Foto: Peter Rigaud

»Medienkunst kommentiert das Hier und Jetzt«

Julia Stoschek ist eine der wichtigsten Sammlerinnen für Medienkunst weltweit. Ihre Sammlung zeigt vor allem Videoarbeiten, Installationen und Fotografien. Ein Gespräch über Publikumsreaktionen, Bauchgefühl und Neuentdeckungen INTERVIEW: ANNETTE SIEVERT UND MATTHIAS SCHÖNEBÄUMER

14. Mai 2019

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HALLE4: Frau Stoschek, was reizt Sie persönlich an der Ausdrucksform Videokunst, die von Ausstellungsbesucher*innen ja oftmals als kompliziert und zeitintensiv wahrgenommen wird?
Julia Stoschek: Eine generelle Spezialisierung auf ein Medium war anfangs überhaupt nicht vorgesehen, sondern hat sich intuitiv durch meine Leidenschaft zum Film und bewegtem Bild ergeben. Mich reizt vor allem der immersive Charakter und die Komplexität des Mediums, das kann auch gerne mal überfordernd und muss nicht immer angenehm sein. Generell ist der Aspekt der Zeitgenossenschaft das, was mich umtreibt und am meisten fasziniert. Ich versuche mit der Sammlung ein Abbild meiner Generation zu generieren. Die Medienkunst kommentiert aus meiner Sicht das Hier und Jetzt, wie kein anderes Medium und bildet eine lebensnahe Dynamik ab.

Wie reagiert Ihr Publikum auf Videoarbeiten? Können Sie Unterschiede in der Rezeption zum Beispiel zu anderen Kunstgattungen beobachten?
Ich erlebe eine große Offenheit für diese jüngste Kunstform. Nichts durchdringt unser Bewusstsein mehr als der Medienkonsum. Wir sind tagtäglich umgeben von Bewegtbild, es prägt unsere Wahrnehmung und auch den Umgang mit Kunst generell. Und um auf das Publikum zurückzukommen: ich schaue mir regelmäßig die Einträge im Gästebuch an. Die Kommentare reichen von »indiskutabel« bis »Danke, so ein Glücksmoment«.

Installationsansicht Rindon Johnson, CIRCUMSCRIBE, JSC Düsseldorf. Courtesy JULIA STOSCHEK COLLECTION, Foto: Alwin Lay.











»Ich verstehe die Sammlung als ein Archiv von Zeitlichkeiten, in dem jede Arbeit ihren Platz und ihre ganz persönliche Geschichte hat«

Gibt es für Sie und Ihre Sammlung prägende Werke?
Ich verstehe die Sammlung als ein Archiv von Zeitlichkeiten, in dem jede Arbeit ihren Platz und ihre ganz persönliche Geschichte hat. Insofern sind, auch wenn das etwas langweilig klingt, alle Werke prägend und für mich wichtig.

Wolfgang Oelze, Kurator der Ausstellung FUZZY DARK SPOT – VIDEOKUNST AUS HAMBURG, hat in seinem Interview für HALLE4 Video als extrem fehlerbehaftetes Medium beschrieben, das an die Grenzen der Abbildbarkeit stößt. Wirkt sich so etwas auch auf das Sammeln von Videokunst aus?
Ich empfinde das überhaupt nicht so. Es ist in erster Linie ein Medium welches abhängig von technischen Gegebenheiten ist. Und da liegen auch die Herausforderungen – die rasante Entwicklung der Technik und die Archivierung der Kunst, die enorm aufwendig ist – denken Sie an klimatisierte Depots mit entsprechender Raumtemperatur und Luftfeuchtigkeit. Was den Erwerb der Arbeiten angeht, verfolge ich ein klares Konzept für die Sammlung. Ich versuche einerseits die Historizität des Mediums, seit Ende der 1960er Jahre abzubilden und andererseits durch den Ankauf von zentralen Werken, also Masterpieces das Oeuvre eines Künstlers zu durchdringen beziehungsweise zu vertiefen. Das bedeutet konkret, nicht 100 Werke von 100 Künstlern zu sammeln, sondern ganze Werkgruppen eines Künstlers in die Sammlung aufzunehmen. Da kommt es im Wesentlichen auf die wissenschaftliche Expertise und, ja, wenn Sie so wollen, auch auf mein Bauchgefühl an.

Wie entdecken Sie Arbeiten, die Sie für Ihre Sammlung erwerben möchten?
Das ist ganz unterschiedlich. Ich reise viel, bin von Natur aus neugierig. Wann immer es geht, bin ich in Museen, Ateliers, Messen und den Galerien unterwegs. Aber am liebsten höre ich mir an, was Künstler über ihre Kollegen zu sagen haben und dieser Einschätzung folge ich oft und gern.

Installationsansicht ARTHUR JAFA – A SERIES OF UTTERLY IMPROBABLE, YET EXTRAORDINARY RENDITIONS (FEATURING MING SMITH, FRIDA ORUPABO
AND MISSYLANYUS), Julia Stoschek Collection, Berlin. Courtesy JULIA STOSCHEK COLLECTION, Foto: Simon Vogel, Köln

Videokunst gilt als »immaterielle Kunst«, die ja vor allem von öffentlichen Museen gesammelt und gezeigt wird. Verfolgen Sie als Privatsammlerin einen anderen Umgang mit dem Medium?
Wir wollen vor allem Vorreiter sein und haben in unserer Funktion als international vernetzte Sammlung für zeitbasierte Kunst einige Standards etabliert, wie zum Beispiel ein einzigartiges Depot für analoge Medien. Aber das unterscheidet uns womöglich nicht von anderen Museen. Vielmehr können wir aufgrund unseres privaten Status unabhängiger und unbürokratischer agieren, was für derart flüchtige Formate wie Performance und zeitbasierte Medien sehr wichtig ist.

Plattformen wie YouTube, Vimeo oder Instagram haben in den letzten Jahren den Umgang mit Videos radikal verändert. Können Sie eine Auswirkung dieser Kanäle auf die Videokunst feststellen? Wirken diese Plattformen in die Kunst hinein?
Zum Glück entstehen dauernd Wechselwirkungen: Solche die die Kunst beeinflussen, wie auch solche, die von der Kunst ausgehen.

Gibt es aktuelle Videokünstler*innen, die Sie besonders begeistern oder deren Arbeiten Sie unbedingt empfehlen würden?
Ich komme gerade von der Biennale in Venedig. Sehr viele Künstler, die bei uns in der Sammlung vertreten sind, haben dort ausgestellt und auch neue wunderbare Arbeiten gezeigt, zum Beispiel Cyprien Gaillard, Arthur Jafa oder Jon Rafman, um nur einige zu nennen. Renate Lorenz und Pauline Boudry, die aktuell bei uns in den Berliner Räumlichkeiten zu sehen sind, bespielen darüber hinaus den Schweizer Pavillon in diesem Jahr! Ich würde deshalb einen Besuch der Biennale empfehlen.

Annette Sievert ist Ausstellungsmanagerin in der Halle für aktuelle Kunst der Deichtorhallen Hamburg.

Matthias Schönebäumer ist Redaktionsleiter von HALLE4.

Die Ausstellung FUZZY DARK SPOT – VIDEOKUNST AUS HAMBURG ist noch bis zum 3. November in der Sammlung Falckenberg zu sehen.


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