Botschaft aus dem Schredder

Bei einer Sotheby's-Auktion zerstört sich ein Werk des britischen Künstlers Banksy von selbst. Die Kunstwelt kritisiert die Aktion als leere Geste – zu Unrecht. EIN KOMMENTAR VON RAPHAEL DILLHOF

11. Oktober 2018

Kurzer Schreckmoment im Auktionssaal von Sotheby's: Nachdem der Hammer bei der Versteigerung des Banksy-Werks Girl with Balloon bei der Summe von 860.000 Pfund fiel, surrte es kurz im Saal – und Banksys Ballon-Mädchen wurde wie von Zauberhand durch den Wolf gedreht. Ein im Rahmen versteckter Aktenvernichter schredderte das Kunstwerk. »Für den Fall, dass das Bild jemals versteigert wird«, habe er diesen eingebaut, wie Banksy später in einem Video durchblicken ließ. »We just got banksy-ed«, kommentierte der Auktionator lapidar.

Eine gelungene und witzige Aktion, könnte man meinen. Jemanden bloßzustellen, der gerade tatsächlich (inklusive Aufgeld) über eine Million Pfund ausgeben wollte für ein Bild mit dem Originalitätsfaktor eines Wandtattoos, gespannt in einen scheußlichen Prunkrahmen, nur weil der Name des Graffitikünstlers daneben steht – ist das nicht eine originelle Racheaktion am Kunstmarkt, der sich die Graffitikunst des Street Artists oft genug auf dubiose Weise einverleibt? Könnte man sagen und das Kapitel damit schließen. Aber nein: Zu Banksy, dass muss man als seriöser Kritiker wissen, darf man sich kaum positiv äußern, ohne dass sämtlichen Anwesenden das Monokel ins Sektglas fällt. Und tatsächlich löst diese Aktion den Banksy-Beißreflex in der Kunstwelt wieder wie auf Knopfdruck aus.

Ein unwürdiges Schauspiel, inszeniert, ordinär und banal – so etwa der Ton, den die WELT anschlägt: Banksy sei nur ein Populist fürs einfache Volk, mit dessen Aktionen jeder, vom Markus Lanz-Zuschauer bis zu Lady Gaga, etwas anfangen könne. Ein Schöpfer von billigen Tricks, von banalen Bildern fürs Jugendzimmer, in dessen Motiven immer nur ein simpler Witz ausformuliert werde. Ein Selbstdarsteller der im Übrigen auf Auktionen sowieso lange nicht so viel wie ein Gerhard Richter einspielt. »Der Kunstmarkt dankt« schreiben andere hämisch, wenn sie darauf hinweisen, dass das geschredderte Werk vermutlich mehr wert sein wird als vorher. Von einer »empty gesture« spricht auch der New Yorker.


Das sind alles legitime Punkte. Ja, Banksys Bilderfindungen sind simpel und repetitiv. Ja, die Schredder-Aktion ist für die Medien inszeniert wie das letzte Topmodel-Finale. Und ja, Banksys Status als Anti-Establishment-Künstler darf und muss angezweifelt werden, wenn er Bücher und Drucke am laufenden Meter verkauft und mit solchen Aktionen seinen Preis nur steigert. Aber trotzdem sollte man es sich mit dem Abkanzeln eines Künstlers nicht so leichtmachen, dessen Stärke eben doch in seinem Engagement abseits des Kunstmarkts liegt, in seinem bizarren Dismaland, seinem Mural für die inhaftierte Künstlerin und Journalistin Zehra Doğan etwa, seinem absurden, wiedersprüchlichen Walled-Off-Hotel in Bethlehem

Dass sich die elitäre Kunstwelt ob seines jüngsten Spaßes wieder gegenseitig versichern muss, dass Banksy »grottenschlecht« sei, um nicht ihr bizarres Millionenspiel hinterfragen zu müssen, zeigt, dass in seinem simplen Streich letztlich immer noch mehr Sprengkraft steckt als im x-ten Gerhard-Richter-Bild. Die Tatsache, dass man sich jetzt schon die Hände reibt, weil das Werk jetzt vermutlich mehr Wert sei als vorher, legt nicht nur die zynische Absurdität der Marktmechanismen offen, sondern zeigt er auch wie sehr die Menschen, die den Wert von Kunst nur in Eurosummen messen können, an der Realität vorbeizielen. Es ist ja ganz einfach: Girl with Balloon ist und war ein banales Wandtattoo, das jemand für eine Million kaufen wollte. Erst die Aktion war das Kunstwerk.

Raphael Dillhof studierte in Wien Kunstgeschichte mit Schwerpunkt Architektur. Er arbeitet als freier Autor und Kurator in Hamburg.


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