»Wie ein herabgefallenes Paket«

Der Künstler Ralf Ziervogel plant auf dem Tempelhofer Feld in Berlin einen riesigen Kubus errichten zu lassen. RAPHAEL DILLHOF sprach mit dem Künstler über sein Architekturprojekt.

11. Oktober 2018

Du willst ja einen großen Würfel auf dem Tempelhofer Feld in Berlin bauen, eine gigantische, begehbare Riesenskulptur mit den Maßen 120 x 120 x 120 Meter. Wie entsteht so eine Arbeit? Woher kommt diese Idee – vor allem, wenn man ja sonst eher zeichnerisch arbeitet?
Eigentlich ist das Ganze aus einer Notlüge heraus entstanden. Noch in der Hochschule sollte ich mich nach der Grundlehre für eine Klasse entscheiden. Damals fand ich Christiane Möbus ganz gut, und dann habe ich mich eben vorgestellt. Die Professorin war von meiner Arbeit ziemlich unbeeindruckt und meinte, vielleicht passe das nicht, sie arbeite eher konzeptuell. Dan meinte ich: »Ich hab’ selbst auch Konzepte«. Genau in diesem Moment habe ich mir das spontan ausgedacht. Ich bin dann natürlich nicht aufgenommen worden, aber irgendwie hat mir das keine Ruhe gelassen. Allein diese Vorstellung, dass in so einem riesigen Raum mehr passieren kann als etwas Pseudosakrales, sondern dass sich da noch ein anderes Gefühl entwickeln könnte, so eine Art Platzangst, so ein ...

... Schwindel?

Genau, ein Schwindel. Das fand ich spannend. Noch dazu den Kubus als ganz simple Form, die keinem gehört, aber die trotzdem einen menschlichen Fingerabdruck, eine Urform von menschlicher kognitiver Fähigkeit darstellt. Dann habe ich das weitergesponnen und Gespräche mit Architekten geführt. Über Jahre, auch im Ausland. Die meinten alle: Total sinnlos, da denken wir gar nicht erst drüber nach. Die haben mir dann alle das gleiche Buch gezeigt: »Unmögliche Architektur«. Dann kam die zweite Komponente dazu: ich wollte das eben unbedingt in die Realität übersetzen. Das hat dann vielleicht sogar auch was mit einer Zeichnung zu tun.

Ich wollte das aus meinem Kopf übertragen haben und zwar so schnell wie möglich. Und dann habe ich mir das über die Jahre immer mehr selbst zusammengewürfelt: Die Dimensionen, dass das Stahl sein muss – am Anfang war das noch gemauert. Und Innen gibt es dann einen zehn Meter hohen Stahlbetonsockel, von allen vier Seiten gehen Rampen hoch, und auf diesem Plateau wird dann Moos ausgelegt. Ein bestimmtes Moos, mit dem in Portland Gehwege ausgelegt sind. Das ist widerstandsfähiger als Gras.

Modell des Sockels der Skulptur ECCE. Courtesy Ralf Ziervogel

Also die Pläne sind jetzt so weit, dass es sofort gebaut werden könnte, wenn die Finanzierung stehen würde?
Genau. Richtig konkret wurde es dann erst, als ich bei Statikern war, nicht bei Architekten. Da war ich dann in Berlin beim Büro Schlaich Bergermann und Partner. Die hatten damals, schon bei der ersten documenta, ein fließendes Dach über einen Kilometer gebaut und waren die ersten, die nicht Nein gesagt haben – das Büro hat mir dann die Statik berechnet und die Machbarkeit bestätigt. Zufällig hat das David Chipperfield gesehen, weil die da gerade zusammengearbeitet haben. Chipperfield hat mich dann eingeladen – und ich habe ihn gefragt, ob er das nicht formschön machen will. Das Modell war damals noch sehr hässlich, mit schweren Stahlbetonsäulen an den Ecken.

Der Kubus sollte also leicht wirken?

Leicht auf der einen Seite, aber es ist mir auch wichtig, dass es kein Geheimnis gibt in dem Projekt, dass alles überall gleich ist, nur Wiederholungen. Und dann haben die das gemacht. Es gab noch eine Firma, die die Kopplungsstücke entworfen hat. Da war der Plan quasi komplett. Erst dann war es sozusagen zum ersten Mal ein richtiges »Kunstwerk«. Selbst das ist ja noch nicht fertig – es muss erst gebaut werden.

»Es ist mir wichtig, dass es kein Geheimnis gibt in dem Projekt – dass alles überall gleich ist, nur Wiederholungen.«

War dieses »Nein«, diese Ablehnung dann auch zusätzlich Antrieb? Ist der jahrelange Prozess, dieses Kämpfen, die Herausforderung vielleicht 
für dich auch das, was dich daran interessiert?
Für mich persönlich ist es eine Herausforderung – aber für das Projekt ist schon die Umsetzung das Wichtige. Ich arbeite da ja immer noch daran, dass es wirklich gebaut wird. Von Christos Finanzierungsplänen habe ich etwa gelernt, dass man die Tourismuseinnahmen dazurechnet, die das Projekt für die Stadt und die Wirtschaft generieren würde. Damit bin ich dann zum Berliner Senat gegangen und die haben nach ein paar Wochen zurückgeschrieben, dass ich bis – damals war das noch 2017 – die Berechtigung habe, das Projekt umzusetzen, wenn die Finanzierung stünde. Man könnte hier quasi alles machen, wenn man eine große Fremdfinanzierung hätte. Vorausgesetzt es ist kein riesiges Hakenkreuz. Für die Stadt Berlin ist das eine riesige Win-Win-Situation.



Gibt es da nicht auch Gegenwind? Gerade was jetzt das Tempelhofer Feld betrifft?


Überhaupt nicht. Die waren erstmal belustigt, aber dann wurde es natürlich immer ernster – wenn die Bauphase beginnt, muss man natürlich alles weiträumig absperren. Aber die Mitte, das Feld wird ja überhaupt nicht tangiert. Das Gebäude ist ja auch mobil und temporär geplant. Das einzige, was manifest ist, ist der Sockel mit der Bewässerungsanlage für das Moos und selbst der kann relativ leicht rückgebaut werden. Das soll ja jetzt auch kein esoterischer Tempel werden. Nach dem Bau würde ich es sofort der Stadt übergeben. Da soll kein Eintritt gezahlt werden müssen, das soll kompletter Freiraum werden. Auf jeden Fall gab es da eher positive Signale. Ich hatte sogar schon am Anfang die Zusage von einer Bank, ein Drittel zu stemmen. Aber das war vor der Finanzkrise.

Faltposter zum Projekt ECCE. Courtesy Ralf Ziervogel

Irgendwas zieht die Menschen da offenbar an, an diesem Projekt. Diese Vorstellung ist so groß, man will das einfach realisiert sehen.
Oft ist es ganz anders. Ich war zum Beispiel mal bei den Architekturtagen in Ulm eingeladen, um das Projekt vorzustellen. Und da ging es auch ein bisschen so um neue Unmöglichkeiten. Nach meinem Vortrag stand so ein Typ auf und meinte: Dieses Ziervogel-Ding, ich hoffe das wird nie gebaut! So eine schlimme Nazi-Idee, so ein Naziklumpen der dort hingestellt werden soll. Und ich gucke so und denke: Der Tempelhofer Flughafen, das ist doch der Nazibau! Dabei geht es mir nicht einmal darum. Das ist so ein nüchternes Projekt für mich. Der Würfel als ganz einfache Form, auch noch temporär, auf so einem riesigen Feld, das ja selbst schon so groß ist. Einerseits ist das natürlich ein »Wow«-Moment, andererseits ist es auch total vermittelbar und zugänglich. Der Würfel hat dann am Ende des Tempelhofer Feldes – Luftbrücke und so – ja fast schon etwas von einem herabgefallenen Paket. Wie ein Witz.

Du meintest ja, dass alle Architekten sich dagegen gesträubt haben, weil sie meinten, dass dieses Projekt sinnlos sei. Vielleicht ist es das, womit man eben so aneckt, wenn man sich gegen dieses Zweckdiktat der Architektur stellt?
Man muss sich nur das Guggenheim Museum in New York ansehen. Frank Lloyd Wright muss ja Kunst gehasst haben, wenn man sich diesen Garagenparcours ansieht. Ohne eine einzige gerade Wand! Aber das macht es ja gerade spannend: Etwas in diese Sinnlosigkeit treiben, etwas aushebeln wollen, auch mit einer gewissen Aggression – da passiert ja dann trotzdem etwas Erbauliches. Und dieses Prinzip wende ich auch an. Dieser Kubus ist ja erstmal wertefrei in seiner Form, aber in seiner Dimensionierung natürlich nicht mehr. Da ist er richtig brachial. Das wollte ich ja, dass man da drin ist und dann Angst bekommt.

Apropos Angst – der Titel ECCE selbst ist ja auch schon sehr groß, das ist ja im Grunde ein Bibelzitat.
Auf jeden Fall hat es ja was Sakrales mit »Ecce homo«, diesem Bibelzitat. Reduziert auf »ecce« heißt das dann einfach »Siehe da« – und das ist auch sinnstiftend, weil man es erst sieht, wenn es dann tatsächlich endlich da ist. Gleichzeitig ist das auch so ein Spiel mit der deutschen Sprache – ECCE. Ecke. So ein Kubus hat natürlich Ecken. Und daneben steht dann am Ende vielleicht so eine typische Berliner Currywurstbude. Und wie würde die heißen? »An der ECCE«.

Raphael Dillhof studierte in Wien Kunstgeschichte mit Schwerpunkt Architektur. Er arbeitet als freier Autor und Kurator in Hamburg.

Die Ausstellung RALF ZIERVOGEL – AS IF ist noch bis zum 27. Januar 2019
in der Sammlung Falckenberg der Deichtorhallen zu sehen.

»Etwas in diese Sinnlosigkeit treiben, etwas aushebeln wollen, auch mit einer gewissen Aggression – da passiert ja dann trotzdem etwas Erbauliches.«

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