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Jitka Hanzlová - Fotografien

Bei den Farbfotografien der tschechischen Künstlerin, geboren 1958, handelt es sich um Portraits von Menschen, ihrem Umfeld und der Landschaft, in der sie leben.

 

Die Bilder von Jitka Hanzlová (geb. 1958) bestechen gleichermaßen durch Sachlichkeit und Einfühlsamkeit; die Komposition wirkt stets ausgefeilt und trotzdem zufällig, die Farbtöne sind eher zart und zerbrechlich, und doch verleihen sie dem Dargestellten eine greifbare Materialität, die dem Betrachter die Welt auf den Fotos unwirklich nah erscheinen läßt.

 

Die Deichtorhallen zeigen ca. 120 Arbeiten aus verschiedenen Werkgruppen von Jitka Hanzlová, darunter auch große Teile ihrer neuesten Serie, in der sie Frauen unterschiedlichster Generationen und Nationalitäten portraitiert.

 

So widmet sie ihre erste umfangreiche Serie "Rokytník", entstanden zwischen 1990 und 1994, dem kleinen gleichnamigen tschechischen Dorf, welches sie über einen Zeitraum von 5 Jahren regelmäßig bereist hat, um dort zu fotografieren. Der Kritiker Ulf Erdmann Ziegler schreibt zu dieser Serie: "Mit den Augen derer, die in die Fremde gegangen sind, sieht Hanzlová die stehengebliebene Zeit." Und weiter bemerkt er: "Sie verklärt das Märchendorf nicht, sondern protokolliert im Detail dessen sanfte Melancholie."

 

Im Laufe der vergangenen drei Jahre sind ca. 55 Frauenbildnisse entstanden, die Jitka Hanzlová unter dem Titel "Female" subsumiert. Die Fotos zeigen Kinder, junge Mädchen und Frauen unterschiedlichen Alters aus Europa und Amerika. Es sind anonyme Menschen, denen wir in diesen Porträtaufnahmen begegnen; bei den meisten von ihnen nennt der Titel nur den Vornamen, bei einigen ist auch dieser unbekannt ("Schmetterlingsfrau"). Selbst für die Künstlerin stellen viele dieser Frauen nur flüchtige Bekanntschaften dar, da sie ihre Modelle nicht selten auf der Straße anspricht und sie dort um Fotoerlaubnis bittet. Natürlich sind auch einige Bekannte dabei, doch die Identität, der Beruf und die Lebensumstände der meisten Modelle bleiben im Verborgenen.

 

Die Aufnahmen folgen immer demselben Muster: Die dargestellte Person erscheint als Halb- oder Dreiviertelfigur, die Füße bleiben unsichtbar, wodurch eine größere Nähe zum Betrachter entsteht. Alle Frauen blicken direkt in die Kamera, als ob sie ein Zwiegespräch mit der Fotografin anstrebten und sich vergewissern möchten, daß die Aufnahme tatsächlich stattfindet. Die Umgebung und die Kleidung der Modelle läßt gewisse Schlüsse auf die Herkunft der einzelnen Frauen zu, doch bleiben nähere Umstände unklar. Bezeichnend ist die ruhige, fast selbstverständliche Art, mit welcher die Figuren in den Bildern erscheinen. Trotz Selbststilisierung einiger Modelle überwiegen hier Gelassenheit und emotionelles Gleichgewicht zwischen der Fotografin und ihrem Objekt. Die "Female"-Reihe läßt sich wie eine individuelle Enzyklopädie von Frauentypen betrachten, eine Meditation über verschiedene Altersstufen, nicht unähnlich der Arbeit "100 Jahre" von Hans Peter Feldmann.

 

In "Female" nähert sich Jitka Hanzlová einigen anderen systematischen Projekten zum Thema der menschlichen Figur, bzw. des Porträts, ein Thema, das natürlich nur im Zusammenhang mit dem Umfeld des Dargestellten interessieren. Zu nennen sind hier die Amerikanerinnen Cindy Sherman und Nan Goldin, deren Landsmann Philip-Lorca diCorcia und die Holländerin Rineke Dijkstra. Bei allen möglichen Verwandtschaften erscheint die fotografische Arbeit von Jitka Hanzlová als äußerst eigenständiges Statement zum Frauenbild von heute.

 

Begleitend zur Ausstellung erscheint der Katalog "Female" mit zahlreichen Farbabbildungen und Begleittexten von Zdenek Felix und Peter V. Brinkemper im Verlag Schirmer / Mosel, München.