© Jon Kessler

Höllenmaschine

Jon Kesslers aufwendige Rauminstallation »The Palace at 4 A.M.« gehört zu den Publikumslieblingen in der Sammlung Falckenberg. Permanent gefilmt und überwacht, erleben die Besucher*innen die Folgen der 9/11–Terroranschläge als multimedialen Overkill. VON ANGELA HOLZHAUER

17. April 2020

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Es begann mit Postkarten der Twin Towers. Was sahen die Attentäter beim Anflug auf die Türme des World Trade Centers in New York, die bei den Terroranschlägen vom 11. September 2001 zerstört wurden? Dieser Gedanke ließ den amerikanischen Medienkünstler Jon Kessler nicht mehr los. Kessler richtete Kameras auf die Postkarten und ließ das Bild auf Monitore im Raum als wackelige, mediale Dauerschleife übertragen.

Es war der Auftakt zu seiner komplexen Installation The Palace at 4 A.M., die nun aufwendig restauriert in der Sammlung Falckenberg zu sehen ist. Dort ist sie längst zu einem Publikumsmagnetem geworden. Kesslers groteske Analogie zu den immer wiederkehrenden Fernsehbildern der 9/11-Anschläge in den Köpfen der Menschen erlaubt den Betrachter*innen keinen komfortablen Abstand. Überwachungskameras verfolgen jede Bewegung, projizieren und multiplizieren das Bild auf Monitorwände.

Um das anarchisch-verspielte multimediale Raumkunstwerk The Palace at 4 A.M.erleben zu können, muss man sich in ein Labyrinth begeben: 60 mechanische Skulpturen, 229 Monitore und 9,7 Kilometer Video- und Stromkabel befinden sich in nur einem Raum, dazu vier auf Sperrholzplatten geklebte wandgroße Plakate, zahlreiche Collagen und unzählige kleine Überwachungskameras, die wie Drohnen die Betrachter*innen umkreisen. Permanent gefilmt und auf Monitoren ausgestrahlt, werden die Besucher*innen zum Bestandteil der Arbeit. »Die Installation zu betreten bedeutet, in den Körper eines technischen Monsters einzudringen, das zugleich vertraut und fremd ist und dessen innere Organe durch eine klaffende Wunde freigelegt wurden«, schreibt die amerikanische Schriftstellerin Siri Hustved über die Installation.

Die Wärme und Ausstrahlung der Röhrenfernseher sowie die Gerüche und Geräusche der technischen Geräte verstärken den immersiven Charakter der Installation, in der zusätzlich die Themen George W. Bushs »War on Terror«, Innere Sicherheit, Massenvernichtungswaffen, der Irak-Krieg, die Geschehnisse in Abu Ghraib, die Gefangennahme Saddam Husseins und Hurricane Katrina aufeinanderprallen.

Einzelne Elemente aus The Palace at 4 A.M. zeigte Jon Kessler bereits 2004 in der Ausstellung Global Village Idiot. Es waren seine ersten Arbeiten, in denen er Kameras und Monitore einsetzte – heute ein Markenzeichen des 1957 in Yonkers geborenen Künstlers. Kesslers Arbeiten changieren zwischen Virtualität und Realität, Kitsch und Politik.

Darüber hinaus verweist die Installation auf zahlreiche Beispiele in der Kunstgeschichte: So bezieht sich der Titel The Palace at 4 A.M. auf das von Kessler bewunderte, gleichnamige Bühnenmodell von Alberto Giacometti aus dem Jahr 1932. Der Titel der Installation solle, in den Worten des Künstlers, »den Wahnsinn evozieren, der sich in Saddams Palästen und Gefängnissen zu jener Stunde ereignete, als niemand zusah.« Referenzen finden sich außerdem auf die kinetischen Skulpturen des Schweizer Bildhauers Jean Tinguely, die Collagen der Dada-Künstler*innen Hannah Höch und John Heartfield sowie auf Daguerreotypien des Fotografen und Medienpioniers Edward Muybridge.

Als Jon Kessler die vielteilige Installation im P.S.1 Contemporary Art Center 2005 zum ersten Mal zeigte, war das ein Riesenerfolg. Dass die Installation nun in der Sammlung Falckenberg dauerhaft gezeigt wird, könnte man als Glücksfall bezeichnen: Der Düsseldorfer Galerist Hans Mayer rief seinerzeit Harald Falckenberg an und schlug vor, die Installation in seine Harburger Fabrikräume zu holen. Der Sammler sagte spontan zu, obwohl er nur wenige Details kannte.

Erst als Kessler die Arbeit 2006 in Harburg installierte, erkannten Künstler und Sammler, wie passend die Phoenix-Hallen als neuer Standort für die Arbeit waren. Schließlich studierte Mohammed Atta, einer der Drahtzieher hinter dem Attentat auf das World Trade Center, an der Technischen Universität Harburg und wohnte in der Harburger Marienstraße. Entsprechend richtete Jon Kessler für die Präsentation der Arbeit eine Live-Kamera zur Beobachtung der Nachbarschaft auf die Wilstorfer Straße direkt gegenüber des Sammlungsgebäudes.

Jon Kessler beim Einrichten seiner Installation, Foto: Rick Haylor, courtesy Jon Kessler

Nur wenige Monate später wurde Kesslers spektakuläre Installation als Leihgabe an Museen und Ausstellungshäuser in Europa auf Reisen geschickt. Die Arbeit litt unter den vielen Transporten. Hartmut Gerbsch, freier Medientechniker und selbst Künstler für Dia-Installationen und Fotografie, war damals schon als Ausstellungstechniker zuständig für Kesslers Arbeit: »Vor allem die Plakatwände haben bei der Tournee Schaden genommen, weil man sie stets an die örtlichen Gegebenheiten angepasst und beschnitten hat«. Abgenutzte Motoren, Kugellager und kaputte Kameras mussten neu ersetzt werden, der Künstler selbst schickte Material aus den USA. Eine Silikon-Vagina für die No Bush-Mechanik besorgte Gerbsch in einem Spezialgeschäft auf St. Pauli.

Der improvisierte Charakter der Installation mit ihren provisorisch aufgetürmten Monitorburgen erleichterte schließlich den Wiederaufbau in der Sammlung Falckenberg.

Als Herausforderung für Restaurator*innen und Personal erweist sich die Arbeit auch weiterhin. Die zentrale kinetische Skulptur One Hour Photo, rotierende Postkarten der Twin Towers, wird von einer Fahrradkette auf Rädern angetrieben und muss regelmäßig geölt werden.

Im Laufe der Jahre wurde es zudem immer schwieriger, Ersatzteile für die Installation zu finden. Vor allem die historischen 110 Volt-Röhrenfernseher wurden nicht mehr produziert. Ganz zu Anfang habe Kessler noch gebrauchte Monitore aus New York geschickt, die er Krankenhäusern oder Fernsehproduktionsstudios abkaufen konnte, berichtet Gerbsch.

Die Autorin mit Besucherinnen in der Installation von Jon Kessler. Foto: Henning Rogge/Deichtorhallen Hamburg

Man erkundigte sich bei Museumskolleg*innen, wie das Problem zu lösen wäre und erfuhr, wie unterschiedlich die Restaurierung zeitgenössischer Medienkunst von Künstler*innen gehandhabt wird. Die in der Sammlung Falckenberg befindlichen Werke von Nam June Paik müssen beispielsweise genauso restauriert werden wie vom Künstler zu dessen Lebzeiten konzipiert. Anders sieht es bei Werken der Medienkünstlerin und Filmemacherin Lynn Hershman Leeson aus, die 2015 mit einer Retrospektive in Harburg vertreten war. Sie passt ihre Arbeiten immer den aktuellen technischen Standards an. Kesslers The Palace at 4 A.M. hingegen behält das technische Erscheinungsbild aus dem Jahr der Terroranschläge bei.

Dies ist auch Christian Draheim und seiner Firma CRT Technology/colorvac.de in Leverkusen zu verdanken. Er ist im Besitz der einzigen Werkstatt für Bildröhren von Farbfernsehern weltweit und in der Lage, die alten Röhrenfernseher zu reparieren. Ein Jahr lang restaurierte Draheim alle 229 Röhrenfernseher der Installation Stück für Stück in Handarbeit. Nun kann The Palace at 4 A.M. anlässlich der Ausstellung INSTALLATIONEN AUS 25 JAHREN SAMMLUNG FALCKENBERG wieder vollständig restauriert erlebt werden.

Harald Falckenberg ist froh, dass diese für die Sammlung wichtige Medien-Installation vor Ort mit Hilfe der Experten auf einem technisch gutem Stand dauerhaft erhalten werden kann.

Angela Holzhauer betreibt in Hamburg seit 16 Jahren eine Galerie für zeitgenössische Kunst, ist freie Journalistin und führt seit vielen Jahren durch die Sammlung Falckenberg.

Die Ausstellung INSTALLATIONEN AUS 25 JAHREN SAMMLUNG FALCKENBERG ist bis zum 30. August 2020 in der Sammlung Falckenberg in Harburg zu sehen.


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