Installation von Jason Rhoades in der Sammlung Falckenberg, Pump Haus, 2001.

Akute Explosionsgefahr

Als die Sammlung Falckenberg in den 1990er-Jahren ins Hamburger Pump Haus einzog, war ihr Grundstein gerade erst gelegt. Besucher*innen erwartete eine Mischung aus morbidem Labyrinth und Experimentierbühne für unberechenbare Gegenwartskunst. VON BELINDA GRACE GARDNER

29. Januar 2020

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Mars im Steinbock, Saturn im Stier und der expansive Jupiter im Widder: Struktur trifft auf Ausschweifung. So standen die Planeten Anfang November 1999 auf der Astro-Uhr von Jason Rhoades bei Eröffnung seiner Ausstellung Perfect World in den Hamburger Deichtorhallen. Der kalifornische Installationskünstler trug den kosmischen Zeitmesser beim Aufbau seines rhizomatisch bis unters Dach wuchernden Raumgeflechts in der Südhalle, seit 2005 Sitz des Hauses der Photographie.

Seine Verknüpfung von invertierter Paradiesvision und bildlicher Replik des väterlichen Gemüsegartens bestand aus Schläuchen, Seilen, Kunststoffgegenständen, aufblasbaren Figuren, allerlei technischen Gerätschaften und vielen anderen Schlüsselelementen aus seinem überbordenden Universum. Ein komplexes System aus Aluminiumrohren, die auf Rhoades' Wunsch hin auf Hochglanz poliert waren, hielt das Konglomerat zusammen. Das Gestänge allein sprengte sämtliche Budgets.

Der Hamburger Sammler Harald Falckenberg rettete Rhoades' Weltentwurf für die Deichtorhallen. Kurzerhand stiftete er die benötigte Summe, um die spiegelblanken Alu-Verstrebungen durch eine eigens zu diesem Zweck aus Kalifornien eingeflogene Poliermaschine möglich zu machen. Im Gegenzug erhielt Falckenberg achteinhalb Prozent der Hamburger Installation, angelehnt an die Höhe der in Kalifornien erhobenen Mehrwertsteuer, was einer Rohrlänge von 700 Metern entsprach.

Installation von Jason Rhoades in der Sammlung Falckenberg, Pump Haus, 2001.











Auf dem Speicher quollen dicke Schläuche – Jason Rhoades wollte sie mit einer Mischung aus Cola und Mascarpone füllen.

Rhoades' Rohre durchzogen das gesamte erste Domizil von Falckenbergs Kollektion im Pump Haus nahe des Hamburger Flughafens. Sie waren zu einem verzweigten Gerüst verbunden, welches das historische Gebäude von innen heraus abzustützen und vor dem Einkrachen zu bewahren schien. Zugleich wirkten sie wie Hindernisse, um die man teils wie auf einer Baustelle herumklettern musste. Auf dem Speicher quollen dicke Schläuche, die sich durch die Architektur wanden.

Rhoades wollte sie ursprünglich mit einer Mischung aus Cola und Mascarpone füllen. Die Mixtur sollte nach draußen auf die Straße geleitet werden und sich dort schwallartig ergießen. Ein Plan, der alsbald verworfen wurde. Durch den erforderlichen Druck hätte akute Explosionsgefahr bestanden.

Als Falckenbergs Sammlung 1996 vorübergehend im Pump Haus Quartier bezog, war sie gerade erst im Entstehen. Und doch erwiesen sich die Positionen, die der 1943 geborene Hamburger Jurist und Geschäftsmann innerhalb kürzester Zeit zusammengetragen hatte, als programmatisch für alles Weitere.

Bis 2001 gastierte die Sammlung Falckenberg im ehemaligen Ausflugslokal aus dem 18. Jahrhundert, nach Ausbau des Flughafens ab den 1930er-Jahren Sitz der Firma Pump und einer Fabrik für flugtechnische Präzisionsmechanik. In den 1940er-Jahren waren hier 30 Zwangsarbeiterinnen beschäftigt. Davon zeugte ein Umkleideraum mit schmalen Spinden und eine Batterie von Waschbecken im Gemeinschaftsbad: Jonathan Meese, damals noch am Anfang seiner Laufbahn als Zeremonienmeister bezugsreicher Materialschlachten, integrierte Schränke und Waschbecken in ein trashig-wüstes Gesamtkunstwerk (seit 2001 in den Harburger Phoenix-Hallen revitalisiert).

Rauminstallation von Jonathan Meese im 2. Obergeschoss des Pump Hauses.

Mit Einzug der Sammlung verwandelte sich das nach dem Zweiten Weltkrieg vom Pharmaunternehmen DESITIN übernommene, zuletzt als Bauplanungsbüro und Arbeiterunterkunft genutzte mehrgeschossige Pump Haus in ein atmosphärisch aufgeladenes, vielsträngiges Work-in-Progress. In stringenter Wildheit breitete sich dieses über 2.500 Quadratmetern aus. Das Ambiente: eine defekte Türklingel mit handgeschriebenem Vermerk »Klopfen«, knarzende Holzdielen und rissige Fliesen, die mit abgewetztem Linoleumbelag und zerschlissenen Teppichböden alternierten.

Vertrackte Stromverteiler und mäandernde Leitungen prangten vor abblätternden Mustertapeten. Dazwischen aufgeklebtes Fake-Mauerwerk in Rundbögen, Möbelreste und ein Luftschutzkeller, wo noch in Frakturschrift die Rufnummer der »bei Bombenschäden« zuständigen Polizeiwache stand. Inmitten des optischen Aufruhrs durch die Nachbilder einstiger Nutzung sorgten präzise geknickte Streifenverläufe von Frank Stella einen Moment für trügerische Ordnung.

Gestört wurde diese schnell durch die Kuscheltier-Konglomerate von Mike Kelley und Martin Kippenbergers Sozialkistentransporter in Gestalt einer gestrandeten bunten Gondel. Flankiert zu einer Seite von Sherrie Levines und Joost van Oss' minimalistischer Objektgruppe nahm dahinter ein (alp-)traumartiges Großgemälde des damals jungen Malers Daniel Richter die Wand ein. Vom Kippenberger-Boot aus erblickte man die gigantischen onanierenden Plüsch-»Skunks« auf Baumstumpfsockeln von Paul McCarthy.

Menashe Kadishman, Schalechet (Gefallenes Laub), im Keller des Pumphauses.

Animalische Wesen traten in geballter Häufung im Pump Haus auf, darunter die hybriden Misfits von Thomas Grünfeld, Bjarne Melgaards kopulierende, farbbesprühte Monster-Affen und Kippenbergers skandalumwitterter gekreuzigter Holzfrosch. An anderer Stelle richtete Gavin Turks lebensgroße Wachsfigur von Che Guevara in der Pose von Warhols »Elvis« die Knarre auf alle, die vorbeikamen. Einen Ruhepol im tosenden Geschehen bot Nam June Paiks selbstreflexiver TV-Buddha.

Unten im Keller mit seinen Kriegsverweisen dehnte sich flächendeckend die bestürzende Bodenarbeit Schalechet (Gefallenes Laub) des israelischen Künstlers Menashe Kadishman aus: 10.000 zweidimensionale eiserne Gesichter mit wie zum Schrei aufgerissenen Mündern, eine Leihgabe des Galeristen Hans Mayer, die sich heute im Jüdischen Museum in Berlin befindet. Bei der Begehung trat man sie unweigerlich mit Füßen. Der rote Feuerlöscher im Treppenhaus, wo auch Rhoades' Rohre ihr Unwesen trieben, wirkte so, als sei dieser Teil einer künstlerischen Installation.

Alles ging im Pump Haus ineinander über: Kunst und Leben, Vergangenheit und Gegenwart, high und low, das Genaue und das Unberechenbare. Saturn und Jupiter bildeten hier eine zwanglose Konjunktion.

Jedes Mal, wenn Falckenberg zur Besichtigung im Rahmen eines »Open House« einlud, strömten scharenweise Kunstinteressierte herbei. Man traf auf Medienleute wie »Mr. Tagesthemen« Ulrich Wickert ebenso wie auf lokale und internationale Kunstschaffende und Szene-Leuten aus Institutionen, Galerien und Off-Orten. Die wechselhafte Geschichte des alten Fachwerkgebäudes war im verschachtelten, heruntergekommenen Interieur immer zum Greifen nah. Halb Geisterbahn, halb Schneidereskes »Haus u r« bildete es den Hintergrund für Kunsterlebnisse der anderen Art.

Martin Kippenberger, Sozialkistentransporter, 1989. Erdgeschoss des Pump Hauses.

Das Publikum wühlte sich regelrecht durch ein Labyrinth morbider Räume. Es verlief sich in endlosen Fluren und erklomm steile Stufen, um unbequemes ästhetisches Terrain zu erkunden. Ein besonderer Reiz war, dass man nie genau wusste, was einen erwartete: Die wechselnden Konstellationen im Pump Haus sorgten stets für Überraschungen. Beim nächsten Besuch hatten die Künstlerinnen und Künstler der zügig expandierenden Kollektion wieder andere Orte im Haus erobert, um sie in situ zu bespielen. Hier fanden auch ausufernde Ensembles Platz, die, in Falckenbergs Worten, »salonunverträgliche Maße« hatten und sonst nur auf Biennalen zu sehen waren.

Über 1.000 Einzelarbeiten trug Harald Falckenberg in den rund fünf Jahren der Pump-Haus-Besetzung zusammen. Ein roter Faden der Sammlung war von Anfang an das Revival von Duchamp und Dada ab den 1960er-Jahren. Die drei Gruppierungen, an denen sich Falckenberg orientierte und die bis heute gültig geblieben sind, zeigen sich schon Ende der 1990er-Jahre: zum einen, der Kreis um Martin Kippenberger, Albert Oehlen, Werner Büttner und Georg Herold, zum anderen die Pendants dieser Künstler in den USA: Richard Prince, Mike Kelley, Paul McCarthy und John Baldessari. Und als dritte Säule der Sammlung: Franz West, Dieter Roth und Öyvind Fahlström.

Viele, wenn nicht gar alle, eint die humorvolle Brechung, ein burlesker, subversiver Witz, der auch vor Klamauk nicht zurückschreckt und aus »zivilem Ungehorsam« heraus agiert. Mit den »Klassikern« trat dann die jüngere Künstlergeneration in Gestalt von Jason Rhoades, Mark Dion, John Bock, Jonathan Meese und anderen in einen Dialog: eine Auseinandersetzung, die anhält und sich im Laufe der vergangenen zwei Dekaden noch um etliche Stimmen erweitert hat.











Im Pump Haus gingen Kunst und Leben, das Genaue und das Unberechenbare, ineinander über.

Hausmeister-Wohnung im Pump Haus mit Werken von Günter Brus.

Als Falckenberg 2001 mit seinen Kunstbeständen wegen Abriss des Pump Hauses nach Harburg in die Phoenix-Hallen weiterzog, entstand ein Bildband mit Aufnahmen von Walter Remy, langjähriger Wegbegleiter des Modefotografen, Sammlers und Gründungsdirektors des Hauses der Photographie, F. C. Gundlach. In seinem begleitenden Essay schrieb der damalige Direktor der Hamburger Deichtorhallen, Zdenek Felix, dass im Pump Haus eine »Experimentierbühne für die Gegenwartskunst« entstanden sei. »Wie ein Stuntman ohne Netz« habe Falckenberg zu Beginn seiner Sammeltätigkeit »spontane Entscheidungen« gewagt und somit »gerade das Prozesshafte, das Ereignishafte in der heutigen Kunst« aufgegriffen. Dieser Prozess setzt sich nun seit bald 20 Jahren in Harburg fort.

»Die Sammlung«, so Falckenberg in seinem Katalogbeitrag zum Ausstieg aus dem Pump Haus, »ist nicht auf das Erhabene, ewig Schöne, sondern auf Endliches, Widersprüchliches, Provokantes angelegt und entzieht sich so museal-dauerhafter Festlegung«. In den Phoenix-Hallen, schrieb er damals, werde sie »in einer neuen Form entstehen«.

Hier sind nun zum Sammlungsjubiläum Installationen aus 25 Jahren zu sehen, darunter auch etliche aus der Pump-Haus-Zeit. Sie führen den Beginn von Harald Falckenbergs Passion für die Querdenker, Rebellen und Resistenten der Gegenwartskunst vor Augen: ein Blick zurück in die Zukunft auf aufsässige Ansätze, die sich auch jetzt noch, im sehr viel musealeren Harburger Rahmen, der zähmenden Fest- und Stilllegung widersetzen.

Belinda Grace Gardner, Kunst- und Literaturwissenschaftlerin, lebt in Hamburg als freie Kunstkritikerin, Autorin, Hochschuldozentin und Kuratorin und publiziert u. a. über das Ephemere und die Bildfigur der Vanitas in der Gegenwartskunst.

Die Ausstellung INSTALLATIONEN AUS 25 JAHREN SAMMLUNG FALCKENBERG ist bis zum 30. August 2020 in der Sammlung Falckenberg zu sehen.


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