Folge 2: Nur Handwäsche

Das Verhältnis zwischen Kunst und anderen Bereichen wie Mode, Design, Politik oder Wissenschaft ist kompliziert geworden. Oft ist nicht mehr klar, ob es sich bei den gegenseitigen Annäherungen um eine raffinierte Strategie oder um ein Versehen handelt. Es droht Beliebigkeit – doch jenseits alter Grenzen und Kategorien entsteht etwas Neues VON WOLFGANG ULLRICH

1. November 2019

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Das Verhältnis von Kunst und Mode? Eine lange Geschichte und ein zunehmend etwas langweiliges Spiel. Denn es lebte nur von der klaren Grenze zwischen beiden Bereichen. Sie zu überschreiten, hatte für beide Seiten zuverlässig etwas Frivoles: Die Modelabels riskierten, ihre Kunden zu verstören, wenn sie einen provokanten, spröden, trashigen Entwurf eines Künstlers umsetzten, diesem drohte umgekehrt der Vorwurf, sich mit dem bösen Kommerz gemeinzumachen.

Aber das Frivole lohnte sich letztlich (fast) immer: Die Künstler durften sich als Sieger fühlen, wenn sie der Modewelt ihren Stil aufzwangen, die Labels hingegen erschienen als mutig und avantgardistisch. Das wiederum ließ sich als Distinktionsvorteil an die Konsumenten weitergeben, galten diese dann doch ihrerseits als besonders avanciert. Mit einer von einem Künstler entworfenen Handtasche ließ sich noch mehr Eindruck machen als mit einem bloß teuren Stück. Und insofern profitierten alle Beteiligten vom Manöver gezielter Grenzüberschreitung.

Doch mittlerweile haben nicht wenige Marken gelernt, auch ganz ohne Künstler Strategien der Verfremdung, Brechung, Ironie oder Subversion umzusetzen; zugleich werden zumindest berühmtere Künstler ihrerseits wie Marken wahrgenommen. Eine klare Grenze zwischen Kunst und Mode existiert also höchstens noch institutionell. Das aber erlaubt neue Möglichkeiten der Kooperation. So kann heute dasselbe sowohl als Kunst wie als Mode lanciert werden, ohne dass man dabei auf einen Readymade- oder auf einen Verfremdungs-Effekt setzen muss – oder auch nur setzen könnte. Was aber passiert dafür?

Andy Dixon, Look At This Stuff Isn't It Neat. Joshua Liner Gallery, New York, 2019. Quelle: Instagram / @andy.dxn

Beispielhaft lässt sich das an den Arbeiten des kanadischen Künstlers Andy Dixon nachvollziehen. Seit etlichen Jahren malt er nicht nur Interieurs (oft nach Motiven aus der Kunstgeschichte), sondern auch teure Dinge: alte Vasen, bei Auktionen versteigerte Luxusgüter oder aber Kleidung von berühmten Marken wie Hermès, Chanel oder Versace. Dabei malt er ein Stück manchmal direkt ab, manchmal ändert er Details oder erfindet ein neues Design – im Stil der jeweiligen Marke. Das scheint ihm nicht schwerzufallen, denn mit den von ihm favorisierten Labels teilt er eine Vorliebe für kräftige Farben, für Formen der Übertreibung sowie für klassische Motive in schrillen Varianten.

2019 baute Dixon nach der Vorlage eines Versace-Schnitts erstmals auch eine Skulptur: ein Oberteil, zusammengenäht aus bemalten Leinwandteilen, dreieinhalbmal so groß wie ein originales Stück. Ohne von dem Projekt zu wissen, meldete sich Versace, noch während Dixon daran arbeitete, bei ihm, um Möglichkeiten für eine Zusammenarbeit auszuloten. So kam es, dass die Skulptur, nachdem sie in einer Dixon-Ausstellung in New York gezeigt wurde, nach Mailand gebracht wurde, um während der dortigen Design Week bei Versace präsentiert zu werden. Aber damit nicht genug. Mittlerweile hat Dixon mehrere Stücke für die Sommerkollektion 2020 entworfen. Dabei ging er wiederum von bereits existierenden Teilen der Marke aus. Nachdem er sie abgemalt und dabei modifiziert hatte, übertrug Versace die neuen Bilder auf die Stoffe.

Dixon selbst sprach in einem Interview davon, das Ping-Pong-Spiel zwischen Kunst und Mode sei in diesem Fall so oft hin und her gegangen, dass jegliche Grenze zwischen beidem verschwunden sei. Eher ist es jedoch andersherum: Nur weil es keine strenge Grenze mehr zwischen Kunst und Mode gibt, kann der Austausch so selbstverständlich stattfinden, ja kann man sich Ideen und Motive gegenseitig zuspielen, ohne dass sich durch den Transfer etwas an deren Charakter oder Status ändert. Es macht einfach keinen Unterschied, ob man einen Dixon-Versace in einem White Cube oder auf einer Modenschau sieht. Das heißt auch: Man kann (und muss) auf einmal ganz unabhängig von der Frage, ob es sich um Kunst oder um Mode handelt, entscheiden, ob einem die Teile gefallen.

Wolfgang Ullrich, geb. 1967, lebt als freier Autor und Kulturwissenschaftler in Leipzig. Er publiziert zur Geschichte und Kritik des Kunstbegriffs, zu bildsoziologischen Themen und zur Konsumtheorie. Zuletzt erschien von ihm Selfies. Die Rückkehr des öffentlichen Lebens im Verlag Klaus Wagenbach. Mehr unter www.ideenfreiheit.de