Kunst und Gerät

Der Künstler Florian Slotawa hat in seiner Ausstellung STUTTGART SICHTEN Waschmaschinen als Skulpturen aufstellen lassen. Das gefällt nicht allen. Wer jedoch einen zweiten Blick riskiert, wird mit neuen Perspektiven auf die Kunst belohnt VON NANA KINTZ

17. Januar 2019

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Der Besucher ist unzufrieden. Man habe viel Geld für den Ausstellungsbesuch gezahlt, und dann sowas. Da könne man ja gleich zum Media Markt gehen. Solche Beschwerden bekommt das Aufsichtspersonal der Deichtorhallen derzeit öfters zu hören. Die Steine – oder besser die Geräte – des Anstoßes sind vor allem die Waschmaschinen, die Florian Slotawa mitten in seine Ausstellung STUTTGART SICHTEN gestellt hat. Hätten die Leute ihr Eintrittsgeld lieber für eine klassische Skulpturenausstellung ausgegeben? Slotawa geht es darum, »die Alltagswelt mit der Kunst zusammenzubringen«. So werde man gezwungen, genauer hinzuschauen, als man es in einer »konventionellen Präsentation« tun würde, sagt der Künstler.

Auch andernorts werden derzeit bekannte Künstler*innen und Kreative in große museale Sammlungen eingeladen, wo man ihnen weitestgehend eine carte blanche ausstellt. Warum machen die Museen das? Zunächst garantiert ein prominenter Name Aufmerksamkeit und im Idealfall gute Besucherzahlen. Es entstehen aber auch spannende und bereichernde Neu-Interpretationen, die anecken und die zu betrachten sich gerade deshalb lohnt. Auch in der Ausstellung STUTTGART SICHTEN ist so viel mehr zu sehen als einfache Waschmaschinen. Diese sind vielmehr Teil eines künstlerischen Systems aus Verbindungen, Nachbarschaften und Verweisen, die es im Media Markt, wo das Anschauen von Waschmaschinen nichts kostet, eher nicht gibt.

Slotawas künstlerisches Konzept besteht darin, vorhandenes Material zu verwenden, also macht er in den Deichtorhallen Skulpturen der Staatsgalerie Stuttgart – Skulpturen ganz unterschiedlicher Herkunft – zum Bestandteil seiner eigenen Arbeit. Slotawa stellt die ausgeliehenen Skulpturen an einem anderen Ort und in Kombination mit seinen eigenen Werken in neue Nachbarschaften, wodurch neue Zusammenhänge und spannende Blickachsen entstehen. So werden völlig neue Sichtweisen und inhaltliche Verbindungen erzeugt, die andernfalls völlig unbemerkt an uns vorbeigezogen wären. Was passiert, wenn ein Künstler ein kunstfernes Objekt nimmt und das Kunstwerk eines anderen darauf platziert?

Foto: Henning Rogge/Deichtorhallen Hamburg

Da steht nun vor einer grün gerasterten Wand eine Gruppe von acht Waschmaschinen. Die meisten von ihnen tragen abstrakte Skulpturen von Kaspar-Thomas Lenk, Julio González, Rudolf Hoflehner und Otto Herbert Hajek. Alles eher spröde Dinger, bei denen man irgendwie nachvollziehen kann, warum sie in Stuttgart im Depot schlummern. Auf den ersten Blick wirkt die Verbindung aus Haushaltsgerät und Skulptur wie ein schlechter Witz. Auf den zweiten Blick passiert dann aber etwas ganz Anderes: Kunst und Gerät weisen durch ihre formalen Ähnlichkeiten aufeinander hin und werten sich gegenseitig auf. Die Skulpturen blühen auf, die Waschmaschinen erhalten eine ganz neue Funktion. Das grüne Raster an der Wand, das der Fensterfront in Stuttgart nachempfunden ist sowie die immergleichen weißen Reliefs an den Seiten der Geräte bilden eine verbindende Klammer.

Unter Le Baiser von González ist die Waschmaschine mit der Rückseite nach vorn gedreht, so dass die Parallelen zwischen den beiden ovalen, sich küssenden Gesichtern und dem geradezu skulpturalen Verlauf der Kabel und Wasserschläuche darunter sichtbar werden. Eine Waschmaschine habe auch skulpturale Parameter wie Material, Farbe, Form und Gewicht, meint Slotawa. Lenks Objekt 33a für Alberto etwa ruft die schwere, im Inneren der Waschmaschine verborgene Betonplatte auf, ohne die die Maschine beim Schleudern durch die ganze Wohnung tanzen würde. Die Grenzen zwischen Sockel und Skulptur verschwimmen. Wenn Sockel und Skulptur sich ergänzen, wird der Sockel zum Teil des Werks. Somit sind die Waschmaschinen Teil der Kunst und die beiden danebenstehenden, »leeren« Geräte werden selbst zur eigenständigen Skulptur. Bleibt nur die Frage, wo die Skulptur des Anderen aufhört und Slotawas Eingriff anfängt. Ist nicht sowieso die gesamte Waschmaschinen-Skulpturen-Gruppe vor dem grünen Raster Slotawas Installation?

Industrielle Alltagsgeräte im Ausstellungsraum – da war doch was. 1917 bewarb Marcel Duchamp sich unter dem Pseudonym R. Mutt mit einem signierten weißen Pissoir für die große New Yorker Schau der Society of Independent Artists und stellte damit die Kunstwelt grundlegend auf den Kopf. Den Bezug zu Duchamp hört Florian Slotawa jedoch nicht so gern. Dieser hätte eine Waschmaschine in die Ausstellung gestellt und als Kunstwerk signiert. Slotawa stellt ein fremdes Kunstwerk im Ausstellungsraum auf einen Alltagsgegenstand und macht so beides kühn zu Kunst – seiner Kunst. Zumindest vorübergehend, bevor er alles wieder rückgängig macht. Dieses Vorgehen, das völlig anders ist als bei Duchamp, lässt Diskussionen darüber zu, ob es legitim ist, einem fremden Werk ein Objekt unterzuschieben, das sich ästhetisch massiv auswirkt. Wenn die neue Einheit aus Maschine und Skulptur ein neues Kunstwerk ergibt, wer ist dann der Autor? Was bedeutet das alles für den Wert der Skulptur und was für die Waschmaschine? Kann man die jetzt als Kunst von Slotawa kaufen oder gehören die noch der Firma Bosch?

Da es Slotawas Prinzip ist, alle Objekte nach Ausstellungsende wieder in ihren ursprünglichen Kontext zurückzuführen, kehren in wenigen Wochen alle Stuttgarter Skulpturen zurück in ihre Depotregale. Nach ihrer kurzen Karriere als Kunstwerk müssten die Waschmaschinen dann doch noch überqualifiziert Wäsche waschen. Es sei denn sie werden rechtzeitig als Kunst gekauft – dann ginge Slotawas Konzept nicht ganz auf. Aber etwas bleibt. Passenderweise wird Mario Merz‘ Neonschrift, die schon seit 30 Jahren blau an der Nordwand der Halle für aktuelle Kunst leuchtet, das letzte Wort haben: se la forma scompare, la sua radice è eterna. Wenn die Form verschwindet, ist ihre Wurzel ewig.

Nana Kintz ist promovierte Kunsthistorikerin mit Schwerpunkt in der Kunst von der Moderne bis in die Gegenwart. Sie arbeitet unter anderem als freie Dozentin und Kunstvermittlerin bei die kunstreiter.

Die Ausstellung FLORIAN SLOTAWA: STUTTGART SICHTEN – SKULPTUREN DER STAATSGALERIE STUTTGART ist bis zum 20. Januar 2019 in der Halle für aktuelle Kunst zu sehen.


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