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Picasso selbst liebte seine Badenden aus Holz und umgab sich zeitlebens mit ihnen. Für seine Ausstellung in den Deichtorhallen baute Florian Slotawa die Skulptur nach. Die Materialien dafür fand er im Baumarkt VON IRIS HAIST

14. Januar 2019

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Jeden Tag schlendern hunderte Besucher der Staatsgalerie Stuttgart an ihnen vorbei: die Badenden aus Holz von Pablo Picasso, präsentiert in einem Kiesbett, gehören zu den Höhepunkten des Museums und sind eine nicht zu unterschätzende Bereicherung für die schwäbische Hauptstadt. Dass diese Einschätzung zunächst nicht von jedem Stuttgarter geteilt wurde, wissen heute jedoch nur wenige. Als die Badenden von Picasso auf den Markt kamen und die Staatsgalerie Stuttgart nach längeren Preisverhandlungen 1981 den Zuschlag erhielten, waren darüber nicht alle glücklich.

Für damalige Verhältnisse war es ein Ankauf der Superlative: Für dessen Finanzierung wurde eigens die Museumsstiftung Baden-Württemberg gegründet, zudem flossen Gelder aus Lotto-Mitteln zur Deckung der Kosten. Noch nie zuvor musste die Staatsgalerie für ein Kunstwerk so tief in die Tasche greifen. Der in den Medien zeitweise kursierende Spitzenpreis von 9,4 Millionen Mark (rund 5 Millionen Euro) führte zu regelrechten Hasstiraden auf den Leserbriefseiten der lokalen Zeitungen. Vor allem aus der Stuttgarter Bürgerschaft kamen kritische Gegenstimmen. Liest man die Kommentare von damals, fühlt man sich gelegentlich an den legendären Ausspruch »Mr braucha koine Kunscht, Grumbiara braucha mr« (Wir brauchen keine Kunst, wir brauchen Kartoffeln) aus der Regierungszeit Wilhelms I. von Württemberg erinnert, als die Abgeordneten des Stuttgarter Landtags gegen den Ankauf der von 1819 bis 1827 in Stuttgart ausgestellten Sammlung Boisserée stimmten– heute befindet sich die Sammlung in der Alten Pinakothek in München.

Kunst kaufen: ja gerne. Geld dafür ausgeben: bitte nicht! So sahen es auch einige Stuttgarter Bürger: Werner Humburg, Angestellter der Oberpostdirektion in Stuttgart, schrieb etwa in einem Leserbrief an das Feuilleton der Stuttgarter Nachrichten vom 7. August 1981: »Dieses Werk könnten jeden Tag Kinder auf ihrem Spielplatz mit Sand und Brettern herstellen, kostenlos. Es ist ja bekannt, daß Picasso einmal gesagt hat: Wenn die Leute sowas wollen, dann mach ich ihnen das, zumal, wenn sie dafür noch etwas zahlen, warum denn nicht? Das hat mit Kunst nichts zu tun (…).« Dass Picasso mit Blick auf die Malübungen seiner Kinder Claude und Paloma allerdings auch gesagt haben soll: »Als ich im Alter dieser Kinder war, konnte ich zeichnen wie Raffael; aber ich brauchte ein Leben lang, um so zeichnen zu lernen wie sie«, wusste besagter Herr wohl nicht.

Pablo Picasso, Die Badenden, 1956, Staatsgalerie Stuttgart © VG Bild-Kunst Bonn, 2018/2019

Das Thema der Badenden ist ein klassisches Motiv der europäischen Kunstgeschichte und wurde von Malerfürsten wie Ingres oder Renoir und mit großer Vorliebe auch von Cézanne in Szene gesetzt. Durch Pablo Picassos beinahe unerschöpfliches Gesamtwerk zieht sich dieses Bildmotiv ebenfalls wie ein roter Faden – durch sämtliche Epochen, Stile und Figurenauffassungen. Picasso erschuf seine Badenden aus Holz 1956, nach zahlreichen Variationen dieses Motivs, in einem Alter von 75 Jahren. Er komponierte die überlebensgroßen, teilweise über zwei Meter hohen Figuren aus Brettern, Möbelteilen, Keilen, einem Besenstilen und schlichten Bilderrahmen, die er vermutlich in seinem Atelier aufbewahrt und in Hinblick auf ihren eigentlichen Verwendungskontext zuvor aussortiert hatte – ein frühes Beispiel für Upcycling-Art (Kunst aus wiederverwendetem Material). Um ihnen zusätzlich Leben einzuhauchen ritzte, malte und brannte er Linien und Formen körperlicher Gestaltung in das gefundene Material ein.

Die Benennungen der einzelnen Figuren Taucherin, Mann mit gefalteten Händen, Brunnen-Mann, Kind, Frau mit ausgestreckten Armen und Junger Mann lenken ein Stück weit vom eigentlich Dargestellten ab. Die Taucherin zum Beispiel hat ein langgestrecktes, starres Gesicht und erinnert darin an eine traditionelle afrikanische Maske, wie man sie schon aus den Demoiselles d’Avignon kennt, und transportiert so Spiritualität und das Geheimnisvolle – wie auch der Mann mit gefalteten Händen, der an ca. 2000 v.Chr. entstandene Kykladenidole erinnert. Das Kind ist vielleicht gar keines, sondern eine – wer könnte es ahnen – badende Figur, die bis zum Bauch im Wasser steht. Und wie einige klassische Brunnenfiguren deutet die wohl scherzhaft Brunnen-Mann genannte Figur an zu urinieren. Dieses Motiv ist in der Kunstgeschichte immer wieder dargestellt worden u.a. von Rembrandt, der seine Zeichnungen und Grafiken ungeniert Pissender Mann und Pissende Frau nannte. Auf Fotografien, die diese Figur im Atelier von La Californie zeigen, sieht man noch ein an der Genitalspitze angebrachtes gekräuseltes Band, das den Strahl anzeigte, wo heute nur noch ein Loch die frühere Ergänzung verrät.

Die Badenden finden sich in den folgenden Jahren immer wieder auf Fotografien, die den Künstler in seinem Atelier zeigen, was Picassos Leidenschaft für diese großen, starren und doch beseelt wirkenden Figuren bekräftigt. Tatsächlich verkaufte er sie nie, sondern behielt sie bis zu seinem Tod im Jahr 1973.

Florian Slotawas OBI-Picasso in der Ausstellung FLORIAN SLOTAWA: STUTTGART SICHTEN. Foto: Achim Kukulies

Nachdem die Badenden 2016 erstmalig – und wegen ihrer Fragilität vermutlich auch das letzte Mal überhaupt – zur großen Ausstellung The Sculpture of Picasso im Museum of Modern Art nach New York reisen durften, rückten sie für den Künstler Florian Slotawa und seine Ausstellung FLORIAN SLOTAWA: STUTTGART SICHTEN nun in unerreichbare Ferne. Der Künstler aber hatte eine Idee: Er baute die Gruppe kurzerhand aus verschiedensten ihm spannend erscheinender Materialien wie zum Beispiel einem Bügelbrett, einer Farbwalze, einer weißen Falttür, ebenso weißen Bilderrahmen, einem Schwerlastregal und anderen Alltagsgegenständen zusammen. Sämtliche Materialien besorgte Slotawa in einer großen Baumarktkette.

Anstatt wie Picasso lediglich aus Alt Neu zu machen, setzt Slotawa Neues und Zweckentfremdetes zu einer Variation einer älteren Arbeit zusammen, woraus als OBI-Picasso gleichsam wieder etwas Neues wurde. Interessant ist dabei auch, dass der Künstler zuvor schon Kunstwerke interpretiert, beispielsweise eine Zeichnung aus der Serie Pier and Ocean von Piet Mondrian im MoMA PS1. Dafür griff er schon 2009, wie Picasso bei den Badenden, auf sein eigenes Wohnungsinventar zurück. Angesichts des Leihverbots der Originalgruppe von Picasso kam diese kreative Arbeitsweise dem Künstler also auch in der Ausstellung der Deichtorhallen durchaus entgegen.

Durch das Weglassen von Gesichtern und Linien, die Bauchmuskeln, Rippen und andere anatomische Merkmale andeuten wird Slotawas Gruppe abstrakter als Picassos Badende, das Geschlecht der dargestellten Figuren beispielsweise kann nun höchstens noch an den Grundformen abgelesen werden: rund meint weiblich, eckig steht für männlich. Diese Unterscheidung ist aber rein durch die Annäherung an die Formen des Vorbildes bedingt, denn Slotawa kommt es nicht auf eine Bestimmung der Geschlechter in irgendeiner Weise an. Dass aber ausgerechnet ein Bügelbrett den Körper der großen weiblichen Figur, der Taucherin, bildet, nimmt der Besucher wohl als formalen Zufall hin – vor allem im Hinblick auf die sehr klein ausfallenden Köpfe aus Schwamm, Schraubenzieher und Holzlatte der männlichen Figuren.

Iris Haist ist promovierte Kunsthistorikerin mit den Schwerpunkten Kunst des Barock und Skulptur der Moderne und der Gegenwart. Sie ist freiberuflich als Autorin und Bloggerin auf www.arttwo.de tätig.

Die Ausstellung FLORIAN SLOTAWA: STUTTGART SICHTEN – SKULPTUREN DER STAATSGALERIE STUTTGART ist bis zum 20. Januar 2019 in der Halle für aktuelle Kunst zu sehen.


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