»Ich verlasse mich nie auf nur eine einzige Perspektive«

Seit vielen Jahren untersucht Oksana Yushko das Verhältnis zwischen Vögeln und Menschen aus künstlerischer Perspektive. In ihrem Werk erforscht sie Warenströme, Migrationsbewegungen und Umweltkrisen, wobei sie ein komplexes Netzwerk von wechselseitigen Abhängigkeiten knüpft. Ein Gespräch über künstlerisches Schaffen, Hoffnung und was wir von Vögeln über das Leben in einer gemeinsamen Welt lernen können. VON VILJA GUNZELMANN

Oksana Yushko, Aus Deutschlands Vogelwelt, Courtesy the artist

Oksana Yushko, du hast zunächst Fotojournalismus studiert, bevor du dich der Installation, der Skulptur und der Videokunst zugewandt hast. Inwieweit beeinflusst dein dokumentarischer Hintergrund heute noch deine Arbeit?
Ich abstrahiere Dinge nicht. Ich nehme alles sehr ernst und bleibe in der Realität und auch im zeitgenössischen Kontext verwurzelt. Auf dieser Basis führe ich meine Recherchen fort und entwickle das Projekt weiter.

Warum hast du dich vom Fotojournalismus abgewandt?
Im Fotojournalismus hat man all diese Filter durch die Medien, die wiederum die Arbeit auf bestimmte Weise rahmen und interpretieren. Deine Werke können zu Illustrationen werden. Und das ist nicht mein Ding. Ich wollte nicht, dass meine Bilder zu Illustrationen für mediale Narrative werden. Sie sollten ihre eigene Stimme haben; andernfalls habe ich Angst vor Fehlinterpretationen oder falscher Verwendung.

Du bist in der Ukraine geboren und hast in Russland, Georgien und zuletzt in Deutschland gelebt. Inwiefern prägen diese geografischen und politischen Räume deine Arbeit?
Der Kontext und das Publikum beeinflussen immer die Art und Weise, wie ich ein Thema angehe. Wenn ich an einem neuen Ort ankomme, wie zum Beispiel Deutschland oder dem Ostseeraum, versuche ich, die Geschichte, den aktuellen Kontext und die Fragen, die spezifisch für diesen Ort sind, zu verstehen. Gleichzeitig arbeite ich international, das heißt, ich versuche Bilder und Objekte zu entwickeln, die konkret bleiben, obwohl sie in unterschiedliche Kontexte übersetzt werden können.

Wir führen dieses Gespräch anlässlich deiner Ausstellung Zugunruhe im 40ft Container auf dem Vorplatz der Deichtorhallen Hamburg. Das zentrale Video- und Sound-Werk der Ausstellung, A Bird Sitting on a Bench, basiert auf deinen Beobachtungen entlang des Nord-Ostsee-Kanals. Was verbindet dich mit diesem Ort, und was hast du dort beobachtet?
Ich kam 2024 das erste Mal für eine Künstlerresidenz nach Rendsburg, das ungefähr eineinhalb Stunden nördlich von Hamburg liegt. Die Stadt befindet sich direkt am Ufer des Nord-Ostsee-Kanals. Es ist eine sehr friedliche Landschaft, und gleichzeitig fahren ständig große Schiffe vorbei. Der Kanal ist eine wichtige Route für den Welthandel, deshalb gibt es dort viel Verkehr. Mich hat genau dieser Widerspruch interessiert: einerseits die massive Infrastruktur der Weltwirtschaft, andererseits das Gefühl, nur ein ganz kleiner Punkt auf der Landkarte zu sein. Ich fing an, mir vorzustellen, wie wohl ein Vogel genau diese Landschaft ganz anders als wir wahrnehmen würde. Diese Vorstellung verknüpfte sich dann mit meinem eigenen nomadischen, durch Migration geprägten Hintergrund. 

Welche Formen von Wissen werden durch die Perspektive des Vogels zugänglich, die aus menschlicher Sicht möglicherweise verborgen bleiben?
Wir haben uns sehr stark an standardisierte Modelle der Wahrnehmung gewöhnt. Doch das Wissen, über das wir verfügen, ist sehr spezifisches, situiertes Wissen. Die Vogelperspektive wurde für mich zu einem poetischen Modell, um aktuelle Probleme aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Der Vogel in dem Video beobachtet Containerschiffe, die Getreide, Gas, Erdöl, Kleidung, Rohstoffe und sogar Vogelfutter transportieren, und ist selber von der Globalisierung und dem Kapitalismus beeinflusst. Intensive Landwirtschaft zerstört Lebensräume; Konflikte und Sanktionen ändern Routen; sogar der Luftraum, der der einzige freie Reiseraum zu sein scheint, ist von Kriegen und Grenzen beeinträchtigt. Beispielsweise hat eine Forschungsstudie zum Tracking von Schelladlern gezeigt, dass der Krieg in der Ukraine ihre Zugwege und ihr Rastverhalten verändert hat.

»Die Vogelperspektive wurde für mich zu einem poetischen Modell, um aktuelle Probleme aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten.«

Seit vielen Jahren schon tauchen immer wieder Vögel in deinen Installationen, Fotografien und Videoarbeiten auf. Wie kam es zu diesem Interesse?
Es begann 2016, als ich noch als Dokumentarfotografin im Ostseeraum tätig war und mich mit der Kurische Nehrung auseinandersetzte, wo 1901 Rossitten, die erste Vogelwarte der Welt, gegründet wurde. Später, im Jahr 2018, kehrte ich dorthin zurück und erhielt Einblicke in die wissenschaftliche Forschung an und mit Vögeln: ihr Verhalten, wie sie sich orientieren und wie sich der Klimawandel auf ihre Zugrouten auswirkt. Besonders fasziniert war ich von einem riesengroßen Netz, einer wissenschaftlichen Vorrichtung, die eingesetzt wird, um Vögel temporär zur Beringung zu fangen. Dieses Netz bezeugt die lange Geschichte der Datenerfassung von Vögeln an der Station, die vor mehr als einhundert Jahren begann. Ich fotografierte es an der Station und installierte es später in einem Ausstellungsraum. 

Ein Element, das immer wieder in der Ausstellung auftaucht, stammt auch aus deiner Zeit an der Station: der Emlen-Trichter. Es ist ein wissenschaftliches Gerät, das die Bewegungen der Vögel durch Kratzer auf dem Papier erfasst und uns somit Aufschluss über die Orientierung und das Zugverhalten eines Vogels gibt. Du hast dieses Element in deiner künstlerischen Praxis angewendet.
Ja, die Emlen-Trichter wurden zu einem wichtigen Teil meiner künstlerischen Praxis in Bezug auf Zugunruhe (ein ornithologischer Begriff für die Unruhe von Zugvögeln kurz vor Beginn des Vogelzugs) und zeigen, dass die Vögel sogar in Gefangenschaft wissen, wohin und wann sie fliegen wollen. Ich übertrage das Wissen, das wir über die Vögel erlangen, auf verschiedene Bereiche. Zum Beispiel haben wissenschaftliche Untersuchungen gezeigt, dass sich die Vögel beim Navigieren nicht nur auf eine Informationsquelle wie ihren Magnetsinn verlassen. Sie verwenden viele verschiedene Quellen, und das lehrt uns, beispielsweise kritisch zu denken. Auch ich verlasse mich nie auf nur eine einzige Perspektive. 

In der Ausstellung hast du dich ebenfalls in den Emlen-Trichter eingeschrieben.
Ich bringe meine eigene Präsenz ein. Ich benutze Fingerabdrücke als die Spuren, die wir auf diesem Planeten hinterlassen. Aber Fingerabdrücke sind auch etwas Bürokratisches. Migrant*innen, die Grenzen überqueren, hinterlassen ihre Fingerabdrücke auf Papieren, in Systemen, an Grenzübergängen. Diese Verbindungen sind metaphorisch, aber gleichzeitig sind sie mehr als real.

»Hoffnung fängt für mich mit Kommunikation an: der Stimme des anderen im Werk, aber auch sich gegenseitig im Alltag zuzuhören.«

Ein weiteres Werk in der Ausstellung heißt Weltreise. Ursprünglich war es ein Fundstück, ein Brettspiel aus dem Jahr 1968 mit einer Weltkarte, auf der die Spieler kleine Stecknadeln mit Fähnchen bewegten. Du hast es umgedreht; jetzt sind nur noch die Spuren zu sehen, die eine abstrakte Kartografie ohne Grenzen entstehen lassen.
Es geht um Grenzen und um die Spuren, die wir hinterlassen. Es verweist auch auf die Geschichten im Hintergrund und bringt Dinge zum Vorschein, die wir vielleicht nicht auf den ersten Blick bemerken. Wir alle wachsen mit Spielen auf. Viele von ihnen, wie dieses, sind lehrreich und helfen uns dabei, Wissen zu erlangen, was fantastisch ist. Aber wenn wir erwachsen werden und Politiker oder wirtschaftliche Interessen beginnen, „Spielchen zu spielen“, ist es überhaupt nicht mehr lustig. Ich wollte mit der Idee des Spielens arbeiten. In der Realität werden diese Spiele oft in Katastrophen und Konflikte verkehrt. 

Viele deiner Werke legen nahe, dass ökologische, politische und soziale Phänomene nicht isoliert betrachtet werden können, sondern nur durch die Beziehungen, die sie miteinander verbinden. 
Auf unterschiedlichen Ebenen können wir dokumentarische, wissenschaftliche und menschliche Perspektiven sowie gesellschaftliche Auswirkungen zusammenbringen. Es ist wichtig, all diese Verbindungen zu erkennen und wie sie miteinander verknüpft sind. Metaphorisch gesprochen ist das aus der Vogelperspektive möglich. Wenn wir uns über die Geschichte erheben, uns über der Erzählung befinden. Ansonsten sind wir sehr nah dran, was auch wichtig ist, um genau sehen zu können, so wie durch ein Objektiv oder ein Mikroskop. Dennoch ist die Perspektive, die Dinge globaler zu sehen, um dann wieder zu den Wurzeln und wechselseitigen Vernetzungen zurückzukehren, essenziell, um nicht blind zu sein. Weil wir sonst genau nur einen Teil des Prismas sehen und nicht die anderen.

Trotz der vielen Krisen, die in Zugunruhe thematisiert werden, enthält das Werk auch hoffnungsvolle Aspekte.
In der Sound-Arbeit thematisiert der Vogel ganz offensichtliche Dinge – aber vielleicht müssen wir sie anders hören. »Sitting on a bench and listening« wird zu einem Akt der Achtsamkeit. Hoffnung fängt für mich mit Kommunikation an: der Stimme des anderen im Werk, aber auch sich gegenseitig im Alltag zuzuhören. Sich hinzusetzen, an einem Ort präsent zu bleiben und »sich nicht vor den Problemen zu drücken« – das ist bereits eine Form von Handlungsmacht.

Foto: Arthur Bondar

Du sprichst von Orten, wo die Natur sich regeneriert.
Die Demilitarisierte Zone zwischen Nord- und Südkorea ist ein Beispiel dafür; die Sperrzone von Tschernobyl ein anderes – so tragisch es auch sein mag. Permanenter Zugang und Besiedlung durch Menschen sind an beiden Orten extrem eingeschränkt, aber die Natur hat Wege gefunden, dorthin zurückzukehren. Das ist eine ambivalente Sache. Es könnte darauf hindeuten, dass die Natur keine Menschen braucht und dass wir auch aussterben könnten, wenn wir nicht aufhören, uns destruktiv zu verhalten. Gleichzeitig können uns diese Beispiele auch etwas lehren. Wenn die Natur sich unter bestimmten Konditionen erholen kann, können wir mehr Orte der Erholung schaffen.

Eine Passage in dem Soundscape beschreibt einen Schwarm Gänse als ein Verwandtschaftsgeflecht. Sie wechseln sich an der Spitze ab, rufen einander, um in Kontak zu bleiben, und unterstützen sich gegenseitig. Inwiefern schwingt diese Idee im übergeordneten Thema der Triennale Alliance, Infinity, Love – In the Face of the Other mit?
Für mich geht es dabei um Gemeinschaft, oder um einen (Vogel-) Schwarm. Man bleibt ein Individuum, aber man spürt gleichzeitig ein Gemeinschaftsgefühl. Das bedeutet aber nicht, dass man sich nur mit ähnlichen Menschen, Ideen oder Erfahrungen umgibt. Ich spüre das oft bei kollaborativen Projekten. Vielleicht übernimmt jemand für einen Moment die Solostimme, aber es ist nie nur ein Solo; es ist immer ein Chor. Wenn dies klar und harmonisch geschieht, gewinnt die Arbeit an Vielfalt.

Neben deinem Fotografie-Studium an der HFBK hast du an drei Ausstellungen des erweiterten Programms der Triennale teilgenommen. Welche Themen interessieren dich aktuell, und in welche Richtung wird sich deiner Meinung nach deine Arbeit bewegen?
Ich werde weiter mit der Idee der Unruhe und mit Vögeln arbeiten. In meiner Masterarbeit werde ich mich auf das Territorialverhalten und die Verhandlungsmuster bei Vögeln konzentrieren, was natürlich auch Bezug nimmt auf Menschen, Konflikte, Kriege und Grenzregime. Ein weiteres wichtiges Thema für mich ist Kommunikation: wie Information wahrgenommen, übersetzt, transkribiert und durch verschiedene Sprachen und Kontexte verändert wird. 

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Oksana Yushko ist eine in der Ukraine geborene Künstlerin, die in Hamburg lebt und arbeitet. Ihre künstlerische Arbeit basiert auf ortsspezifischen Recherchen, die sie hauptsächlich in Osteuropa, im Kaukasus, in den baltischen Staaten und im Großraum Hamburg durchführt. Aktuell studiert sie Fotografie in der Klasse von Tobias Zielony an der Hochschule für bildende Künste Hamburg.

Vilja Gunzelmann ist Volontärin im Bereich Ausstellungsmanagement an der Halle für aktuelle Kunst der Deichtorhallen Hamburg. Sie hat die Ausstellung ZUGUNRUHE – MIGRATORY RESTLESSNESS zusammen mit den Volontärinnen Sarah Gramotke und Viktoria Rochambeau im Bereich Kuration am Haus der Photographie kuratiert. 

Die Ausstellung wurde durch den Volontärspreis Y durch den Jungen Freundeskreis der Kulturstiftung der Länder ermöglicht.

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