Steffen Zillig vor einem Bild von Aleen Solari. Foto: Julia Steinigeweg

»Die Sozialen Medien sind miserabel gebaut«

Der Hamburger Künstler Steffen Zillig entwickelt multimediale Collagen aus Video-Fundstücken, Comics und dem Sound der digitalen Kanäle. Ein Gespräch über Entdeckergeist, Hamburg und das Weltbild von YouTube VON ANIKA MEIER

16. Oktober 2019

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Wie würden Sie Ihre Installation Geordneter Rückzug, die in der Ausstellung FUZZY DARK SPOT – VIDEOKUNST AUS HAMBURG in der Sammlung Falckenberg zu sehen ist, in einem Satz zusammenfassen?

Dieser Welt ist nicht mehr zu helfen – nichts wie weg hier!



Und die längere Fassung?

Ein inhaltlicher Zugang ist die multiplen Umdeutungen alternativer, subkultureller und auch aufklärerischer Haltungen: Autoritäten hinterfragen, gegen den Strom schwimmen, den Mainstream ablehnen, alternatives Wissen produzieren. Der zweite Zugang ist der einer bürgerlichen Öffentlichkeit, die sich fragt, warum sie plötzlich die Kontrolle über das Ganze zu verlieren scheint. Ein bürgerliches Selbstverständnis, das sich in einer Mischung aus anhaltender Ignoranz, heimlicher Scham und nackter Panik, selbst in zirkuläre und ausweglose Erzählungen eindreht – und schließlich Fluchtfantasien entwickelt.

Worin unterscheiden sich die beiden Zugänge?

Der erste Teil ist ästhetisch angelehnt an eine verschwendete Nacht vor dem Rechner, in der man sich vom Entdeckergeist getrieben in irgendwelche Winkel der sozialen Medien verläuft. Der zweite basiert auf klassischen Abenteuer- und Science-Fiction-Comics aus den 70er-Jahren.

Sie leben und arbeiten in Hamburg. Prägt die Kunstszene in der Stadt Sie und Ihre Arbeit?

Hier wohnen auf jeden Fall einige der Menschen, die für meinen künstlerischen Austausch unverzichtbar geworden sind. Hamburg ist ambivalent: Kunst galt hier nie als großes Versprechen. Das ist einerseits ein Potenzial, weil es eine gewisse Ernsthaftigkeit herausfordert. Es gibt eine sehr politische Grundenergie und herausragende Einzelkämpfer – Künstlerinnen, Künstler, aber auch Kleinverlage, Galerien und Projekträume. Da wird Hamburg allgemein unterschätzt. Aber die fehlende Aufmerksamkeit führt manchmal auch zu einer gewissen institutionellen Behäbigkeit. Wenn ich gute Großausstellungen sehen will, setze ich mich oft in den Zug.

Steffen Zillig, Geordneter Rückzug, Part II (Space Fantasy, Enlightenment, Shine On) (Detail), Inkjet-Prints, 2017. © Galerie Conradi















»Wir rücken uns medial immer mehr auf die Pelle und zugleich scheint die Gesellschaft immer weniger zusammen zu halten.«

Wieso haben Sie sich für das Medium Video entschieden?

Ich habe mich vor allem für die Praxis der Collage entschieden. Mit Fotografie und Film habe ich angefangen, aber mein Interesse hat sich schnell dahin verlagert, etwas aus der Kombination von Bestehendem heraus zu entwickeln. Die ästhetischen Möglichkeiten der Fotografie und auch die des Films schienen mir auserzählt. Die Art, wie wir beispielsweise an der Akademie gelernt haben, Fotografien in Bildfolgen sprechen zu lassen, gehört heute zur visuellen Grundgrammatik der meisten Instagram-Nutzer. Noch mehr schräge oder irgendwie irritierende Bildkonzepte zu produzieren, schien mir ebenso sinnlos.

Auf jeder freien Häuserwand und jedem aufpoppenden Browserfenster wird man heute von irritierenden Bildern blöd von der Seite angequatscht. Deshalb glaube ich an die Aktualität der Collage – wenn sie es denn schafft, aus den ganzen abgenutzten, durchkalkulierten oder einfach nur verschwenderisch ins Netz gepusteten Bildern und Videos etwas anderes zu erzählen, andere Ebenen einzuziehen, andere Subtexte. Der Versuch ist, durch ihre Kombination Bilder zum Denken zu bringen, die wir sonst routiniert unter ferner liefen verbuchen.

Stellen Sie Menschen in Ihren Videos aus?

Ich stelle Collagen aus, nicht Menschen. Ausgangspunkt ist immer Öffentliches, also bereits veröffentlichtes, ausgestelltes Material, aus deren Bearbeitung und Verschränkung ich neue Erzählungen entwickle. Ich stelle nicht einzelne Bilder oder Videos aus, die ich im Netz aufgestöbert habe und sage: Schaut mal, wie krass ist das?! Das passiert ja bereits bei Twitter oder YouTube.

Vielleicht hat die Irritation, die die Menschen in Ihren Videos auslösen, genau damit zu tun.

Es sind Bilder, die nicht in unsere Bubble gehören. Menschen, die wir typischerweise nicht im Kunstkontext antreffen. Steht man dann in einem Ausstellungsraum, beschleicht einen womöglich das Gefühl, man würde sich über Dritte unterhalten, die eigentlich nicht dazugehören. Diesen eigenartigen Moment zwischen Nähe und Distanz versuche ich ästhetisch herauszufordern, weil er ein Stück Zeitgeist ist: Wir rücken uns medial immer mehr auf die Pelle und zugleich scheint die Gesellschaft immer weniger zusammen zu halten.

Steffen Zillig, Geordneter Rückzug, Part II (Space Fantasy, Enlightenment, Shine On) (Detail), Inkjet-Prints, 2017. © Galerie Conradi

Was fasziniert Sie an den Inhalten, die Sie in den sozialen Medien finden?

Ich staune immer noch darüber, wie viele Menschen sich selbst ausstellen. Wie selbstverständlich sie ihr Material in die digitale Strömung schmeißen. Kunst reagiert darauf, wie sie auch auf das Aufkommen anderer Massenmedien reagiert hat. Meine Praxis ist mit den sozialen Medien gewachsen. In letzter Zeit beschäftigen mich eher die Bildwelten auf YouTube, wo sich die Leute mittlerweile als Moderatoren begreifen und professionellen Influencer-Formaten nacheifern.

Sie verbringen viel Zeit vor YouTube?

Mittlerweile nur noch während der Recherchephasen, weniger im Alltag.

Wie haben Sie dann Ihr Thema gefunden?

Früher habe ich einfach viel gewühlt auf den ganzen neuen Plattformen. Auch heute bei der Recherche versuche ich noch, die Algorithmen hinter mir zu lassen. Ich beginne zum Beispiel auf den letzten Seiten der Suchergebnisse, suche nach absurden Begriffen und in Sprachen, die ich nicht spreche. Irgendwann hat man einen Anhaltspunkt, dann geht man über einzelne Kanäle, die Freunde der Kanäle... Und irgendwann findet man sich als Beobachter an irgendeinem digitalen Stammtisch, an dem man es im Real Life wahrscheinlich gar nicht lange aushalten würde.

Was möchten Sie erreichen, wenn Sie diese Videoarbeit in einem Kunstkontext zeigen? Den Stammtisch erreichen Sie damit ja wiederum nicht.

Ich wähle ganz bewusst den Kunstkontext und vermeide es, meine Arbeiten oder auch nur Teile davon zurück in die digitalen Kanäle zu schicken. Da wäre sie nicht gut aufgehoben. Bisher empfinde ich die Öffentlichkeit der sozialen Medien als extrem dysfunktional und regressiv. Auch drei Jahre nach der Recherche zu Verschwörungstheorien für Geordneter Rückzug denkt YouTube beispielsweise hartnäckig, ich würde mich für AfD-Content interessieren. Wie ist es bei Menschen, die wenig andere Medien nutzen und vom Algorithmus ebenfalls in die AfD-Schublade verbannt wurden? Es gruselt einen, wenn man überlegt, was für Weltbilder YouTube und Co. da kuratieren – und wie unbehelligt sie das tun.

Steffen Zillig, Geordneter Rückzug, Part I (Soil Samples, You Tubes, Crazy Diamonds) (Ausstellungsansicht Conradi, Hamburg), Video-Collage, 2017. © Galerie Conradi












»Twitter und Facebook habe ich vor etwa einem halben Jahr den Rücken gekehrt. Ich glaube, die zentrale Öffentlichkeit für Kunst bleibt die Ausstellung selbst.«

Empfinden Sie Ausstellungsräume als freier?

Zumindest sind sie weniger formatiert. Ich würde beim Kunstpublikum auch wohlmeinend von einem hohen Prozentsatz von Menschen ausgehen, die Unwägbarkeiten schätzen, Ambivalenzen aushalten und die vertiefende Auseinandersetzung schätzen.

Eine privilegierte Situation...

Der Skandal ist ja nicht die Situation, sondern dass sie überhaupt ein Privileg ist. Die Konsequenz daraus ist für mich aber nicht, aus dem Kunstraum einen Stammtisch zu machen oder meine Arbeiten auf irgendeinem Stammtisch auszustellen – die Reaktionen wären vorhersehbar, die lauteste Meinung sticht. Die Konsequenz müsste sein, viel mehr Menschen das kulturelle Rüstzeug bereit zu stellen, Räume für sich zu nutzen, in denen man Ambivalenzen, Herausforderungen und Vieldeutigkeiten schätzt.

Sie sind selbst nicht in den sozialen Medien präsent. Wie schaffen Sie sich eine Öffentlichkeit?

Meine Arbeiten sind nicht instagrammable. Twitter und Facebook habe ich vor etwa einem halben Jahr den Rücken gekehrt. Vor allem Twitter hat mich extrem nervös gemacht, weil man da immer in so einen aktivistischen Erregungsmodus versetzt wird, der am Ende zu gar nichts führt. Ich glaube, die zentrale Öffentlichkeit für Kunst bleibt die Ausstellung selbst. Deshalb habe ich immer selbst Ausstellungen mitorganisiert und kuratiert. Außerdem habe ich mit Freunden ein kleines Magazin gegründet, schreibe auch für andere Magazine, Zeitungen und Blogs – das ist mein Weg, der Kunst ein öffentliches Gespräch zur Seite zu stellen.

Ist Ihre Öffentlichkeit so vielleicht kleiner?

Das mag sein, aber ich fühle mich wohler damit. Ich liebe das Internet, aber die sozialen Medien sind derzeit einfach miserabel gebaut. Das ist Pausenhof-Ökonomie: Belohnt wird, wer am geschicktesten prahlt, wer gut aussieht, wer am lautesten Krawall macht oder seine Mitschüler trollt – und am Ende steht noch die Essensmarken-Mafia und kassiert von allen Prozente. Ich möchte meine Arbeit nicht auf einem Pausenhof zeigen.

Anika Meier ist freie Autorin. Für das Magazin Monopol schreibt sie eine Kolumne über Kunst und Soziale Medien. Zuletzt hat sie die Einzelausstellung Reflexxxions von Signe Pierce im Lab von Eigen + Art und die Gruppenausstellung Virtual Normality. Netzkünstlerinnen 2.0 im Museum der bildenden Künste Leipzig kuratiert.

Die Ausstellung FUZZY DARK SPOT – VIDEOKUNST AUS HAMBURG ist noch bis zum 3. November 2019 in der Sammlung Falckenberg zu sehen.


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