Foto: Julia Steinigeweg

»Alles was ich sehe, ist Leben«

Wie kaum ein anderer Fotograf seiner Generation beschäftigt sich Walter Schels mit Extremsituationen des menschlichen Lebens. Nun ist sein Werk im Haus der Photographie der Deichtorhallen zu sehen. Ein Gespräch über Lebensstationen, Ängste und die erste Kamera INTERVIEW: ULRICH RÜTER

18. Juli 2019

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Walter Schels ist einer der spannendsten Fotografen seiner Generation. Sein Werk ist äußerst vielschichtig und allein sich mit ihm zum Interview zu verabreden, ist ein Erlebnis. Trifft man ihn in seinem lichtdurchfluteten Loft in Hamburg-Eimsbüttel, so steht man buchstäblich mitten in seinem Lebenswerk. Das Archiv ist riesig und auch die Ausstellung im Haus der Photographie kann nur einen kleinen Eindruck von dem künstlerischen Kosmos wiedergeben, in dem sich Walter Schels bewegt.

HALLE4: Walter, Du blickst mittlerweile auf ein langes Fotografenleben zurück. Welche Rolle spielt die Fotografie heute in Deinem Leben?
Walter Schels: Die größte. Bis heute gehe ich selten ohne Kamera aus dem Haus, weil ich immer etwas entdecke.

Du hast lange im Auftrag für Magazine und für die Werbung gearbeitet, gleichzeitig gibt es ein riesiges Werk, das noch nie gezeigt wurde.
Das stimmt, ich habe viel publiziert, aber von meinem künstlerischen Lebenswerk ist bislang nur ein Teil sichtbar. Die Vielfalt, die darin steckt, liegt in Kisten verborgen. Ich bringe sie immer nur stückchenweise zum Vorschein, da ich ständig etwas Neues beginne und immer an fünf Themen gleichzeitig arbeite. Im Rückblick ist die Porträtfotografie ein selbstverständlicher Teil meines Werks – das Leben in all seinen Ausprägungen und Extremen, vom Anfang bis zum Ende. So kam auch der Titel der Ausstellung zustande. Immer bin ich auf der Suche nach dem selbstvergessenen, möglichst mimikfreien Originalgesicht. Wobei es keine Objektivität gibt, aber es gibt auf meinen Porträts oft viel zu entdecken. Die Porträtierten selbst lehnen ihre Bilder oft erst ab: zu nah, zu direkt, zu wenig Lächeln, zu wenig schön. Das ist bis heute so.

Dein Weg zum Fotografenberuf und zu Deinen Themen lief in der Rückschau nicht besonders gradlinig?
Nein, es war ein langer Weg.

Der dich von der katholischen Provinz nach New York, München und nach Hamburg geführt hat. Aber fangen wir ganz vorne an: Du wurdest 1936 in Landshut geboren…
…in eine kleinbürgerliche Arbeiterfamilie. Ich war der Jüngste, hatte fünf Geschwister, war immer verträumt, eigensinnig und ungehorsam. Und dann wurde ich mitten in die Kriegszeit hineingeboren, das waren natürlich ganz schwierige Verhältnisse. Wir hatten ein kleines Haus am Rande der Stadt, mit Garten und Tieren.

Walter Schels, Beim Friseur, 1974. Aus der Serie »Beim Friseur« © Walter Schels












»Als Lehrling habe ich mir gleich eine Leica gekauft. Diese Kamera war mein ganzer Stolz, meine Ersatzliebe«

Das klingt erst einmal idyllisch.
Nein, das war es nicht. So kann ich mich zum Beispiel nur an einziges Buch erinnern, das wir zuhause hatten: die Bibel. Lesen war für meine Eltern Zeitverschwendung. Nach dem Krieg wurde ich sehr krank. Ich lag für Monate im Krankenhaus. Ich konnte nicht arbeiten, das war das Schlimmste, denn im Krieg war unser Haus bombardiert worden und musste nun wiederaufgebaut werden – und ich konnte nicht mithelfen.

Die Fotografie war noch in weiter Ferne. Was hätten sich Deine Eltern als Beruf für Dich gewünscht?
Die hatten überhaupt keine Vorstellung. Als es dann wirklich soweit war, dass ich einen Beruf lernen sollte, da hatte mein Vater drei Möglichkeiten bei Schulfreunden von ihm gefunden: der eine Autoelektriker, der andere Verkäufer in einem Eisenwarengeschäft und der Dritte Radelflicker. Nichts von all denen wollte ich werden. Aber ich hatte eine Lehrerin, die erkannte mein Talent: Zeichnen. »Der muss Dekorateur werden!« Ich wusste gar nicht, was das ist. Fräulein Vogel ging zum Modehaus Oberpaur und setzte mich durch, obwohl ich in der Aufnahmeprüfung im Rechnen durchgefallen war. Es war ein Glück, dass ich trotzdem genommen wurde, ich war ja immer ein Rebell, immer Außenseiter.

Du warst damals doch aber noch weit entfernt davon, Fotograf zu werden. Woher kam Dein Interesse für die Fotografie?
Mein großer Bruder hatte eine Kamera. Ohne ihn gäbe es aus meiner Kindheit kein einziges Bild. Er hat fleißig fotografiert, das war mein Vorbild, aber er war kein Künstler, er hat nur geknipst. Seine Kamera durfte ich mir leihen. Es war Sonntag, ich bin spazieren gegangen und habe fotografiert: Steine und Pflanzen. Das war für mich ein unglaubliches Erlebnis. Mein Bruder schenkte mir dann meine erste Kamera, eine Box. Als Lehrling habe ich mir dann gleich eine Leica gekauft, das war ein Jahreslohn. Diese Kamera war mein ganzer Stolz, meine Ersatzliebe. Ich habe auch gleich begonnen, meine Bilder selbst zu entwickeln und zu vergrößern.

Walter Schels, Maria Hai-Anh Tuyet, 2003. Aus der Serie »Noch mal leben« © Walter Schels

Wusstest Du damals überhaupt, dass man auch Fotograf werden kann?
Nein, davon hatte ich überhaupt keine Ahnung. Mein einziger Wunsch war es, wegzukommen. Weit weg von Landshut. Ich wollte nach Amerika.

Doch dann ging es erst einmal nach Spanien.
Ja, in einer Fachzeitschrift las ich: Erster Dekorateur in Barcelona gesucht. Ich bekam Herzklopfen und bewarb mich mit Fotos von meinen Schaufenstern in Landshut. Es klappte. Auf der Zugfahrt nach Barcelona sah ich zum ersten Mal das Meer. Ich war zum ersten Mal im Ausland, sah blauen Himmel und Palmen, unglaublich. Jetzt arbeitete ich im größten Kaufhaus der Stadt, lernte Spanisch. Von dort ging es dann weiter nach Toronto und später nach Genf. Aber ich wollte schon damals keine Schaufenster dekorieren. Ich habe viel gegrübelt: Warum bin ich so, wie ich bin? Was ist meine Bestimmung und wie finde ich Sinn im Leben? Ich entschloss mich, Fotograf zu werden und dafür musste ich nach New York.

Das war 1966. Hat Dich die Stadt mit offenen Armen empfangen?
Ach wo, das war harte Arbeit. Ich war naiv, hatte keine Ahnung. Aber ich war nun endlich in New York und konnte gar nicht glauben, dass ich jetzt dort lebe. Es war wunderbar. Für mich war New York damals die faszinierendste Stadt. Es sollte meine beste Lehrzeit werden. Wochenlang lief ich mit meiner Leica um den Hals auf der Suche nach einem Assistentenjob durch die Stadt, stellte mich bei Modefotografen vor, die ich als Dekorateur aus den Modemagazinen wie Harper´s Bazaar oder Vogue kannte. In verschiedenen Studios lernte ich dann alles. Später, als ich mir schon eine gute Mappe aufgebaut hatte, stellte ich mich bei Irving Penn vor. Er hätte mir einen Vertrag als Assistent gegeben, als Printer. Aber ich wollte nicht zwei Jahre im Labor stehen, nicht einmal für Penn, ich wollte ins Studio.

Walter Schels, Schulbus, New York, 1966 © Walter Schels















»Man findet unter Fotografen oft sehr schüchterne Menschen, wie auch bei Schauspielern. Die schützen sich durch die Bühne.
Bei mir ist es die Kamera«

Hast Du damals schon Menschen fotografiert?
Ja, aber nur im Sinne der Street Photography oder Fotomodelle. Ich war sehr schüchtern. Im Prinzip ist das so geblieben. Dass ich auf Menschen zugehen kann, das kam ja viel später. Man findet unter Fotografen oft sehr schüchterne Menschen, wie auch bei Schauspielern. Die schützen sich durch die Bühne. Bei mir ist es die Kamera. Als ich in New York alles gelernt hatte, was ich brauche, bekam ich erste Modefotografie-Aufträge für Annabelle, für Elle, für Madame, auch für den Playboy. In der Zeit habe ich auch viel in Paris gearbeitet.

Du hattest dann schnell Erfolg?
Zumindest habe ich bald große Strecken fotografiert, Mode und auch viel Werbung. Anfang der Siebzigerjahre bekam ich sogar den PanAm-Etat für Amerika. Es kamen Kampagnen wie Ruf doch mal an für die Bundespost oder Alle reden vom Wetter für die Bundesbahn. Auch für L´Oréal habe ich mehrere Jahre fotografiert, für Jägermeister, Lufthansa…

Du hast mit Mode und Werbung Geld verdient, aber warst Du auch glücklich?
Nein. Mich hat die Mode ja überhaupt nicht mehr interessiert. Ich bin kein modischer Mensch. Und diese Zupferei und die Schminkerei, kaum fängst Du an zu fotografieren, kommt schon wieder der Stylist und zupft herum. Ich habe mich geärgert, ich konnte nicht fotografieren, was ich eigentlich wollte. Und das war dann auch der Grund, warum ich sagte: Keine Mode mehr, fertig. Ende. Auch mit der Werbung habe ich aufgehört. Ich war drei Jahre lang Auto-Fotograf, aber mich interessieren Autos null. Und viel Geld habe ich auch nicht verdient, ich habe alles immer gleich in die freie Fotografie gesteckt. Ich war damals unglücklich, habe immer gegen meine Ängste gelebt und gekämpft.

Du warst um die vierzig Jahre alt und in einer schweren Krise?
Ja, und dazu kam dann ein echter Tiefschlag: Anfang der Achtzigerjahre wollte ich fort aus München. Meine Greencard für die USA war gerade noch gültig, ich wollte zurück nach New York, dort war ich einfach ein anderer Mensch, so empfand ich das. Aber ein Unfall kam dazwischen. Für eine VW-Kampagne porträtierte ich Tiere, das letzte Motiv war ein Panda-Bär im Berliner Zoo. Es ging schief. Im Gehege griff mich der Bär an. Ich wollte fliehen, aber die Gattertür war blockiert. Als sie endlich aufging, hatte der Bär mich übel zugerichtet, Arme und Fersen zerbissen, eine Wade herausgerissen. Erst draußen bemerkte ich, dass er mir den halben rechten Zeigefinger weggebissen hatte.

Walter Schels, Schaf, 1984 © Walter Schels

Du hattest Glück, den Angriff überlebt zu haben.
Ja, aber als ich nach zwei Monaten aus der Klinik entlassen wurde, war meine Greencard verfallen. Eine schlimme Zeit, ich wusste nicht mehr weiter.

Wie bist Du aus dieser Situation herausgekommen?
Es gab einen Weg, der schon früher begonnen hatte, den ich nun wieder aufnahm. Bereits Mitte der Siebzigerjahre hatte ich auch für die Zeitschrift Eltern gearbeitet und Kindermode fotografiert, auch Reportagen. Irgendwann fragte der Artdirector: Hättest Du Lust, eine Geburt zu fotografieren? Ein Abenteuer. Damals war man als Mann, auch als werdender Vater im Kreißsaal nicht erwünscht. So kam ich zu meiner ersten Geburt, noch viele sollten folgen. Meine erste Aufnahme von damals ist jetzt in der Ausstellung im Haus der Photographie zu sehen.

Das war also auch eine existenzielle Erfahrung für Dich?
Ja. Die Gesichter der Neugeborenen waren für mich der Einstieg in die Porträtfotografie. Das waren für mich Gesichter der Vergangenheit, wissend, uralt, die mich in diesen ersten Lebensminuten anschauten. Danach verändern sich Gesichter sehr schnell, werden zu den vertrauten Babygesichtern. Das machte mich neugierig.

Welche Rolle spielt die Kamera?
Ich hatte von Kindheit an Ängste und Hemmungen, mich Menschen zu nähern. Die Kamera gab mir die Legitimation, auf Menschen zuzugehen, die mich interessieren. So habe ich ohne Auftrag Künstler, Musiker und Politiker porträtiert, von Andy Warhol über Leonard Bernstein bis hin zum Dalai Lama und dem Bundespräsidenten. Sehr viel später habe ich mit Hilfe der Kamera sogar meine tiefsitzende Furcht vor dem Tod überwunden. Seit meinen Kindheitserlebnissen im Krieg hatte ich schlimme Albträume und Angst vor Leichen, Särgen, Skeletten. Bis ich im Hospiz Menschen vor und nach dem Tod porträtierte. Die Kamera war oft mein Therapeut.












Walter Schels, Frühgeburt, 1981 © Walter Schels












»Wir sind in der Zeit der Befreiung, zumindest was die Körperlichkeit betrifft. Ich wünsche mir, dass jeder sagen kann: Ich bin, wie ich bin«

Wie bist du nach Hamburg gekommen?
Eigentlich ganz ungeplant. Ungefähr zehn Jahre nach der Sache mit dem Panda war ich wieder bereit, umzuziehen: Paris, Barcelona, Berlin… ich konnte mich nicht entscheiden. Da las ich im Hamburger Abendblatt eine Anzeige, dass dieses Loft, in dem ich heute noch lebe, zu mieten sei: Großstadt, Zentrum, U-Bahn, Parkplatz, hell, groß, ruhig – was will man mehr. Sechs Wochen später zog ich ein.

Nun lebst Du seit fast dreißig Jahren hier...
Hätte ich nie geglaubt. Aber hier habe ich alles gefunden, was ich brauche. Viel Platz für mein Archiv, ein schönes Studio, in dem ständig neue Arbeiten entstehen. Ich arbeite gerade wieder an einem Langzeitprojekt.

Du sprichst von den Porträts von transsexuellen Jugendlichen, die in den Deichtorhallen erstmals gezeigt werden?
Ja, das ist gar nicht einfach. Sie können sich nicht annehmen in ihrem angeborenen Körper, also nehmen sie eine langwierige medizinische Prozedur auf sich, um ihn anzupassen. Viele haben Angst vor der Öffentlichkeit. Ich kann mich einfühlen. Das ist ein so wichtiges Thema. Dass sich die Porträtierten nicht wohlfühlen in ihrer Haut, ist Schicksal. Wir sind in der Zeit der Befreiung, zumindest was die Körperlichkeit betrifft. Ich wünsche mir, dass jeder sagen kann: »Ich bin, wie ich bin.« Ich hoffe, dass meine Bilder dabei helfen. Aber Selbstakzeptanz ist ein Kampf, wahrscheinlich für die meisten von uns und ich weiß, wovon ich spreche.

Gibt es denn einen anderen Weg, als den Kampf?
Na, klar, Resignation. Unglücklich bleiben. Aber ich bin froh, dass ich als Fotograf heute nicht mehr kämpfen muss. Der Fotografie verdanke ich viele gute Begegnungen. Was ich mir wünsche, ist mehr Muße für experimentelle Arbeiten, die ich schon lange im Kopf habe. Es ist noch so viel zu tun!

Ulrich Rüter, 1965 geboren, Fotografie- und Kunsthistoriker, lebt in Hamburg. Als freier Autor, Dozent und Kurator arbeitet er für zahlreiche Magazine und Institutionen, so u.a. auch für die Hamburger Deichtorhallen, zuletzt als kuratorischer Berater der 7. Triennale der Photographie Hamburg.

Die Ausstellung WALTER SCHELS. LEBEN ist noch bis zum 3. Oktober im Haus der Photographie zu sehen.


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