Kerstin Brätsch, Work in progress, Fossil Psychic for Christa (Stucco Marmo), 2018. Foto: Daniele Molajoli

»Ich setze die Malerei
einem Stresstest aus«

Kerstin Brätschs Werk steht für ein radikal erweitertes Verständnis von Malerei. Installative und performative Formen finden sich in ihren Arbeiten ebenso wieder wie digitale Technologien. Ein Gespräch über Kooperationen, Dinosaurier als prähistorische Schriftzeichen und 3D-Renderings. VON ANIKA MEIER

27. April 2020

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HALLE4: Frau Brätsch, warum haben Sie sich für die Malerei entschieden?
Kerstin Brätsch: Es gab nicht den einen Moment, in dem ich sagte: Ich werde Malerin. Studiert habe ich bei dem deutschen Konzeptkünstler Lothar Baumgarten. In seiner Klasse wurde wenig gemalt. Es gab vorwiegend Performancekünstler, Videokünstler, Fotografen, Zeichner und Bildhauer. Über Kunst wurde mit Blick auf andere Gattungen und Systeme gesprochen und diskutiert. Dieses gegenseitige Bezugnehmen ist die Voraussetzung für meine künstlerische Praxis geworden. Meinen MFA habe ich mit einem Stipendium an der Columbia University in New York gemacht. Mit diesem mentalen Abstand zu Deutschland habe ich diskursiv versucht herauszufinden, was mich interessiert. Ich fragte mich: Was bedeutet es, zu malen? Was bedeutet es, als Frau zu malen? Was bedeutet es, als deutsche Frau nicht in Deutschland zu malen?

Wie war es denn für Sie in New York, als deutsche Frau zu malen?
Plötzlich war ich eine Ausländerin. Das hat mir einen gewissen Abstand verschafft, aus dem heraus ich mich mit dem eigenen Tun und Sein beschäftigen konnte. In Amerika haben mich Widersprüche fasziniert. Meine großen Bilder, die in New York an der Akademie entstanden, sind ein Sinnbild für die Fragen, die ich mir gestellt habe. Ich bin wiederholt zu Wahrsagerinnen gegangen, um mir meine Zukunft in den USA vorhersagen zu lassen. Die sagten »Sie haben eine schwarze Aura! Sie brauchen Psychic Healing«, um mehr Geld an mir verdienen zu können. Darauf bin ich nicht eingegangen. Das war wie ein Motor, der mich zu unterschiedlichen Wahrsagerinnen gezogen hat, weil für mich der Clash von Materiellem und Spirituellem so unfassbar war.

Foto: OKNO studio. Courtesy Kerstin Brätsch

Was haben Sie aus diesen Gesprächen mit ins Studio genommen?
Das Oszillieren zwischen Glauben und Unglaube wollte ich auf Malerei übertragen und performativ orchestrieren. Ich habe alles thematisiert und inszeniert, was mir unangenehm, peinlich und für mich mit Klischees behaftet war: Pastellfarben, Pseudo-Esoterik, Beuys-Referenzen, Malereigeschichte. Damals habe ich mich entschieden, nicht auf Leinwand zu malen, weil ich provisorische Wahrheiten formuliert habe. Meine Gedanken habe ich wie Notizen formuliert. Sie sollten beweglich sein, deshalb waren es große Papierbahnen, mit denen ich gearbeitet habe. Ich wollte Malereien herstellen, die auch in ihrer Anwendung eine Doppelfunktion erfüllen: als Hintergründe für Performances oder als Raumteiler. Welche Funktion kann Malerei übernehmen? Das habe ich mich damals, vor mittlerweile fünfzehn Jahren gefragt.

In der Ausstellung QUADRO in den Deichtorhallen Hamburg werden vier junge weibliche Positionen präsentiert, die das Medium Malerei in die Gegenwart überführen. Wenn man Kritiken zu Ihren Ausstellungen liest, geht es oft darum, dass Sie dem Kult um das männliche Malergenie etwas entgegensetzen. Ist das tatsächlich Ihr Ansatz?
Das war vor fünfzehn Jahren teilweise mein Ansatz, allerdings war es nie mein Hauptanliegen, Machtstrukturen zu thematisieren. Der Diskurs männlich/weiblich ist für mich eigentlich obsolet, weil diese Diskussion von den Inhalten wegzuführen scheint. Ich habe diverse Strategien angewendet, um Malerei einem Stresstest auszusetzen, Ironie war auch eines meiner Vehikel. Meine Arbeit existiert grundsätzlich nicht isoliert, sondern vielmehr im Austausch und der Interaktion mit anderen Menschen. Es gibt meine Soloarbeit, in der die Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Handwerkern verwoben wird, es existieren inszenierte und ghost-written Textarbeiten sowie Interviews. Das Projekt KAYA ist eine Kollaboration mit einem männlichen Künstler, Debo Eilers. DAS INSTITUT haben Adele Röder und ich gegründet, also zwei Künstlerinnen.

Kerstin Brätsch, Towards An Alphabet, 2019; S is for Static Correction (Bodybag Moe), 2017; Fossil Psychic For Christa (Stucco marmo), 2019; Unstable Talismanic
Rendering_Psychopompo (with gratitude to master Dirk Lange), 2017; Untitled, 2018; 400 x 1885 cm. Installationsansicht aus der Ausstellung QUADRO in den Deichtorhallen Hamburg.
Foto: Henning Rogge

Ihre Arbeit Towards an Alphabet (Dino Runes) in den Deichtorhallen Hamburg ist ein knapp 20 Meter langer Digitalprint. Versuchen Sie mit jeder neuen Arbeit eine neue Frage an das Medium Malerei zu stellen?
Ich bewege mich zwischen einer analytisch-konzeptuellen Sicht auf das Medium und einer Hingabe an die ästhetischen Traditionen und sozialen Implikationen malerischer Techniken. Mich interessiert besonders das Reaktivieren von vergrabenen Traditionslinien, die vom Kanon der Moderne in den Hintergrund gedrängt worden sind – seien dies metaphysische und animistische Stränge der Abstraktion oder alchemistische Qualitäten in kunsthandwerklichen Techniken wie der Glasmalerei, der Marmorierung und des Stuckmarmors. Malerei definiere ich als einen immer wachsenden physischen, psychischen und sozialen Körper. Die digital gebaute Malerei Towards an Alphabet (Dino Runes) dient als Bildträger für zwei weitere Arbeiten von mir als Solo-Künstlerin und einer dritten im Kollektiv KAYA entstandenen Arbeit. Ich lasse hier das Kollaborative und das Handwerkliche, das Physische, Alchemistische und Digitale aufeinandertreffen.

Wie ist der Titel der Arbeit zu verstehen?

Towards an Alphabet (Dino Runes) weist daraufhin, dass es sich um ein Hinbewegen zu einer Sprache handelt, zur Sprache der Malerei gewissermaßen. Ich sehe die Dinosaurier wie aufeinandertreffende abstrakte Runen, wie prähistorische Schriftzeichen also, die sich in Richtung eines neuen Alphabets bewegen. Diese Arbeit ist Bildträger für die anderen Objekte. Jedes dieser Objekte setzt sich wiederum anders mit dem Medium Malerei auseinander und adressiert einen anderen Fokus meines malerischen Interesses, sei es die Simulation einer Versteinerung (Stucco Marmo), die Entwicklung eines talismanischen Malerei-Objektes (KAYA) oder das Erforschen einer durchlässigen Materie (Glasmalerei). Wobei ich mich auch hier gefragt habe: Wie kann ich die Malerei einem Stresstest aussetzen?

Kerstin Brätsch, Tongue or Tongue Inverted (Kiss Her Other Double Skully),
‘All Ready Maid Betwixt and Between’ series, 2016, Antique glass shards,
rose window shards, crown glasses, lead, lustre and enamel on baked antique glass,
60 x 90 cm. Foto: Andrea Rossetti

Mit Ihren 3D-Renderings nehmen Sie Bezug auf das digitale Zeitalter. Die Malerei ist ein Medium, das auch ohne das Digitale auskommen könnte.
Ich stelle nicht nur mit den 3D-Renderings einen Bezug zum digitalen Zeitalter her: Die Fossil Psychics zum Beispiel werden zwar monatelang sehr aufwendig analog hergestellt, trotzdem wirken sie, als seien sie am Computer entworfen worden.

Wie passen ein 3D-Rendering und Stuckmarmor zusammen?
Seit 2017 arbeite ich mit dem römischen Kunsthandwerker Walter Cipriani in der traditionellen Technik des Stuckmarmors. Die Verwendung von Stuckmarmor reicht bis ins römische Zeitalter zurück. Dabei handelt es sich um ein Imitat von Marmor oder anderen Natursteinen, das aus den Elementen Gips, Pigment, Hasenleim und Wasser hergestellt wird. Mein Interesse an dieser Technik ist es, malerische Ausdrucksformen in diesem Medium zu finden, um diese beinahe verloren gegangene Technik (Stuccatura und Intarsio) wiederzubeleben und in den zeitgenössischen Malereidiskurs hineinzubringen. Mich faszinierte der Versuch, eine versteinerte Malerei herzustellen, die vorgibt, aus einem anderen Zeitalter zu kommen. Das hat die Stucco Marmo-Arbeit augenscheinlich mit den 3D gerenderten Dinosauriern gemeinsam. In der Wallpaper fließen die Dinos mit Stein-Rorschachs und collagierten Marmorierungen ineinander und werden zu einer zeitlosen virtuellen Landschaft, die an ein archaisch-prähistorisches Zeitalter erinnert.

Teil dieser Arbeit ist auch eine Glasmalerei. Ist das einer Ihrer Stresstests?
Ich habe zu Beginn meiner kollaborativen Arbeit als DAS INSTITUT angefangen, auf Folie zu malen. Die Folie war ein Filter zwischen dem Betrachter und der Welt, so entstanden abstrakte Zeichen, die sich frei im Raum bewegten. Mit UNITED BROTHERS (Ei und Tomoo Arakawa) haben Adele und ich in Fukushima kurz nach dem nuklearen Desaster im Jahr 2011 die Folienbilder auf Sonnenbänke gelegt und von Innen durchleuchtet. Das war ein Stresstest für die Malerei, denn plötzlich war alles sichtbar: jeder Pinselstrich und jeder Fingerabdruck. Die Durchlässigkeit von Malerei hat mich interessiert mit all ihrer Verletzlichkeit. Der logische nächste Schritt war es, ein malerisches Medium zu finden, das nur durch Licht existiert. So kam ich zur Glasmalerei. Dass ich in der Glaswerkstatt die Achat-Reststücke von Sigmar Polkes Grossmünsterkirchenfenster-Projekt benutzen durfte, kam mir sehr entgegen. Diese Abfall-Achate weckten mein Interesse am Wesen der Steine und dem zeitlichen Faktor ihrer Entstehung. In allen meinen Kollaborationen mit Handwerkern handelt es sich auch um eine Art »Zusammenarbeit« mit dem Universum und seinen von der Natur abhängigen Bedingungen wie Licht, Hitze, Zeit und Gravitation. Diese quasi unbegreiflichen Dimensionen würde ich gerne mit Malerei in Beziehung setzen.

Anika Meier schreibt für das Magazin Monopol eine Kolumne über Kunst und Soziale Medien. Zuletzt hat sie die digitale Einzelausstellung SURPRISINGLY THIS RATHER WORKS von Manuel Rossner gemeinsam mit Johann König in der KÖNIG GALERIE kuratiert.

Die Ausstellung QUADRO. KERSTIN BRÄTSCH – KATI HECK – STEFANIE HEINZE – LAURA LINK ist noch bis zum 9. August 2020 in den Deichtorhallen Hamburg zu sehen.


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