Foto: Julia Steinigeweg

»Ich dachte, jeder erfindet
eine Geheimsprache«

Die Fotografin Mika Sperling untersucht die emotionalen Verbindungen von Multikulturalität, Identität und eigener Biografie. Ein Gespräch über Familiengeschichten, Sprachbarrieren und warum sie für ihr neues Projekt zu ihrer eigenen Kindheit zurückfand. VON MAGNUS PÖLCHER

11. Juni 2020

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HALLE4: Mika, im Fokus deiner Arbeit Mother Tongue steht deine eigene Lebens- und Familiengeschichte, die multikulturalistisch geprägt ist. Wie muss man sich das genau vorstellen?
Mika Sperling: Meine Schwiegermutter ist vietnamesischer Abstammung, meine Mutter ist in Russland mit deutscher Herkunft groß geworden und ich selbst bin in Deutschland aufgewachsen. Unsere Tochter wächst jetzt trilingual mit Vietnamesisch, Deutsch und eben Russisch auf.

Das stelle ich mir als Herausforderung vor. Wie alt ist deine Tochter jetzt?
Sie ist jetzt eineinhalb. Sie versteht sehr viel auf Russisch und relativ viel auf Vietnamesisch. Sie bedient sich beider Sprachen. Auf Deutsch spricht sie noch eher weniger.

Wie entscheidend war deine Herkunft für deine eigene Entwicklung und wie wirkt sich das auf deine künstlerische Arbeit aus?
Das ist ja der Ursprung. Wäre ich nicht zweisprachig aufgewachsen, würde mich das nicht so beschäftigen. Für Mother Tongue habe ich mein Tagebuch als Vorlage gewählt, auch um zu zeigen, wo Sprache anfängt und wie sie unser Denken prägt. In der Ausstellung sehen Besucher*innen eine Tagebuchseite von meinem neunjährigen Ich, das eine Geheimsprache entwickelt und notiert hat. Dieses Bedürfnis nach Sprache und Ausdruck ist uns allen gegeben. Ich finde es einfach spannend zu sehen, wie es ist, mehrsprachig aufzuwachsen: Wo fängt man an in diesen anderen Kulturen zu denken, wenn man die Sprache im alltäglichen Gebrauch wechselt? Mich fasziniert, dass man seine Persönlichkeit irgendwie anpasst und zu jemand anderem wird.

Wie meinst du das?
Das ist mir durch die Kommunikation mit meiner Mutter bewusst geworden. Wenn sie mich auf Deutsch anspricht oder mich bei meinem richtigen Namen Maria ruft, ist das anders, als wenn sie mit mir auf Russisch spricht und mich Mika nennt. Ich denke, dass geht vielen bilingualen Kindern und Familien so. Es entstehen zwei verschiedene Gefühle, wenn man die Sprache wechselt. Man verhält sich auch anders, wenn man mit verschiedenen Menschen in unterschiedlichen Sprachen spricht.

Mika Sperling, Mother Tongue, 2019 © Mika Sperling














»Meine Schwiegermutter und ihr Haus mit den Gegenständen und Lichtverhältnissen wollte ich schon länger erforschen.«

Wie ist dann konkret die Idee zu Mother Tongue entstanden?
Als ich für das OLYMPUS-Stipendium ausgewählt wurde, habe ich nach einem Projekt gesucht, das sich mit meiner kleinen Tochter gut vereinbaren ließ und von dem ich sie nicht ausschließen musste. Das Thema hatte ich schon länger auf dem Schirm, weil mich meine Schwiegermutter faszinierte. Ich wollte sie und ihr Haus mit seinen Gegenständen und Lichtverhältnissen schon länger erforschen.

Wie hast du dieses Beziehungsgeflecht visualisiert? Wir sprechen schließlich von etwas, das einerseits unsichtbar ist, andererseits eine enorme emotionale Komplexität besitzt.
Ich wollte meine Tochter und meine Schwiegermutter zusammen zeigen beziehungsweise etwas über uns drei visuell erzählen. Aber ich habe auch einige persönliche Gegenstände verwendet und Tier-Metaphern eingebaut, um Gefühle darzustellen, die sonst unsichtbar sind. Durch den Titel lade ich diese Metaphern nochmal zusätzlich auf oder verleihe ihnen eine zweite Ebene. Ein Portrait von mir, auf dem ich einen Pullover meiner Schwiegermutter trage, heißt zum Beispiel Wearing Her Clothes. Betrachter*innen wird durch diese Kombination aus Bild und Titel verständlich, dass ich mich meiner Schwiegermutter anzunähern versuche, indem ich ihre Kleidung trage. Es sind kleine Schritte, die ich auf sie zugemacht habe. Wenn ich die Unterwäsche auf der Wäscheleine im Video zeige, ist das ein sehr intimer, gleichzeitig aber auch universeller Gegenstand.

Wie hat deine Schwiegermutter das alles empfunden? Fand sie es vollkommen in Ordnung oder gab es Momente, in denen du das Gefühl hattest, eine Grenze zu überschreiten?
Diesen Moment einer Grenzüberschreitung gab es bei ihr nicht. Ich glaube eher, diese Grenzen waren bei mir vorhanden, wenn ich Angst hatte weiterzugehen. Erst gegen Ende des Projekts habe ich die intimsten Bilder fotografiert.

Wie glaubst du, wird deine Tochter, die selbst ein essentieller Teil dieser Arbeit ist, diese Bilder sehen? Was wird sie über ihre Großmutter, ihre Mutter und sich selbst erfahren?
Das ist eine interessante und schwierige Frage. Jetzt sieht sie die Bilder und erkennt, wer auf den Bildern zu sehen ist. Darüber freut sie sich. Gleichzeitig wächst sie mit der Fotografie auf, sie sieht ständig Fotos bei mir hängen und herumliegen. Ich glaube, da es Teil ihrer Umwelt ist, wird es nichts Besonderes für sie sein.

Mika Sperling, Mother Tongue, 2019 © Mika Sperling

Aber es ist doch außergewöhnlich, weil es nun eine künstlerische Auseinandersetzung eurer Beziehung gibt. In Zukunft ist es auch ein Beweis für ihre Zugehörigkeit, der erst durch das Projekt zustande kam.
Diesen Gedanken finde ich auch spannend. Ich denke nur, dass meine Tochter es nicht anders kennen wird. Ich erinnere mich an meine eigene Kindheit. So wie jedes Kind, habe ich alle Dinge, die mir widerfahren sind, als gegeben angenommen. Erst wenn sie sich mit anderen darüber austauschen wird und diese Person bemerkt, dass das etwas Besonderes ist, wird sie es verstehen. Das wird, glaube ich, erst viel später passieren. Bei mir war es genauso mit meinem Tagebuch. Ich dachte immer, jeder führt ein Tagebuch und jeder erfindet Geheimsprachen. Wenn man sich nicht darüber austauscht, dann versteht man nicht, wie einzigartig das ist.

Viele Menschen scheuen auch eine Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Kindheit.
Das ist mir während dieses Projektes auch aufgefallen. Indem ich das Tagebuch von mir als Neunjährige ausstelle, zeige ich mich und dieses Kind von damals als eine Person. In dem Tagebuch habe ich vorausgesagt, dass ich in zwanzig Jahren Kinder haben werde. Und es trifft ziemlich genau diesen Zeitpunkt in meinem Leben. Deswegen finde ich es spannend, diese Verbindung zu mir als Kind zu zeigen.

Hat die Fotografie aufgrund der Sprachbarriere zwischen dir und deiner Schwiegermutter auch eine übersetzende Funktion übernommen?
Für Fotografie selbst braucht man nicht so viel Sprache. Ich würde nicht sagen, dass sie uns viel näher gebracht hat. Die Fotografie hat etwas sehr Observierendes. Ich habe nur gemerkt, dass meine Schwiegermutter bereit ist, sehr viel von sich zu geben – mehr als ich erwartet hatte. Das hat mich sehr gefreut. Auch, dass sie mir das Gefühl gegeben hat, ich gehöre zur Familie. Sie hat mir sehr viel Vertrauen entgegen gebracht, mehr als meine eigene Mutter. Das hängt aber auch damit zusammen, dass beide einen unterschiedlichen Blick auf die Fotografie haben. Die Meinung meiner Schwiegermutter über Fotografie ist weniger negativ, sie hat keine Angst vor einer Veröffentlichung dieser Bilder. Meiner Mutter hingegen ist Privatsphäre wichtiger.

Hat das deiner Meinung nach etwas damit zu tun, dass Privatsphäre in unterschiedlichen Kulturen eine andere Rolle spielt?
Ich glaube, dass es ganz spezifisch zur Fotografie gehört. Meiner Schwiegermutter ist Privatsphäre schon sehr wichtig, aber sie empfindet Fotografie nicht als Eingriff. Wenn meine Mutter an Ausstellungen denkt, an Veröffentlichungen und Zeitungen, in denen Leute von ihr eine Abbildung sehen, dann ist ihr das zuviel. Meine Schwiegermutter definiert das anders.
















»Indem ich das Tagebuch von mir als Neunjährige ausstelle, zeige ich mich und dieses Kind von damals als eine Person.«

Mika Sperling, Mother Tongue, 2019 © Mika Sperling

In deiner Installation verwendest du nicht nur Fotografie, sondern auch Videos, Audioaufnahmen und andere Objekte. Welcher Gedanke steckt dahinter?
Ich habe einfach gemerkt, dass ich mit der Fotografie nicht alles erzählen konnte, was ich wollte. Ich habe dann nach Dingen oder Medien gesucht, die noch eine andere Ebene hinzufügen, auf die ich bei diesem Projekt Wert lege. Da kam zum Beispiel die Schriftrolle ins Spiel – eine alte Kassenrolle von meinen Schwiegereltern, aus dem Supermarkt, den sie mal besessen haben. Auf diese Kassenrolle habe ich in den vergangenen Monaten russische und vietnamesische Wörter geschrieben, um die beiden Sprachen zu lernen. Wenn ich irgendwelche Vokabeln nicht kenne, schreibe ich sie eben auf diese Schriftrollen. Ich wollte das in die Installation integrieren, weil das Lernen von Vokabeln so viel von meinem Alltag ausgemacht hat. Ständig schwirren mir irgendwelche Wörter durch den Kopf, weil ich versuche sie richtig auf Vietnamesisch auszusprechen. Das ist eine Verbindung zu meiner Schwiegermutter, weil ich sie oder meinen Mann immer nach der korrekten Aussprache frage.

Deshalb auch das Video Learning Vietnamese mit Sprachaufnahmen von dir und deinem Mann?
Genau, das war eine weitere Ebene. Nach und nach kamen dann noch andere Fundstücke dazu, wie ein Pinnwand-Zettel von der Uroma, auf dem »Ich verstehe kein Deutsch. Bitte meine Tochter anrufen« zu lesen ist. Das fand ich sehr aussagekräftig für die ganze Situation. So nach und nach habe ich die Puzzlestücke gesammelt, die ich brauchte, um die Geschichte in der Ausstellung zu erzählen.

Wie denkst du über deine Arbeit, nachdem sie jetzt seit ein paar Wochen von Besucher*innen gesehen werden kann?
Die Arbeit hat einen ganz neuen Kurs eingenommen, den ich während des Erarbeitens nicht unbedingt erwartet hatte. Es geht weniger um meine Schwiegermutter, sondern um universelle Sprache an sich, Kommunikation zwischen Menschen, aber auch um Liebe. Als ich dann mit der Kuss-Performance die Lippenstift-Abdrücke in den Deichtorhallen hinzugefügt habe, wurde mir klar, dass ich mit etwas experimentiert habe. Das war für mich eine neue Erfahrung. Es ist etwas Neues entstanden. Ich sehe in dem Projekt sehr viele verschiedene Ebenen und Zugänge. Ich bin eher gespannt, worauf mich die Leute, wenn sie die Arbeit kennen, ansprechen werden.

Magnus Pölcher ist Absolvent der Bildredaktionsklasse 2017/18 an der Ostkreuz-Schule für Fotografie in Berlin. Er arbeitet für C/O Berlin und schreibt u.a. für LensCulture über Fotografie. Für das HALLE4-Magazin betreut er die Kolumne #photography2050.

Die Ausstellung recommended – Olympus Fellowship ist bis zum 30. August 2020 im Haus der Photographie zu sehen.


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