Hyper Diaries #1

Für sein kommendes Ausstellungsprojekt HYPER! in den Deichtorhallen erzählt der Kurator und Autor MAX DAX in zehn Teilen vom Dialog zwischen Kunst und Musik.

11. Oktober 2018

Ich bin interessiert an Narrativen. Die Welt ist die Summe ungezählter Geschichten, und jeder Mensch trägt mindestens eine Erzählung in sich. Als Autor und Journalist führe ich seit drei Jahrzehnten Interviews mit Protagonisten der Musik- und Kunstwelt, weil jeder Musiker und Künstler Dinge zu erzählen hat, die weit über das jeweilige neue Album, das neue Bild oder die gerade aktuelle Ausstellung hinausgehen. In dem Moment, wo man sich als Autor von der Idee der Dienstleistung gegenüber dem Leser abwendet, trägt jede Geschichte, die in einem Interview oder Gespräch zum Ausdruck gebracht wird, zu einer Art Weltgedächtnis bei.

Als mich Dirk Luckow, der Intendant der Deichtorhallen, ausgerechnet an meinem letzten Geburtstag um Punkt 10 Uhr morgens anrief, um mich zu fragen, ob ich mir nicht als Quereinsteiger aus der Musikwelt vorstellen könne, eine Ausstellung über Musik und Kunst zu kuratieren, sagte ich zu.

Eine Geschichte gegenseitiger Inspiration, zusammengesetzt wie ein Puzzle aus lauter Fragen und Antworten von Künstlern und Musikern — das klang nicht nur vielversprechend, sondern auch reizvoll.

Ich musste mich gleich an ein langes Gespräch erinnern, das ich vor ein paar Jahren mit Alexander Kluge geführt hatte. Damals war ich noch Chefredakteur der ersten Berliner Spex-Redaktion, und auch in dieser Funktion galt mein Interesse ausschließlich dem Erkenntnistransfer, der den Autoren der Spex die Rolle von Vermittlern zuwies, die zwischen den Lesern und deren Objekten der Begierde in vielen Gesprächen moderierten.

Alexander Kluge also nahm den Telefonhörer ab, und wir redeten für vielleicht eine Stunde. In dem Gespräch, das auch in meinem in der Edition Suhrkamp erschienenen Buch »Dreißig Gespräche« nachgedruckt wurde, erklärt Alexander Kluge in wenigen Sätzen das Wesen des Gedankenaustauschs: »Je mehr man fragen kann, desto mehr wird man zum Anwalt auf der Seite des Lesers, da man quasi stellvertretend für den Leser fragt. Man steht auf der Seite der menschlichen Gefühle, die ja im übertragenen Sinne aus Splittern bestehen.«

Alexander Kluge telefoniert mit Max Dax.

»Die Gefühle verlangen, dass man mitunter erfundene Geschichten erzählt. Das aber kann nur die Literatur, das kann der Journalismus nicht. Mehr noch: Das Gespräch ist eine notwendige Erzählform der Moderne. Das Interview ist eine Seitenform des Gesprächs. Zugleich ist es die unter Menschen geläufigste Art der Kommunikation. Das Schöne an Gesprächen ist, dass sie in der Regel kreisförmig sind oder elliptisch, dass man auf zuvor Gesagtes zurückkommt, Erzähltes verfeinert, sich gemeinsam an etwas annähert. Ich mag es lieber, wenn zwei Menschen miteinander reden, als wenn einer mir erzählt.«

Aneinander interessiert zu sein, bedeutet in einen Dialog zu treten. Man kann das auch im übertragenen Sinne verstehen: Ein Musiker kann an den Funktionsweisen des Kunstbetriebes und an den Maltechniken von Gemälden interessiert sein, um daraus gewonnene Erkenntnisse in seine Kompositionen oder seine Bühnenperformances einfließen zu lassen. Oder ein Maler stellt sich die berechtigte Frage, weshalb Musik, die über Massenmedien wie Schallplatten oder das Radio verbreitet wird, oft leichter, weniger akademisch, zugänglicher daher kommt, obwohl es sich doch in beiden Fällen um Künste handelt, die, so könnte man annehmen, sich doch stets auf die Welt und das Ich oder meinetwegen auf die Liebe und das Politische beziehen.


»Die Ausstellung HYPER! – A JOURNEY INTO ART AND SOUND setzt genau an diesem Punkt an: Was passiert, wenn man an der Sprache der Anderen interessiert ist, wenn man im Dialog zuhört?«

Mein Konzept für die Ausstellung HYPER! – A JOURNEY INTO ART AND SOUND setzt genau an diesem Punkt an: Was passiert, wenn man an der Sprache der Anderen interessiert ist, wenn man im Dialog zuhört?

 Alexander Kluge: »Ich brauche die Liebesgeschichten, um ein Gefühl dafür zu haben, was in der Politik wichtig ist. Ich nehme also eine Landkarte, die auf die Intimität passt, und wende sie auf das Politische an. So, als ob ich mit dem Stadtplan von Großlondon den Harz durchwandere. Dann sieht das Politische nämlich anders aus. Das ist, kurz gesagt, meine Methode.«



Ich frage Kluge: Methode oder Weltformel? Seine Antwort: »Ich betreibe Cross-Mapping. Das ist das Gegenteil einer Formel. Mich interessieren die Einzelheiten. Private und öffentliche Schwierigkeiten zusammenzubauen, das nennt man Cross-Mapping.«


Um nichts anderes als Cross-Mapping geht es in HYPER! Was geht in einem international erfolgreichen Malerstar vor, wenn er die Musik der Hamburger Band Scooter hört, weil diese Musik sich nicht mit Überbau, Theorien, Akademischem aufhält? Und wie verändern sich Musik und Songlyrik, wenn ein Sänger fasziniert entdeckt, dass der Konzeptkünstler Joseph Kosuth einst mit Mayo Thompson Teil der Band/Künstlergruppe Art & Language war?

Ölgemälde von Emil Schult, das als Grundlage für das Cover der 1974 erschienenen Kraftwerk-Platte »Autobahn« diente.



Monate später rufe ich Alexander Kluge wieder an. Dieses Mal frage ich ihn, ob er sich nicht vorstellen könne, an der Ausstellung als Künstler teilzunehmen. Auf der von Okwui Enwezor im Jahr 2015 kuratierten Biennale All the World’s Futures in Venedig war mir seine Videoinstallation mit dem Titel Nachrichten aus der ideologischen Antike stark in Erinnerung geblieben. Auf drei Bildschirmen liefen parallel drei Filme — in der für Alexander Kluge so typischen und aus seinem TV-Program dctp bekannten Machart. Das übergeordnete Thema war »Das Kapital« von Karl Marx. Für HYPER! wird Alexander Kluge eine ähnliche Arbeit beisteuern, nur eben zum Thema Cross-Mapping, mit besonderem Bezug zur Musik.

 Dass sich Alexander Kluge mit Musik mehr als auskennt, hat er längst zur Genüge bewiesen. Unser letztes Interview, es erschien im Januar 2017 in der Frankfurter Rundschau anlässlich der acht Katalog-Konzerte von Kraftwerk in der Berliner Neuen Nationalgalerie, hatte die Musik von – eben – Kraftwerk zum Thema.



Ich fragte ihn: »Kraftwerk wurden zuletzt kritisiert dafür, dass sie im Museum auftreten – es wurde behauptet, die Band täte dies, um zu Lebzeiten die Absolution des Kunstbetriebs zu bekommen. Das greift aber zu kurz. Museen begreifen sich ähnlich wie Theater zunehmend als öffentliche Räume, in denen offene, nach allen Seiten hin durchlässige Situationen geschaffen werden können. Statt ein neues Album zu veröffentlichen, erfinden Kraftwerk einen neuen Musiker-Künstler-Hybrid, der seiner Zeit möglicherweise voraus ist und in der Kunst- wie der Musikwelt gleichermaßen zuhause ist.«

Alexander Kluge: »Musiker-Künstler-Hybrid – das klingt wie Mensch-Maschine. Ich kann Ihnen gut folgen, würde aber noch einen entscheidenden Schritt weiter gehen: Als die Römer in Gallien einfielen, bauten die Gallier Fluchtburgen – wie das Dorf von Asterix, also kleine, bewaffnete Vorratshäuser. Dies sind heute die Museen. Wenn wir also überall und jederzeit von einem Zuviel an Kommerz, an billigen Bildern und Gebrauchsmusik umgeben sind, dann brauchen wir Fluchtburgen. Und das können die Museen sein, wenn sie so agieren wie die Neue Nationalgalerie. Während der acht Kraftwerk-Konzerte war die Halle eine Werkstatt und Fluchthöhle – aber kein Museum. Wir Filmleute müssen es Kraftwerk eigentlich gleichtun und in die Museen fliehen. Weil uns gar nichts anderes übrig bleibt. Auf den Festspielen in Venedig oder im MoMA – da gibt’s noch Film. Da geht die Filmgeschichte weiter, während sie in den Kinos nicht weitergeht.«


Ich: »Dann wären Kraftwerk eine soziale Skulptur im Beuys’schen Sinne.«

Alexander Kluge: »Absolut. Und die Museen bekennen sich zugleich zum Begriff der Öffentlichkeit. Öffentlichkeit verschwindet ja angesichts einer Sintflut an Werbung. Das gilt für viele Bereiche, nicht zuletzt das Fernsehen. Hier wird schon lange nicht mehr für eine Öffentlichkeit Fernsehen gemacht.«


Ich bin sehr gespannt auf das Triptychon, das Alexander Kluge zur HYPER!-Ausstellung beisteuern wird. Wir werden alleine vor seiner Arbeit, die nichts anderes als eine Erkenntnisschnittstelle sein wird, Stunden verbringen können. Und nur ein paar Meter weiter werden wir bis dato ungezeigte Arbeiten von Emil Schult sehen, dessen ikonische Plattencover für die Band Kraftwerk Kunst- und Musikgeschichte geschrieben haben.



Es bleibt spannend.

Der Autor und Journalist Max Dax vertritt genau wie der Soziologe Klaus Theweleit die Position, dass jedes Gespräch das Potential hat, weit mehr zu sein als die Summe seiner Bestandteile. In seiner bisherigen Laufbahn war Max Dax Herausgeber bzw. Chefredakteur von Magazinen wie Alert Interviews, Spex oder dem Electronic Beats Magazine by Telekom. Als Autor schrieb er Bücher über Nick Cave, Einstürzende Neubauten, CAN und Scooter. In Berlin kuratiert er das Programm der Santa Lucia Galerie der Gespräche. Für die Deichtorhallen entwickelte er das Ausstellungskonzept für die Ausstellung HYPER! A JOURNEY INTO ART AND MUSIC, die er zugleich auch kuratiert. Die Ausstellung eröffnet am 28. Februar 2019 in der Halle für aktuelle Kunst.

»Wenn wir also überall und jederzeit von einem Zuviel an Kommerz, an billigen Bildern und Gebrauchsmusik umgeben sind, dann brauchen wir Fluchtburgen. Und das können die Museen sein.«

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