»Diese Ausstellung war eine kreative Explosion«
Am 28. November 2025 diskutierte der Fotograf Philip Montgomery im Rahmen seiner Ausstellung AMERICAN CYCLES mit Brendan Embser, leitender Redakteur des Magazins Aperture, Sascha Chaimowicz, Chefredakteur des ZEITmagazins, und Nadine Isabelle Henrich, Kuratorin des Haus der Photographie, über seine besondere Bildsprache, die Anforderungen des Journalismus und den Zusammenhang zwischen Fotografie und Musik. Im Magazin lesen Sie eine gekürzte Form des Gesprächs.
Nadine Isabelle Henrich: Philip, deine Arbeiten sind meist journalistisch eingebettet. In der Ausstellung AMERICAN CYCLES hingegen verändert sich der Zugang zu deinem Werk. Wie ist es für dich, deine Arbeiten hier im Raum zu sehen?
Philip Montgomery: Es ist ein wenig surreal. In dieser Größe und diesem Maßstab zu arbeiten, verändert wirklich, wie ich meine Arbeit verstehe. Diese geht oft aus einem recht schnellen Rhythmus hervor und durchläuft eine Art redaktionellen Schnellkochtopf. Es ist ein Privileg, meine Bilder auf diese Weise sehen zu können.
Nadine Isabelle Henrich: Auch zwischen dem Abdrucken von Bildern im Dialog mit einem Text und dem Ausstellungsraum findet eine Kontextverschiebung statt. Brendan, wie wirkt sich dies deiner Ansicht nach auf Philips Arbeiten aus?
Brendan Embser: Philip sprach bereits von dem schnellen Tempo, in dem Fotograf*innen ihre Arbeiten liefern sollen. Diese werden daraufhin von einem Magazin, dann von einer Medieninfrastruktur und schließlich von uns, dem Publikum, verarbeitet – und anschließend scrollen wir weiter. Den Motiven, den Szenarien und Szenen, die Philip fotografiert hat, wird hier enormer Respekt entgegengebracht. Es entsteht eine gewisse Gravität, wenn man die Arbeiten als Kunst sieht und nicht ausschließlich als Dokumente oder im Dienste von Nachrichten, der Politik oder der Medien. Pressefotografie erfährt in der Kunstwelt oft wenig Anerkennung, vielleicht weil Nachrichten manchmal so hastig und zugleich seltsam nah wirken. Dokumentarischer Arbeit begegnen wir in der Regel erst Jahrzehnte später im Museum – fast so, als ob wir durch ein Teleskop in eine andere Zeit blicken.
Philip Montgomery: Als wir die Ausstellung zusammenstellten, habe ich viel über ein Zitat von Alec Soth nachgedacht. Er ist einer meiner Lieblingsfotografen und bringt darin Fotografie mit der Musik in Zusammenhang. Wenn Fotografien in einem redaktionellen Kontext existieren, rezipiert das Publikum sie meist auf dem Handy, am Desktop oder – hoffentlich – in Print. Soth verglich dies mit dem musikalischen Äquivalent des Streamens von Songs, etwa über Spotify. Die Monografie, das Künstlerbuch, ist dann die physische Schallplatte: aus Sicht des Musikers die ideale Form, in der man das fertige Werk hört. Die Ausstellung ist das Live-Konzert. Es war eine unglaubliche kreative Explosion, die Arbeiten so zu sehen, wie ich sie mir ursprünglich vorgestellt hatte.
Sascha Chaimowicz: Wenn wir durch diese Ausstellung gehen, sehen wir ganz aktuelle Ereignisse oder jüngste Geschichte. Es gibt kaum Orte, an denen man das so erlebt: Die Handys sind aus, man konzentriert sich auf diese Bilder. Wenn man sich den Zeitraum ansieht, den wir hier durchlaufen – Arbeiten von etwa 2015 bis heute –, ist das etwas sehr Besonderes, das einem im heutigen Medienumfeld kaum geboten wird.
Nadine Isabelle Henrich: Durch unsere Herangehensweise an die Ausstellung ergibt sich ein Raum, in dem man dem Bild zunächst für sich allein und ohne Kontext begegnet – was für deine Arbeit besonders ist. Wir wollten nicht den gesamten Text an die Wand bringen und haben uns stattdessen entschieden, ihn in eine Broschüre aufzunehmen, die die einzelnen Bilder begleitet. Gleichzeitig misst du, Philip, dem spezifischen Kontext und den Informationen große Bedeutung bei. So gibst du deiner Arbeit einen Rahmen. Die Bildunterschriften sind Teil deiner Praxis. Sascha, könntest du auf diese Frage der Kontextualisierung und der Bildunterschriften eingehen und darauf, welche Rolle diese auch im Magazindesign spielen?
Sascha Chaimowicz: Das ist eine ständige Spannung im redaktionellen Prozess. Ich bin ganz für Kontextualisierung, besonders wenn es um dokumentarische Fotografie geht, da sie auch journalistische Arbeit ist. Wenn dokumentarische Fotografien in einem Magazin erscheinen, das die Leute kaufen, um sich zu informieren, bieten sie wichtige Informationen. Ich will, dass Leser*innen schnell verstehen, was sie sehen.
Brendan Embser: Wenn wir über Fotojournalismus sprechen, gibt es beispielsweise die Titelseite mit dem Titelbild der New York Times, die Eilmeldungen: Was passiert, wo passiert es, wem passiert es? So arbeitet Philip aber nicht. Ich halte es für sinnvoll, zwischen verschiedenen Arten der Veröffentlichung zu unterscheiden. In einer Zeitschrift, wo mehr Raum und Zeit zur Verfügung stehen, können Wochen oder Monate seit dem Ereignis vergangen sein. Es gibt also mehr Raum für Reflexion. Das entspricht viel mehr Philips Arbeitsweise. Ich möchte auch noch etwas zu den Bildunterschriften anmerken: eine der ersten Ausgaben von Aperture enthält einen fantastischen Essay mit dem Titel »The Caption« von Nancy Newhall. Er wurde 1952 veröffentlicht, ist aber immer noch aktuell. Newhall schreibt darin, dass sich die meisten Menschen eher an Bildunterschriften als an Bilder erinnern. Oder sie erinnern sich an beides als untrennbar miteinander verbunden. Ich erwähne das, weil ich denke, dass ihr dem Publikum in dieser Ausstellung ein großes Vertrauen entgegenbringt, sich zunächst auf das Bild einzulassen – das Vertrauen, dass sich die Besucher*innen zunächst auf das Bild einlassen und dass sich vor ihren Augen eine Geschichte entfaltet.
Philip Montgomery: Wie Nadine immer wieder sagt, sind die Informationen in den Fotografien zentral. Außerdem gibt es darin kleine Perlen zu entdecken. Da ist zum Beispiel ein Foto mit dem Titel »Lauren Returns Home«. Es zeigt eine Frau, deren Arme in Richtung Decke erhoben sind. Es entstand während des Hurrikans Harvey. Das Interessante daran ist, dass sie in ihr Haus zurückkehrt, um ein Originalgemälde von Matisse zu retten. Dieser Kontext sagt viel über die eigentliche Geschichte aus: Das überflutete Viertel war das wohlhabendste Viertel in West Houston. Es ist ein Statement darüber, dass der Klimawandel niemanden verschont. Diese kleinen Perlen sind zentral für meine Arbeit.
Nadine Isabelle Henrich: Was mich an in deiner Arbeit beeindruckt, ist, wie es dir gelingt, durch die Lichtdramaturgie das Imaginäre zu erhöhen und geradezu in die dokumentarische Szene einzuladen. Es gibt diesen Moment, in dem du die porträtierte Person hervorhebst. Gleichzeitig spürt man, wie das Licht die Oberflächen berührt. Da ist ein Moment des Kontakts, der für mich mit deiner Beobachtungserfahrung zusammenhängt. Brendan, wie siehst du das insbesondere im Kontext der Geschichte der Dokumentarfotografie. Also diesen Aspekt, dass Philip Licht in eine ungestellte Szene einbringt, dieses Licht aber unsere Wahrnehmung der Szene völlig verändert.
Brendan Embser: Oder, um es mit Philips Worten zu sagen: Licht »aufbauen«, so, als ob man am Set in einem Studio oder vor Ort ist. Das Licht ist ein Markenzeichen seines Werks; dieser eisige Glanz, den wir in vielen Szenen wiederfinden. So lässt sich seine Vision über verschiedene Geschichten hinweg verstehen. Es ist eine interessante Frage, wie man in komplexen Situationen Licht setzt. Gerade bei der Opioid-Reportage Faces of an Epidemic in Ohio, bei der unter schwierigen Bedingungen ein Blitz eingesetzt wird. Wie schaffst du das?
Philip Montgomery: Ich bin immer wieder erstaunt, wie ich das hinbekomme. Ich glaube, es hängt auch damit zusammen, was ich physisch ins Shooting einbringe. Es ist künstliches Licht; inzwischen arbeite ich oft mit ein, zwei Assistent*innen. Wir beleuchten diese Szenen dann mit einem, zwei oder, wenn nötig, bis zu vier Scheinwerfern. Wir stellen unsere Lichter dann rund um den Ort auf, an dem wir fotografieren werden, sei es ein sehr beengtes Wohnzimmer oder der Hinterhof einer Person. Ich betrachte diese Orte fast wie Bühnen in einem Theater. Ich kann sehr genau festlegen, was ich aus der Szene herausholen will. Ich verstehe nie, wie sich die Leute irgendwann einfach an die Kamera gewöhnen, aber es gibt diesen schönen Moment, in dem man tatsächlich in den Hintergrund tritt. Ich bekomme oft Fragen wie: Wie hast du das gemacht? Und warum hast du das gemacht? Das sei doch ein wenig taktlos. Manchmal sehe ich es als notwendiges Übel, wobei dieses kleine Gefühl der Taktlosigkeit vorübergeht und wir uns später dafür entschuldigen können. Aber im Moment der Aufnahme ist es das wert.
Nadine Isabelle Henrich: Das ist ein interessanter Aspekt, wie weit man in der dokumentarischen Arbeit gehen sich und in die Gefühlsintensität der Szene hineinbegeben kann. Aber dieses Licht hat etwas zutiefst Würdevolles an sich. So wie du es manchmal von links oben einfallen lässt, ganz in der Tradition der Renaissance. Für mich wirken die Szenen durch den spezifischen Lichteinfall irgendwie erhaben und himmlisch – und auch gefühlsintensiver als ohne dieses Licht.
Brendan Embser: Ich wollte nur noch eine abschließende Bemerkung machen. In ihrem Text zu »Faces of an Epidemic« im New Yorker schrieb Margaret Talbot: »Es liegt Mut darin, gesehen werden zu wollen.« Das ist ein wenig emotional, denn du zitierst diese Zeile auch in deiner Danksagung für dein Aperture-Buch. Viele Menschen haben einige der schrecklichen Dinge erlebt, die du uns in deinen Arbeiten zeigst. Sehr wenige haben all das erlebt. Du bist einer dieser sehr Wenigen. Es ist wichtig, den Weg hervorzuheben, den Philip gegangen ist: Präsidenten zu treffen, zu politischen Kundgebungen zu gehen und, wie du sagst, ein würdiges Bild von jemandem in einem schrecklichen Moment seines Lebens zu machen.
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Transkript: Viktoria Rochambeau
Übersetzung: Bram Opstelten
Die Ausstellung AMERICAN CYCLES von Philip Montgomery ist noch bis zum 10. Mai 2026 im PHOXXI der Deichtorhallen Hamburg zu sehen.



