»Beim Fotografieren geht es darum, die Zeit zu verstehen«

Körperlose Hände, Martini-Gläser und verlassene Pumps – die niederländische Fotografin Sarah van Rij verwandelt Alltägliches in traumähnliche und surrealistische Bilder. Ein Gespräch über Farben, das Fotografieren mit dem Smartphone und was sie von Alfred Hitchcock gelernt hat. VON VIKTORIA ROCHAMBEAU

Sarah van Rij, Metropolitan Melancholia, 2022 © Sarah van Rij

Sarah van Rij, viele unserer Besucher*innen sind überrascht, wenn sie erfahren, dass du manche deiner Fotografien mit der iPhone-Kamera aufnimmst. Ich erinnere mich, wie du, als wir uns zum ersten Mal persönlich trafen, irgendwann dein Handy hervorgeholt und spielerisch verschiedene Perspektiven ausprobiert hast. Welche unterschiedlichen Blicke und Arbeitsweisen bringen die Kameras mit sich?
Für mich ist das iPhone sehr zugänglich. Zum einen, weil es immer bei mir ist, aber auch, weil es leicht ist und sich intuitiv bedienen lässt. In diesem Sinne fühlt es sich sehr nach mir und nach unserer Zeit an. Aber für mich wird es niemals eine ›richtige‹ Kamera oder die wunderschöne Farbe und Tiefe ersetzen, die ein analoger Film mit sich bringen kann. Jedes Werkzeug bietet andere Möglichkeiten. Meiner Arbeit fügen sie jeweils etwas Eigenständiges hinzu – sei es Spiel, Präzision und/oder eine besondere Sensibilität für Farbe.

Farbe spielt eine zentrale Rolle in deinen Kompositionen; einige deiner Bilder kreisen um eine einzelne, markante Farbe – sei es der glänzend rote Hintergrund von Mirror Martini oder das grüne Setting in Silent Season, Veluwe. Wie bewusst wählst du deine Farbsprache, um die emotionale Lesart eines Bildes zu lenken?
Farben spielen eine wichtige Rolle dabei, die Emotion und Stimmung zu formen, die ich in einem Bild vermitteln möchte. Rot zum Beispiel ruft eine ganz bestimmte Reihe von Gefühlen hervor: alarmierend, leidenschaftlich, außerdem wird die Farbe mit Begehren oder Kontrolle verbunden. In Mirror Martini tendiert das Rot für mich dagegen stärker in Richtung des Gedankens an Kontrollverlust. Aufgrund der Verspieltheit und der ästhetischen Oberfläche des Bildes kann es recht behaglich, gar gemütlich, wirken. Doch es koexistieren auch dunklere Emotionen. Unter der Oberfläche verbirgt sich in diesem Foto etwas Destruktives, das durch die Farbe Rot noch verstärkt wird – aber auch durch die subtile Platzierung der anderen Details, wie etwa der Zigarette, des Ohrrings, der Streichhölzer, der Präsenz von Alkohol und der danach greifenden Hand im Hintergrund.

Diese Hand, die du ansprichst, scheint ein wiederkehrendes Symbol in deiner Arbeit zu sein.
Ich nutze sie, um unterschiedliche Emotionen auszudrücken. Sie kann spielerisch sein, einladend, ein Abschiedswinken oder ein Ausstrecken nach etwas. Ich arbeite häufig auf diese Weise mit Symbolen, sei es durch Formen, Objekte, Körperteile oder Farbe. Durch diese Elemente können mehrere Geschichten innerhalb einer einzigen Fotografie koexistieren.

Tatsächlich existieren in deiner Bildwelt viele Geschichten nebeneinander. Darüber hinaus wirken viele Fotografien wie Fragmente einer größeren, vielleicht unausgesprochenen Erzählung.
Mich faszinieren Zeit, Träume und Erinnerungen sehr – die Art und Weise, wie Zeit in Träumen und Erinnerungen funktioniert und wie sie uns in Ausschnitten und Fragmenten erscheint, in kleinen Stücken, und nur selten als vollständige, chronologische oder völlig logische Erzählung; Träume und Erinnerungen sprechen unsere Emotionen an. Sie fühlen sich für mich sehr rein an; und aktivieren eher die Sinne als die Logik. Genau das hoffe ich in meiner Arbeit zu erreichen: zunächst ein Gefühl auszulösen, aus dem heraus die Betrachtenden ihre eigene Interpretation eines Bildes entwickeln können.

Deine Fotografien zeigen oft treibende Objekte, fragmentierte Figuren, Schattentheater und reflektierende Oberflächen. Dies sind flüchtige Momente, die dennoch zeitlose Bezüge herstellen. Könntest du uns nicht nur die praktischen und technischen Umstände des Festhaltens dieser Momente erläutern, sondern auch den Einfluss von Zeitlichkeit auf einer konzeptuellen Ebene?
Vielschichtigkeit ist für mich immer mit Zeit verbunden. Mit jeder vergehenden Minute bilden sich neue Schichten – insbesondere in großstädtischen Umgebungen, in denen unzählige Leben, Bewegungen und Ereignisse gleichzeitig existieren und sich überlagern. Diese Dichte ist mir sehr bewusst. Die vielen Zeitschichten, deren Teil wir sind und die wir gleichzeitig bewohnen: das, was vor uns existierte, die Spuren und Ruinen, auf denen wir weiter unsere eigenen Wege aufbauen. Durch Schichten hindurch zu fotografieren wurde für mich zu einer Methode, all dies besser zu begreifen – eben, indem ich Fragmente, Spiegelungen und flüchtige Momente sammle und zusammenführe. Beim Fotografieren geht es nicht nur darum, Zeit festzuhalten, sondern auch, zu versuchen, sie zu verstehen. In meinen handgefertigten Collagen faltet sich die Zeit in sich selbst zurück: Ein Bild aus der jüngeren Vergangenheit wird in der Gegenwart überarbeitet und lässt durch den Akt des Schaffens einen neuen Moment entstehen.

»Träume und Erinnerungen fühlen sich für mich sehr rein an. Sie aktivieren eher die Sinne als die Logik.«

In deiner Ausstellung IM KLANG DER SCHATTEN in den Deichtorhallen Hamburg hast du auch zwei handgefertigte Collagen gezeigt.
Mit den Collagen habe ich in einer Zeit begonnen, in der ich selbst eine schwierige Phase durchlebte, bedingt durch einen tragischen Verlust und Krankheit in meinem engen Umfeld. Ich wandte mich stärker nach innen, mit dem Bedürfnis, mich zu erden, als sich alles sehr entwurzelt anfühlte. Ich habe angefangen, Fragmente aus meinen gedruckten Bildern auszuschneiden und sie mit anderen Fragmenten zu verbinden, die aus unterschiedlichen Orten und Momenten stammten. Das war ein heilsamer Prozess, der sehr unmittelbar widerspiegelte, wie ich mich zu dieser Zeit fühlte – zerrissen und bemüht, Dinge und auch mich selbst wieder zusammenzufügen, sehnsüchtig nach mehr Greifbarkeit. Zum Glück ist das Leben inzwischen wieder ruhiger geworden, und die Collagen sind heute ein wichtiger Teil meiner Praxis, ein Weg, den ich weiter erkunden und mit dem ich weiter experimentieren werde.

Du trittst häufig selbst in deinen eigenen Bildraum ein und schaffst Selbstporträts. Diese Bilder verdecken oft dein Gesicht oder zeigen nur Teile deines Körpers. Welche Aspekte von Identität erkundest du durch diesen bewussten Akt des Verbergens und Sichtbarmachens?
Als Menschen bestehen wir aus vielen Schichten, geprägt durch Erfahrungen – schöne wie schwierige – im Laufe unseres Lebens. Man kann eine Person sehr klar und direkt fotografieren, doch das offenbart nicht zwangsläufig, wer sie ist. Wenn man einem Menschen begegnet, begegnet man ihm nie vollständig auf einmal; unterschiedliche Schichten verbergen sich hinter dem, was man zunächst sieht, und erst nach und nach offenbaren sich diese Schichten über die Zeit. Diese Denkweise erscheint mir sinnvoll für die Art und Weise, wie ich die meisten meiner Fotografien mache, aber auch in Bezug auf mich selbst – Fragmente statt eines Ganzen zu zeigen, als eine Art, Identität zu erforschen, und vielleicht auch, um mehr über mich selbst zu lernen.

»Man kann eine Person sehr klar und direkt fotografieren, doch das offenbart nicht zwangsläufig, wer sie ist.«
Sarah van Rij in der Ausstellung IM KLANG DER SCHATTEN in den Deichtorhallen Hamburg. Foto: Jewgeni Roppel / Sarah van Rij in the exhibition HUMMING FROM THE SHADOWS at the Deichtorhallen Hamburg. Photo: Jewgeni Roppel

Deine Praxis ist reich an kinematografischen Referenzen; welcher Film hat deine Arbeit am stärksten beeinflusst und auf welche Weise?
Wenn ich auf die allerersten Filmemacher*innen zurückblicke, die mein Verständnis dafür geprägt haben, wie eine Geschichte durch Bilder, Atmosphäre und Andeutung erzählt werden kann, sticht Alfred Hitchcock hervor. Meine Mutter machte mich als Teenager mit seinen Filmen bekannt, und sie hinterließen in einem prägenden Alter einen nachhaltigen Eindruck bei mir. Mit der Zeit ist meine Beziehung zu Hitchcocks Werk komplexer geworden. Als ich älter wurde, wurde mir zunehmend bewusst, wie Frauen in seinen Filmen dargestellt werden – etwas, womit ich mich nicht identifiziere und das ich hinterfrage. Was jedoch weiterhin nachhallt, ist die psychologische Spannung, die starke visuelle Sprache und der Einsatz von Fragmentierung: die Art und Weise, wie Bedeutung durch Abwesenheit, Andeutung und durch das konstruiert wird, was ungesehen bleibt – im Schatten, in der Schwebe. Diese Elemente haben maßgeblich beeinflusst, wie ich über Bilder nachdenke: nicht als abgeschlossene Geschichten, sondern als Räume, die Projektion, Erinnerung und Unbehagen zulassen.

Du hattest im Jahr 2025 drei große institutionelle Ausstellungsprojekte, zusätzlich zu deiner veröffentlichten Monografie. Was hält die Zukunft für dich im kommenden Jahr bereit?
Es fühlt sich sehr besonders an, dass meine Arbeiten gleichzeitig in Paris, Hamburg und Japan zu sehen waren. Zu wissen, dass Menschen diese Räume betreten – einige vertraut mit meiner Arbeit, andere ihr zum ersten Mal begegnend –, ist für mich von großer Bedeutung. Mir gefällt der Gedanke, dass die Betrachtenden allein dadurch, dass sie vor den Arbeiten stehen und ihre eigenen Gedanken oder Gefühle mitbringen, der Arbeit eine neue Schicht hinzufügen. Mit Blick auf 2026 zeichnen sich mehrere Projekte am Horizont ab – einige Soloprojekte, neue Experimente und die Weiterentwicklung meiner handgefertigten Collagen sowie meiner Selbstporträts. Ich freue mich sehr darauf, mich wieder nach innen zu wenden und in meinen kreativen Kokon des Forschens und Schaffens einzutreten.

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Sarah van Rij (geb. 1990) lebt und arbeitet in Amsterdam und Paris. Ihre Arbeiten wurden in renommierten Magazinen wie The New Yorker, i-D Magazine, The New York Times Magazine, Vogue und ZEITmagazin veröffentlicht. In diesem Jahr sind ihre Werke in mehreren Einzelausstellungen zu sehen, darunter im Maison Européenne de la Photographie (MEP) in Paris und im Chiba Prefectural Museum of Art in Japan.

Viktoria Rochambeau ist kuratorische Volontärin am Haus der Photographie der Deichtorhallen Hamburg und hat gemeinsam mit Nadine Isabelle Henrich, Kuratorin des Hauses der Photographie, die Ausstellung SARAH VAN RIJ – IM KLANG DER SCHATTEN kuratiert. Sie studierte Kulturwissenschaft & Ästhetik an der Universität Wien sowie Expanded Museum Studies an der Universität für angewandte Kunst Wien.

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