FOTO: KYRRE SKJELBY KRISTOFFERSEN

»Ich bin kein optimistischer Mensch«

In ihren digitalen Collagen zeigt die norwegische Künstlerin Frida Orupabo den kolonialen Blick auf schwarze Körper. Ein Gespräch über Instagram, ihre Zusammenarbeit mit Arthur Jafa und warum es schwierig ist, die Wahrheit zu sagen. VON DAMIAN ZIMMERMANN

28. September 2021

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Frida Orupabo, warum haben Sie Ihren Instagram-Kanal @nemiepeba gestartet? Was war Ihr Ziel und was ist Ihr künstlerischer Hintergrund?
Ich bin Autodidaktin. Ich habe keine Kunstschule besucht, aber ich zeichne und male und »arbeite« mit dem Visuellen, solange ich mich zurückerinnern kann. Ich habe Soziologie studiert und bis vor kurzem viele Jahre als Sozialarbeiterin gearbeitet. Ich habe mit dem Instagram-Kanal begonnen, weil ich einen Raum schaffen wollte, in dem ich Texte, Bilder, Filme und vieles mehr sammeln und speichern kann. Ich habe ein schreckliches Gedächtnis, und so dient mir Instagram bis heute als persönliches Archiv, das mir hilft, mich an Dinge zu erinnern, die für mich wichtig waren. Außerdem wollte ich einen »Safe Space« erschaffen, in dem ich meine eigenen Arbeiten veröffentlichen konnte.

Sie begannen mit Bildern aus ihrem eigenen Leben.
Das stimmt. Nach einiger Zeit begann ich, mehr und mehr gefundene Bilder und Materialien zu verwenden. Die Verwendung von mehr Archivmaterial hat mir bewusst gemacht, dass Instagram als Plattform oder Struktur mir einen Umgang mit Bildern ermöglicht, nach dem ich schon lange gesucht habe. Das quadratische Format beziehungsweise die Raster fühlen sich wie eine digitale und organisierte Collage an, und mit jedem neuen Inhalt, den ich veröffentlicht habe, änderte sich die Erzählung ein wenig weiter. Es war sowohl ein Tagebuch als auch ein kuratierter Raum, in dem nichts weggeworfen, sondern sorgfältig ausgewählt wurde.

Frida Orupabo: Untitled, 2019. Courtesy Galerie Nordenhake Berlin/Stockholm/Mexico City Photo: Gerhard Kassner

Es gibt seit längerem eine Diskussion darüber, was man mit Fotos aus der Kolonialzeit machen sollte und ob man sie überhaupt noch anschauen oder zeigen darf. Wie denken Sie darüber?
Wie bei allem anderen halte ich den Kontext, in dem sie gezeigt werden, für wichtig – genauso wie die Fragen, die dabei gestellt werden: Wie werden sie präsentiert? Wer zeigt sie? Wo und wie gehen wir mit diesen Archiven um? Ich habe viel über Eigentum und Urheberrechte nachgedacht. Die meisten dieser Fotos sind im Besitz von Institutionen oder weißen Privatsammlern. Sie sind mit Wasserzeichen versehen, was bei mir Assoziationen zu menschlichem Branding weckt. Das ist surreal, wenn Sie mich fragen.

Was meinen Sie mit »Wasserzeichen«?
Ich meine die Technik, mit der digitale Inhalte mit Urheberrechtsinformationen versehen werden. Die sichtbaren Markierungen oder Tags.

Wie sind die Reaktionen der schwarzen Community auf Ihre Arbeit und Ihren plötzlichen Erfolg? Gibt es irgendwelche Ressentiments oder ein anderes Gefühl der besonderen Verantwortung?
Ich glaube, die Reaktionen werden immer unterschiedlich ausfallen. Ich habe viele großartige Gespräche geführt, die mir geholfen haben, kritischer über meine eigene Arbeit und die von anderen nachzudenken. Vor allem, wenn es um die Nutzung von kolonialen Archiven geht. Wenn es um Verantwortung geht – und ich nehme an, Sie denken hier an Gemeinschaft und Kunst –, habe ich das Gefühl, dass ich die Verantwortung dafür trage, in allem, was ich tue, wahrhaftig zu sein. Wobei es manchmal aus verschiedenen Gründen schwierig sein kann, meine eigene Wahrheit zu sagen und danach zu handeln. Auch in Zeiten, in denen das Aussprechen der eigenen Wahrheit mit einem hohen Preis oder einem Risiko verbunden ist.

Kann uns die Kunst dabei helfen, diese Wahrheiten auszusprechen?
Ich glaube, dass die Kunst eine wichtige Rolle beim sozialen Wandel spielen und die Art und Weise, wie wir interagieren und miteinander umgehen, verändern kann. Das gilt genauso für die Art, wie wir denken. Zumindest würde ich gerne glauben, dass sie das tut. Kunst vermittelt ein starkes Gefühl von Freiheit - eine Freiheit, eine eigene Realität und Erzählungen zu schaffen und die Subjektivität zurückzuerobern. Für mich dient sie als Erinnerung daran, wer ich bin. Und an meinen eigenen Wert. Und in den letzten Jahren, als ich die Möglichkeit bekam, meine Arbeiten auch auszustellen, hat sie andere daran erinnert, dass ich und wir alle hier sind. Wir nehmen Raum ein und schaffen Dinge, die unsere eigene Realität ansprechen.

Aber welchen Einfluss hat der Kunstmarkt wirklich auf die Gesellschaft? Also im Vergleich zu Popkultur, Film, Musik, Mode und natürlich der Politik? Ist sein Erfolg ein Zeichen des Wandels oder nur der Ausdruck einer weiß dominierten Kunstwelt, die ihr eigenes Gewissen beruhigen will?
Das ist eine große Frage. Der Kunstmarkt oder die Kunstindustrie ist so komplex wie alles andere auch. Er ist keine isolierte Insel, was den Vergleich etwas schwierig machen kann. Ich bin kein sehr optimistischer Mensch. Manchmal ist das, was wie ein Wandel aussieht oder als Wandel dargestellt wird, vielleicht gar kein Wandel. Ich bin sehr vorsichtig mit dem Wort »Veränderung« und insbesondere mit dem Wort »Erfolg«. Ich denke, um Ihre letzte Frage beantworten zu können, müssen Sie wirklich gut verstehen oder analysieren, was diese Wörter enthalten beziehungsweise wie sie in dem Kontext, in dem sie verwendet werden, verstanden werden.

Der US-amerikanische Künstler Arthur Jafa gilt als Ihr Entdecker. Wie ist er mit Ihnen in Kontakt gekommen und was war Ihr erster Gedanke, als Sie ihn kennenlernten?
Ich habe mir damals nicht so viele Gedanken darüber gemacht. Wir sind uns ohnehin schon gegenseitig auf Instagram gefolgt und kannten uns über einen gemeinsamen Freund. Ich wusste nicht, wer er war ­– abgesehen davon, dass er ein Filmemacher ist. Als ich damals die Einladung erhielt, an seiner Einzelausstellung, die später in der Serpentine Gallery zu sehen war, teilzunehmen, hatte ich noch gar keine physischen Arbeiten, sondern nur digitale Collagen. Zu dem Zeitpunkt, als Arthur mir den Vorschlag für die Ausstellung machte, kannten wir uns bereits seit einem Jahr und wir hatten auch schon über die Möglichkeit einer Zusammenarbeit gesprochen. Er wusste, dass ich nicht nur auf Instagram, sondern auch mit Collagen arbeitete. Für seine Einzelausstellung war zunächst geplant, Instagram auf mehreren großen Bildschirmen zu zeigen, aber nach ein paar Gesprächen über die Ausstellung schlug er vor, dass ich etwas Großes machen sollte – ein großes Gemälde oder eine Skulptur. Ich erinnere mich, dass mich dieses Gespräch ein wenig erschreckt hat, aber gleichzeitig hat es mich dazu gebracht, weiter mit den digitalen Collagen zu arbeiten.

Ausstellung FRIDA ORUPABO im PHOXXI der Deichtorhallen Hamburg. Foto: Henning Rogge

Das bedeutet, dass Ihre Werke ursprünglich gar nicht als physische Werke gedacht waren und Ihr Instagram-Account plötzlich nicht mehr ein Archiv Ihrer fertigen Werke ist, sondern Skizzen für aktuelle Werke enthielt?
Das ist richtig. Die digitalen Collagen wurden bis zu Arthurs Ausstellung im Jahr 2017, bei der ich drei physische Papiercollagen präsentierte, als fertig betrachtet. Danach begann ich, die digitalen Collagen als Skizzen für potenzielle physische Arbeiten neu zu sehen.

Bei Jafa geht es um die Etablierung einer schwarzen visuellen Ästhetik. Wodurch zeichnet sich ihrer Meinung nach eine schwarze visuelle Ästhetik aus?
Wenn ich an schwarze Ästhetik denke, denke ich an die Kreativität schwarzer Menschen und daran, wie wichtig es ist, schwarzes Leben und schwarze Kultur in den Mittelpunkt zu stellen. Für mich geht es darum, ein Werk zu schaffen, in dem der weiße Blick nicht die Oberhand hat. Ich bin hier, um meine eigenen Erfahrungen und mein Leben in den Mittelpunkt zu stellen.

In Ihren Collagen geht es auch um das Starren und Sehen. Um den Blick auf die Menschen und den Blick der Menschen auf die Betrachter*innen. Aber viele Betrachter*innen wissen gar nicht, dass Schwarze damals Weiße nicht anschauen durften. Auf welche Weise wollen Sie die Machtverhältnisse umkehren? Schauen Schwarze Ihre Arbeit anders an als Weiße?
Ich empfehle Ihnen, Bell Hooks Aufsatz The oppositional gaze: Black female Spectators zu lesen, in dem sie die Gefahr des Blicks in einem rassisch getrennten Amerika anspricht und diskutiert. Sie sagt, dass »alle Versuche, unser Recht zu schauen zu unterdrücken, in uns ein überwältigendes Verlangen zu schauen hervorriefen, ein rebellisches Verlangen, einen oppositionellen Blick«. Zurückzuschauen bedeutet, sich zu weigern, zum Objekt gemacht, rassifiziert oder sexualisiert zu werden. Es ist auch eine Möglichkeit, den Zuschauer*innen bewusst zu machen, dass auch sie gesehen werden. Aufgrund unserer unterschiedlichen Erfahrungen würde ich vermuten, dass ein schwarzes Publikum meine Arbeit anders betrachtet als ein weißes Publikum.

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Damian Zimmermann (* 1976) lebt und arbeitet als Journalist, Kunstkritiker, Fotograf, Kurator und Festivalmacher in Köln.

Die Ausstellung JACK DAVISON. OMER FAST. FRIDA ORUPABO ist bis zum 23. Januar 2022 im PHOXXI. Haus der Photographie temporär zu sehen.