Radierung und Holzschnitt ist die mit der Berühmtheit des Künstlers stetig zunehmende Nachfrage nach Originalwerken im Bereich der Buchillustration, des Plakats und des Einzelblattes. Die Lithographie war das einzige künstlerische Druckverfahren, das für die Herstellung einer dem Bedarf entsprechenden Auflagehöhe geeignet war."


Zur Ausstellung ist im Verlag Hatje, Stuttgart ein umfangreicher, farbentreuer Bildband mit 1100 Abbildungen erschienen: Hrsg. von Ulrike Gauss, mit Texten von Hans Kinkel, Henri Deschamps, Charles Marq und Christofer Conrad. Der Bildband ist nur in der Ausstellung broschiert zum Preis von DM 49,- erhältlich (Im Buchhandel: DM 128,-).