© Sina Niemeyer

»Ich wollte mich wieder spüren«

Die Fotografin und GUTE AUSSICHTEN-Preisträgerin Sina Niemeyer wurde als Kind Opfer sexueller Gewalt. Ihre Arbeit Für mich – A Way of Reconciliation ist ein künstlerisches Psychogramm zwischen akribischer Beweisaufnahme und therapeutischer Aufarbeitung INTERVIEW: GUNTHILD KUPITZ

5. September 2019

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HALLE4: Mit deiner Arbeit Für mich – A Way of Reconciliation thematisierst du deine eigene, zutiefst traumatische Missbrauchserfahrung und machst sie öffentlich. Warum hast du dich für diese Herangehensweise entschieden?
Sina Niemeyer: Meine persönliche Geschichte ist ja nur eine von vielen. Statistisch gesehen sitzen in jeder Klasse ein bis zwei Kinder, die sexuelle Übergriffe erleben. Mir ist es wichtig, dass sich die Menschen mit dem Thema auseinandersetzen. Dass sie verstehen. Dass sie nachempfinden können, was eine solche Erfahrung mit einem macht. Fakten schockieren nur kurz, was eher bleibt, sind Gefühle. Mir geht es aber auch um politischen Druck.

Was meinst du damit?

Es muss viel mehr Aufklärung und Hilfsangebote geben. Nicht nur für die Betroffenen, auch für die Angehörigen, damit sie wissen, wie man sich verhalten, wie man handeln kann. Ich selbst hatte lange Zeit keine Worte für das, was mir passierte. Ich konnte es auch nicht einordnen. Der Prozess war langsam und schleichend, kleine Situationen, die man so oder so deuten konnte. Man sah sich auf Familienfesten, im Urlaub oder mal zwischendurch. Es war ein Bekannter, und wir haben uns immer sehr gut verstanden, haben viel unternommen und großen Spaß gehabt.

Was hat sich im Laufe der Zeit verändert?
Die Berührungen. Ich erinnere mich an eine Umarmung, da war ich vielleicht neun. Das war eines der ersten Male, das ich mich mit ihm unwohl gefühlt habe. Diese Situationen kamen dann häufiger vor, bis zu dem Weihnachtsfest drei Jahre später. Da hat er eine Grenze überschritten. Es war ganz klar, dass man das, was hier gerade passiert, nicht mit einem Kind macht. Und trotzdem konnte ich es nicht einordnen. War es eine Vergewaltigung? War es nichts? War es etwas dazwischen? Ich wusste es nicht, und ich wusste auch nicht, wie ich darüber hätte sprechen sollen. Doch von dem Zeitpunkt an verhielt ich mich ihm gegenüber aggressiv, saß nicht mehr neben ihm und achtete darauf, auf keinen Fall allein mit ihm in einem Raum zu sein. Meine Eltern fragten zwar ein paar Mal, was mit mir los sei, aber als sie keine Antwort bekamen, dachten sie, es läge an der Pubertät. Ich selbst zog mich zurück; mir war überhaupt nicht bewusst, was da eigentlich genau passiert war.












»Mir ist es wichtig, dass sich die Menschen nachempfinden können, was eine solche Erfahrung mit einem macht. Fakten schockieren nur kurz, was eher bleibt, sind Gefühle.«

Foto: © Sina Niemeyer












»Bis heute mache ich ganz oft aus einer Stimmung heraus Bilder, und ganz oft ist es Licht«

Wann hast du begonnen, das Geschehene zu reflektieren?
Erst viele Jahre später, als ich in Dänemark Fotojournalismus studierte. Die erste Aufgabe, die man uns stellte, war ein visuelles Projekt zu einem persönlichen Thema. Eine Freundin von mir hatte damals kurz zuvor über ihren gewalttätigen Vater gearbeitet, der ihre Mutter, ihre Schwestern und auch sie geschlagen hatte. Durch diese Freundin hatte ich mitbekommen, wie belastend dieses Projekt war, aber auch, wie sehr es ihr geholfen hatte.

Gab es Arbeiten von anderen Künstlern oder Fotografen, die dich in dieser Zeit inspiriert haben?
Auf dem Fotofestival in Arles sah ich die Ausstellung On Abortion von Laia Abril und das Projekt I Want To Disappear von Mafalda Rakos über Esstörungen. Beide hatten für ihre Arbeiten quasi alles genutzt, was ihnen zu den Themen in die Hände gefallen war – und das ging weit über den Fotojournalismus hinaus, wie ich ihn damals studierte. Ich merkte, wie sehr ich selbst auf der Suche war, wie man Geschichten anders erzählen könnte. In Dänemark spürte ich, dass ich schon länger bereit war, mit meinen Erfahrungen zu arbeiten; ich wusste nur nicht, wie.

Du hast bei dem bei dem ehemaligen Magnum-Fotografen Kent Klich studiert. Hatte er einen Rat für dich?
Er empfahl mir das, was er auch einigen anderen aus meinem Kurs empfahl: Zurück in die Situation zu gehen. Dazu stellt man eine Videokamera auf, in die man alles spricht, was man einer anderen Person sagen möchte. Ich habe damals lange geweint und anschließend ein paar Selbstporträts gemacht – unter anderem das Foto mit den Haaren vor der Linse, das im Buch abgedruckt ist –, aber auch zum Beispiel ein Bild, wie die Sonne durch das halb geschlossene Rollo fällt. Das war so ein Wechselspiel aus körperlichen Reaktionen auf die Erinnerungen einerseits und dem Fotografieren andererseits. Bis heute mache ich ganz oft aus einer Stimmung heraus Bilder, und ganz oft ist es Licht.

Foto: © Sina Niemeyer

Stand für dich von Anfang an fest, dass du ein Buch daraus machen würdest?
Nein. Das hat sich erst während des Prozesses so ergeben. Meine erste Idee war, die Fotos zu zerstören, die es von ihm gab. Und zwar mit all den Werkzeugen, mit denen ich mich früher selbst verletzt hatte, also Schere, Rasierer, Messer. Sich zu ritzen ist ja ein sehr aggressiver Akt, doch nun konnte ich zum ersten Mal meine Wut an ihm auslassen. Die meisten Tage begannen mit Weinen, was auch schön und befreiend war und befreiend war, weil ich mich nicht zusammenreißen musste: Ich weinte, bis ich fertig war. Um mich selbst aus so einer Situation wieder rauszuholen, habe ich dann oft angefangen, ganz intuitiv zu fotografieren – mich selbst oder auch nur Teile von mir wie Beine oder Haare, die mit dem Missbrauch zu tun haben.

Das klingt, als sei die Kamera eine Art therapeutisches Hilfsmittel für dich gewesen.
Auf jeden Fall. Das, was ich gemacht habe, nennt sich therapeutisches Fotografieren. Ich kannte die Methode zu dem Zeitpunkt gar nicht; sie ist mir erst 2018 auf dem Perugia Social Photo Fest begegnet, zu dem ich mit meinem Buch eingeladen war. Therapeutisches Fotografieren ist eine Strategie, bei der es unter anderem darum geht, aus einem Flashback heraus, Bilder zu machen, um so die eigene Lähmung zu überwinden und in etwas Neues zu transformieren.

Um was ging es dir bei deinem Projekt? In allererster Linie um das Verstehen und die Auseinandersetzung mit dem, was eigentlich passiert ist. Und ich wollte mich wieder spüren, meine Gefühle, meinen Körper; es ging mir um Selbstermächtigung, um Empowerment. Das ist mein Körper, ich allein entscheide über ihn.

Du hast das Projekt auch als Buch veröffentlicht...

Das stimmt. Erst durch das Buch habe ich erkannt, wie stark meine Depressionen und mein phasenweise selbstzerstörerisches Verhalten wie das Ritzen und die beiden Suizidversuche mit dem Missbrauch zusammenhängen. Und das Video, das ich nach dem Perugia Social Photo Fest gemacht habe, steht für mich für das wirkliche Verarbeiten und das Hinter-mir-lassen. Ich hatte zuvor ein Gespräch mit dem Täter geführt, weil ich mir Antworten auf meine Fragen erhofft hatte, um zu verstehen und eventuell zu verzeihen. Und ich wünschte mir, dass er den Missbrauch zugab und wir darüber reden könnten. Ich dachte, ich bräuchte ein Zugeständnis, um damit abschließen zu können. Doch das tat er nicht, zumindest nicht verbal. Aber das Zittern seiner Hände, die geweiteten Augen, sein Zurückweichen taten es. Eine Videotherapeutin hatte mir in Perugia empfohlen, das Video genauso wie das Buch anzulegen, und meine Gedanken und Bilder, die mir während des Gesprächs gekommen waren, in Film und Tönen umzusetzen. Das habe ich getan. Heute warte ich nicht mehr darauf, ob von ihm noch ein Schuldeingeständnis kommt. Er spielt in meinem Leben keine Rolle mehr.















»Es ging mir um Selbstermächtigung, um Empowerment. Das ist mein Körper, ich allein entscheide über ihn«

Foto: © Sina Niemeyer















»Ich mag diese flüchtigen Augenblicke, die man vielleicht fast übersehen würde. Und dann hat man sie eingefangen. Für immer. Und alle können sie noch mal sehen«

Hat sich durch das Projekt, auch deine Art zu fotografieren verändert?
Sehr. Es gab schon vorher eine große Kritik von mir am Fotojournalismus, bei dem es mir zu oft um Formales geht: um den Aufbau eines Bildes, um den Einsatz von Licht. Das Phänomen, dass es am Ende oft Europäer oder US-Amerikaner sind, die in andere Länder reisen, um dort Leid zu dokumentieren und das Schicksal Einzelner oder auch ganzer Gruppen zu ökonomisieren und damit Preise zu gewinnen, trug dazu bei, dass ich mich damit immer weniger identifizieren wollte. Mich hat dieses Konzept irgendwann nicht mehr überzeugt, dass es wirklich etwas verändern kann. Natürlich müssen die grundlegenden ästhetischen Regeln erfüllt sein, klar, sonst schaut man sich ein Bild gar nicht erst an. Aber mir gefällt mittlerweile eher das Ausschnitthafte, das Anreißen eines Moments, besondere Lichtstimmungen. Ich mag diese flüchtigen Augenblicke, die man vielleicht fast übersehen würde. Und dann hat man sie eingefangen. Für immer. Und alle können sie noch mal sehen.

Du fotografierst seitdem also eher assoziativ und intutiv.

Ich fühle mich mit dieser künstlerischen Form viel wohler. Das ist auch der Grund für die Wirkungskraft, die mein Buch offenbar hat. Durch die Fotos versteht man die Gefühlswelt eines missbrauchten Kindes. Ich glaube, es gibt bestimmte Bereiche, da reicht Sprache nicht aus. Letztendlich verlief auch der Arbeitsprozess so, dieser Kombination aus Schreiben, Fotografieren, Zerreißen. Wenn ich auf der einen Ebene nicht weiterkam, bin ich in eine andere gewechselt.

Gibt es schon ein neues Projekt, an dem du arbeitest?
Durch die vielen Ausstellungen und Interviews mit meinem aktuellen Projekt war bisher leider kaum Zeit, etwas Neues anzufangen. Ich habe seither aber stetig in einem ähnlichen Stil weiter fotografiert und geschrieben. Sobald ich ein wenig Zeit finde, möchte ich daraus ein Buch machen. Als Nächstes steht ein Projekt über Heiratsvermittlung an und im nächsten Jahr werde ich zu Femiziden in Deutschland arbeiten, also Morde von Männern an ihren Partnerinnen. Jeden zweiten bis dritten Tag wird eine Frau umgebracht, eigentlich ein Riesenthema, aber in der Öffentlichkeit findet das nicht wirklich statt.

Gunthild Kupitz arbeitet als freie Journalistin und Textchefin in Hamburg.

D
ie Ausstellung GUTE AUSSICHTEN – JUNGE DEUTSCHE FOTOGRAFIE 2018/2019 ist noch bis zum 3. Oktober 2019 im Haus der Photographie zu sehen.


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