Faustschläge für alle

In Ralf Ziervogels wimmeligen Gewaltszenarien werden Frauen wie Männer durch die Mangel gedreht. Man kann sie als Panoptiken der Gleichberechtigung lesen – aber sind vor der dargestellten Brutalität wirklich alle gleich? VON NINA LUCIA GROSS

5. März 2019

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Ralf Ziervogels Kunst ist körperlich, sie ist sexualisiert, sie ist gewaltvoll, sie sprengt Dimensionen, im Großen wie im Kleinen. Viele sagen daher: Ralf Ziervogels Kunst ist typisch männlich. Gewaltverherrlichende, frauenfeindliche, pubertäre »Jungskunst«. Auf diese Rezeption – oder soll man es viel eher Vorwurf nennen? –, angesprochen, antwortet Ziervogel selbst in einem Interview im Vorfeld seiner aktuellen Ausstellung: »Ich hoffe, nicht als Feminist zu enden. Und auch nicht als Macho«.

Die dargestellten Szenen sexueller Gewalt sind weder ästhetisierte innere Misogynie noch mahnende Abbilder einer feministischen, antisexistischen Agenda; wenn seine Kunst »frauenfeindlich« sei, dann müsse sie auch als »männerfeindlich und kinderfeindlich« bezeichnet werden, so der Künstler. Und: »Mir geht es eher um den Endeffekt, und der Endeffekt ist die totale Gleichberechtigung.« Die explizite Darstellung von körperlicher – sowie sprachlicher – Gewalt soll demnach als die große Gleichmacherin dienen; indem alle, wirklich alle, unabhängig ihrer physischen wie gesellschaftlichen Eigenschaften, durch das Perpetuum Mobile der Gewalt gezogen, penetriert und bis zur Unkenntlichkeit verzerrt werden. Beinahe utopisch.

Was ist nun aber wirklich in Ziervogels Bildern zu sehen? Wie viel Gleichheit, wie viel Männlichkeit und Wut kann man in den größt- und kleinstformatigen Arbeiten erkennen – und wo genau? Ganz gegenständlich präsent ist zunächst die Gewalt in Ziervogels kleinteiligen Wimmelbildern. Ihre Figurationen kennen kein Anfang und kein Ende, es sind unendliche Ketten, Kreisläufe der Verzerrungen, Dehnungen und Penetrationen, Durchbohrungen, Faustschläge und sich ineinander verkeilende Bisse. Eine Domino-Reihe des Einsteckens und Austeilens.

Ralf Ziervogel, Young German Art, 2004 (Detail) © Ralf Ziervogel/VG Bild-Kunst Bonn, 2019

Dieses ungeordnete Ringelreihen der Zumutungen, Erniedrigungen und Verletzungen teilt sich Ziervogel mit den Höllenbildern eines Hieronymus Bosch. Bei Ziervogel allerdings wird daraus keine moralische Geschichte gestrickt, die Verhältnisse bleiben ungeklärt. Auch die geschlechtlichen Verhältnisse? Hier muss man Ralf Ziervogel zustimmen: Die Opfer- und Täterrollen sind gleichberechtigt verteilt, beziehungsweise sowieso nicht mehr voneinander unterscheidbar. Was einem zugetragen wird, wird zumeist sofort weitergegeben.

»Vulvas, After, Eicheln sind die Sollbruchstellen der dargestellten Körper, sie sind Angriffsfläche und Angreifende zugleich – sie bersten, bluten, platzen, schlucken, stoßen, würgen«

Körperliche und sexuelle Differenzen werden dabei jedoch mitnichten aufgehoben, sondern betont. Vulvas, After, Eicheln sind die Sollbruchstellen der dargestellten Körper, sie sind Angriffsfläche und Angreifende zugleich. Es sind Körperöffnungen im direkten Sinne des Wortes: sie bersten, bluten, platzen, schlucken, stoßen, würgen. Ralf Ziervogel würde wohl sagen, es geht hier nicht um sexuelle Gewalt, sondern um Gewalt, um unter Druck und Zug stehende Körper an sich – die Geschlechtsteile sind bloß Stellvertreter ihrer besonders hohen Sensibilität, ihrer ungeschützten Verletzlichkeit, ihrer materiellen Qualitäten aus Prall- und Schlaffheit, Feuchtigkeit und Durchlässigkeit.

Aus einer geschlossenen Bildlogik heraus kann man dieser Argumentation tatsächlich folgen, nur: kein Bild existiert allein. Und dieses Bild, das kennen wir schon. Ästhetisierungen sexueller Verletzungen und Übergriffe sind in einer Gegenwart, in welcher Rape Culture in Pop- Hoch- und Alltagskultur zur ekelhaften Normalität geworden sind, alles andere als per se originell oder radikal. In einer Gegenwart, in der zudem längt Einsicht darüber gewonnen wurde, wie die Darstellung von Gewalt gegen prekäre Körper zur direkten Ausübung von Gewalt führt, können sich diese Bilder auch nicht länger in die Unschuldsvermutung der freien Kunst flüchten. »In die Eier treten oder in die Muschi treten – nichts davon passiert wirklich. Das sind Zeichnungen«, sagt Ralf Ziervogel dazu in seinem Interview. Dies scheint ein anachronistischer Zugriff auf die Wirklichkeitskonstituierende Dimension von Bildern zu sein.

Ralf Ziervogel, Artist Architect, 2016 Foto: Ralf Lenk © Ralf Ziervogel/VG Bild-Kunst Bonn, 2019

Noch offensichtlicher wird dies bei Ziervogels Text-Arbeiten, wie seine Werkgruppe Cross: Große, dick weiß bemalte Leinwände, auf denen aus der Ferne ein feines Kreuz, ein Fadenkreuz, ausgemacht werden kann. Tritt man näher, entblößt sich der vermeintliche Strich als Schrift, wir lesen Flüche. »Wenn du das liest...« beginnt jeder der Texte. Wir kennen den Spruch als Filzstiftschrift auf Schultoiletten oder in Holztische geritzt, ein Teenie-Trick. Danach folgt erfahrungsgemäß eine Beleidigung oder in der Horrorfilm-Version die Androhung eines schrecklichen Schicksals.

Bei Ziervogel ist es Zweiteres, das Schicksal wird einen jedoch nicht selbst treffen, sondern eine dritte Person; hier Protagonist*innen des Kunstbetriebs, Künstlerkolleg*innen – tatsächlich sind der Großteil der Schriftbilder Frauen gewidmet. Sie oder ihre Angehörigen werden unheilbar krank, sie sterben auf schrecklich Art und Weise. In winzig kleiner Schrift, penibel und fehlerfrei auf die kleinen Blätter gesetzt, verstören die Texte; nicht nur aufgrund der Spannung zwischen ihrer kontrollierten Form und ihrem wüsten Inhalt, sondern auch wegen ihrer Anschlussfähigkeit an den realen Alltag. Vergewaltigungs- sowie Mordandrohungen, wüste Beleidigungen von in der Öffentlichkeit stehender Frauen; das ist gelebte Realität. Diese hier in der kunsthandwerklich perfektionierten Form nachzuvollziehen, kann nicht nur re-traumatisierend und verletzend sein, es ist vor allem auch redundant und ermüdend.

Tatsächlich sind Ziervogels Arbeiten dann am interessantesten und differenziertesten, wenn er seinen eigenen Körper zum Gegenstand wählt. So bei den Körperabdruckbildern: lange Bahnen Papier, auf die der Künstler aus Abdrücken eigener Körperteile ornamentale Figurationen setzt – mal animalische, mal technoide. Die Körperteile werden zu sich wiederholenden Stempel, seine Faust, sein Ohr, sein Penis, seine Fingerkuppen. Sie sind präzise gesetzt und dazwischen: Blankes Weiß. Keine zufälligen Abdrücke, keine Risse im Papier – so präsent die Körperfragmente als Formen sind, so unsichtbar ist der Körper selbst, er hinterlässt keine »natürlichen«, zufälligen Spuren. Eine Darstellung von Fragmentierung und Dekonstruktion des Körperlichen gelingt Ziervogel hier ganz ohne Reproduktion realer Gewaltnarrative; eine Erleichterung.

»Ziervogels Arbeiten sind dann am interessantesten und differenziertesten, wenn er seinen eigenen Körper zum Gegenstand wählt und aus Abdrücken eigener Körperteile ornamentale Figurationen setzt«

Ralf Ziervogel, Dis res publica, 2004 © Ralf Ziervogel/VG Bild-Kunst Bonn, 2019

Noch einmal taucht Ziervogel selbst in der Ausstellung auf, in einer gleich mehrfach außergewöhnlichen Arbeit: Ein fotografisches Porträt des Künstlers, auf den Schultern sein kleiner Sohn. Die beiden tragen identische Anzüge und Krawatten, sie stehen vor einem Friedhof mit sich tief verbeugenden Trauerweiden. Der Sohn greift dem Vater ins Gesicht, fasst ihm in den Mund und zieht die Mundwinkel auseinander, macht dem Vater eine Grimasse. In dem gespreizten Mund, dem verzerrten Gesicht des Vaters und der speckigen Freude des Sohnes findet sich im Kleinen die ganze Zerrissenheit der Tableaus. Der fremdbestimmte, verformte Mund, die Kraft und Unbekümmertheit der zupackenden Hände.

Im Kontext der übrigen Ausstellung ist es nicht nur eine ungewöhnliche Arbeit, sondern auch ein ungewohntes Künstlerportrait, ein ungekanntes Männerbild. Nicht nur zeigt sich Ralf Ziervogel als Vater – er zeigt sich auch als die Kontrolle verlierender, zerrissener Körper, der just von seinem Nachkommen, der ihm bereits im Nacken sitzt, bearbeitet und bestimmt wird. Die förmliche Kleidung, der Anzug als Uniform des prototypisch Männlichen, der die beiden zu einer zweiköpfigen Parodie der Maskulinität verwachsen lässt, tut sein Übriges. In diesem Bild ist Ziervogel wohl kein Feminist und auch kein Macho, er ist ein Mann, der zur Abwechslung mal weder auf den großen Schock-Effekt, noch auf den Fetisch fremder Körper setzt. Und dabei ganz offensichtlich mit den eigenen Verletzlichkeiten und Differenzen kämpft.

Nina Lucia Groß arbeitet als freie Autorin und Kuratorin und promoviert im Fach Kunstgeschichte an der Universität Hamburg. Sie ist Gründungs- und Vorstandsmitglied des feministischen Netzwerks femrep e.V.

Die Ausstellung RALF ZIERVOGEL – AS IF ist noch bis zum 17. März in der Sammlung Falckenberg zu sehen.


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