Courtesy reproducts

»Eine extrem seltsame Welt«

Die Hamburger Künstlergruppe reproducts archiviert seit 1989 Massenmedien und bringt sie in neue Zusammenhänge. Ihre thematischen Fernsehabende sind performative Gemeinschaftserlebnisse. Ein Gespräch über Aktenzeichen XY, kollektive Traumata und das magische Auge VON ISABEL ABELE

19. September 2019

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Ihr seid bekannt für eure Mashups von TV-Klassikern. In der Ausstellung FUZZY DARK SPOT – VIDEOKUNST AUS HAMBURG ist etwa euer Video XY – Die Dinge von 1997 zu sehen. Darin setzt ihr euch mit Aktenzeichen XY…ungelöst, einer der erfolgreichsten Fernsehsendungen Deutschlands auseinander.

SE: Richtig, Aktenzeichen XY nimmt eine absolute Sonderstellung im deutschen Fernsehen ein. Es ist eine der ersten interaktiven TV-Sendungen und eines der ganz wenigen Formate, deren Konzept ins Ausland verkauft wurde.

SP: Die Sendung hat sich vor allem Dank der astronomischen Einschaltquoten tief ins kollektive Gedächtnis von Fernsehdeutschland eingebrannt. Als wir die Arbeit 1997 gemacht haben, hatte jeder über 20 seine ganz persönliche XY-Horror-Erinnerung. Man musste an diesen Freitagen einfach unters Bett gucken, ob da nicht irgendeiner der irren Mörder lauert.

Klingt, als hätte euch die Sendung nachhaltig traumatisiert.

SP: Statt der erfreulichen Leere unterm Bett haben wir uns die Sendung sehr genau angesehen und versucht, dem Phänomen Aktenzeichen XY auf den Grund zu gehen.

Die Sendung lieferte euch ausreichend Material für einen ganzen Werkzyklus.

SE: In der Tat. Im Oktober 1997 verabschiedete sich »Ganoven Ede« vom Bildschirm.

Ihr sprecht von Eduard Zimmermann, dem Moderator und Erfinder der Sendung. Eine damalige Kultfigur...

SP: Genau. Nach 30 Jahren und 300 Sendungen hat er das Format verlassen. Dieser Abschied vom Bildschirm war lange vorher angekündigt worden, sodass wir genügend Vorbereitungszeit hatten, um eine ganz spezielle Arbeit zu realisieren.












»Jeder über 20 hatte seine ganz persönliche XY-Horror-Erinnerung. Man musste an diesen Freitagen einfach unters Bett gucken, ob da nicht irgendeiner der irren Mörder lauert.«

Speziell inwiefern?

SE: Wir wollten schon lange etwas mit Aktenzeichen XYmachen und hatten endlos viele Sendungen im Archiv, und das war der geeignete Anlass. Wir entschieden uns dafür, die 300. Sendung live im Kino zu zeigen. Es war klar, dass es bis zur Spätausgabe von Aktenzeichen XY, den sogenannten Zuschauerreaktionen, wo die ersten Fahndungsergebnisse präsentiert wurden, etwa 100 Minuten zu füllen gab. Diese bildeten dann die perfekte Klammer für unsere insgesamt 15 Collagen, die daraufhin entstanden.

Aktenzeichen XY lebt ja von diesem eigenartigen Verhältnis zwischen Fiktion und Realität. Für die Sendung werden ungelöste Verbrechen, die tatsächlich begangen wurden, filmisch nacherzählt. Zudem werden reale Beweismittel oder auch Fahndungsfotos ins Studio geholt und dem Publikum vorgestellt – also Dinge, die zur Aufklärung des Verbrechens beitragen sollen. Ihr sagt, dass ihr in euren Collagen die verschiedenen Muster von Aktenzeichen XY analysiert?

SP: Oft waren es banale Alltagsgegenstände und endlos reproduzierte Massenprodukte, die durch ihre Verwendung bei einem Verbrechen und ihre Präsentation in Aktenzeichen XY zu Unikaten gemacht wurden. Absolute Originale, die dann auf dem immer gleichen braunen Hintergrund zu sehen waren.

SE: Und dann in diesem unfassbar hölzernen Polizeisprech beschrieben wurden.

SP: Überhaupt hatte die Sendung eine ganz eigene Sprache – wie auch Bildsprache – entwickelt, die uns fasziniert. Die anderen Collagen aus dem Zyklus befassen sich unter anderem mit den Studioschaltungen, den Phantombildern, vor allem aber mit der Inszenierung von Alltag in den Filmfällen, deren bizarre Künstlichkeit durch das Wissen, es handelt sich um ein echtes Verbrechen, einen echten Mord, eine ganz seltsame Spannung entwickelt. Ganz anders als bei den Scripted-Reality-Serien heute.

SE: Harun Farocki hat unseren Blick da sehr geschärft mit seinem »Leben BRD« von 1990. Dort ist uns die Analyse von gespieltem Alltag deutlich geworden.

Ihr verfügt über ein sehr umfangreiches Fernseharchiv. Was genau wird archiviert, wie nutzt ihr das Material für eure Kunst?

SP: Das reproducts-Archiv ist die Basis unserer Arbeiten. Wir sammeln Videos, Streams, Zeitungen, Screenshots, Magazine, Sammelbilder, Postkarten, Info-Broschüren, Blogs, Diätbücher, analoge und digitale Versandhauskataloge und Vieles mehr. Also im Grunde massenmediales Material, in dem wir einen Subtext erkennen oder zumindest vermuten, der etwas über die Konstruktion gesellschaftlicher Realität erzählt und vielleicht sogar einen Blick in kollektive Traumata ermöglicht.

SE: Bis in die 2000er Jahre haben wir zum Beispiel zahlreiche filmische Analysen von Formaten wie Dalli Dalli!, Der Kommissar bis hin zu Pastor Jürgen Flieges Talkshow erstellt.

Welche Beobachtungen habt ihr bei eurer Analyse dieser Formate gemacht?

SP: Uns interessiert im Grunde der Subtext, der ja immer mitläuft. Bei Dalli Dalli! war es die spielerische Einübung einer Versöhnung von Juden und Deutschen, von Tätern und Opfern und vor allem von deren Kindern. Das übersteigerte Reenactment davon war 1989 unsere erste Arbeit überhaupt, da hatten wir als Gruppe noch nicht mal einen Namen.

SE: In der Serie Der Kommissar arbeitet sich der Autor Herbert Reinecker an seiner eigenen braunen Schuld ab und inszeniert in jeder Folge neu das Trauma des Übriggebliebenen, der selbst nicht tot ist, sondern die Todesnachricht überbringt. Beides traf den verborgenen Nerv einer ganzen Republik.

SP: Das haben wir dann in Todesboten thematisiert. In dem vierminütigen Mashup sind die immer wiederkehrenden Szenen des Überbringens der Todesnachricht durch den Kommissar und seine Assistenten aus über 20 Folgen der Serie in einen absurden Reigen collagiert. Die schablonierten Dialoge Reineckers boten uns hohes Comedy-Potenzial basierend auf einem Thema, dessen tiefer Tragik man sich gleichzeitig nicht entziehen kann.












»Wir sammeln massenmediales Material, in dem wir einen Subtext erkennen oder zumindest vermuten, der etwas über die Konstruktion gesellschaftlicher Realität erzählt.«

Bibi und Julian rechtfertigen sich wortreich auf ihrem YT-Kanal für ihren Epic Fail, den sie im Februar 2019 im QUIZDUELL bei der ARD abgeliefert haben. Courtesy reproducts

In der letzten Zeit habt ihr euch vor allem mit performativen Arbeiten beschäftigt...

SE: Halt mal, ein bisschen Fernsehen bzw. Web-Streams sammeln wir schon noch!

SP: Die TV-Formate haben ja irgendwann in den 90ern ihre Subtexte immer mehr verloren, weil die Macher im Prinzip genauso wie wir da rangehen: Sie analysieren alles bis ins kleinste Detail. Jedes Bild, jedes Wort, jeder Schnitt, jedes Ausstattungsstück wird bereits aus der Perspektive seiner späteren medialen Wirkung gedacht.

SE: Eben. Aber bei gewissen ganz neuen Formaten ist das alles noch nicht so durchdekliniert und das Unbewusste scheint auf. Uns interessieren im Moment TV-Sendungen oder Posts, wo »Webkinder« ihren »Fernseheltern« begegnen und sich die Welten durchdringen. Also wenn zum Beispiel Super-Influencer wie Bibi und Julian – die allerdings »nur« bei den Digital Natives Megastars sind – in die Panel-Shows der alten Fernsehwelt eingeladen werden, wo sie mit dem Rest der analogen B, C und D-Prominenz um ihren Lebensunterhalt quizzen müssen.

Inzwischen hat das Fernsehen an Bedeutung verloren. Zunehmend dominieren Streaming-Dienste die deutschen Wohnzimmer. Gerade jüngere Menschen interessieren sich doch gar nicht mehr fürs klassische Fernsehen. Man könnte behaupten, das Fernsehen sei tot.

SP: Darum nennen wir unsere Soziale Plastik ja auch Fernsehfriedhof.de.

SE: Und außerdem halten wir das für einen schweren Irrtum. Das klassische Sender-Fernsehen ist definitiv durch. Aber Menschen lieben den gemeinsamen Moment. Und wenn das Internet richtig aufregend wird, dann benimmt es sich genauso wie das Konzept »Fernsehen«: das Erleben der großen Gemeinschaft – allein vor dem magischen Auge. Die »Premiere«-Funktion bei YouTube zum Beispiel und ihre begeisterte Nutzung belegen das.

Stefan Eckel und Stefan Prehn von reproducts bei der Duomedia-Performance „Die Polybaptisten“ auf der literatur altonale 2019. Courtesy reproducts

Was genau passiert denn beim Fernsehfriedhof.de?

SP: Wir gucken zusammen mit den Besuchern ganze Fernsehsendungen unter einem thematischen Gesichtspunkt. Zum Beispiel Amnesie in Fernsehserien, Doppelgänger, Kindersendungen, die Kunst erklären oder, wie jetzt hier in der Sammlung Falckenberg, »Flamingos gegen Kampfadler – Tierdokus als Spiegel der Seelenlandschaft ihrer Macher«.

SE: Das gemeinsame wie auch das konzentrierte lineare Schauen ist allgemein, und auch uns selbst, ziemlich abhandengekommen. Genau das halten wir aber für wichtig, und in dieser Sozialen Plastik – ganz im beuysschen Sinne – realisieren wir das aus dem Raum, den Anwesenden und dem Material regelmäßig einmal im Monat in einer Bar in Berlin.

SP: Wir machen das ja schon seit 1997, aber vor allem in den 2000ern haben wir durch gute Beziehungen Sachen gezeigt, die damals hier noch niemand kannte wie zum Beispiel Breaking Bad. Aber dann hatten immer mehr Leute Zugriff auf alles Mögliche und wir haben von 2011 bis 2017 mit dem Projekt pausiert.

SE: Jetzt zeigen wir konsequent bereits gelaufene Sachen. Da ist allerdings für uns auch etwas sehr Überraschendes passiert. In den sechs Jahren Pause ist der Abstand zum ganzen Medium Fernsehen an sich noch mal um etliche Lichtjahre größer geworden. Man guckt in eine extrem fremde und seltsame Welt, die der bewegte, sprechende Hintergrund der eigenen Vergangenheit war. Und nebenbei bemerkt: Wirklich ganze Sendungen zu gucken, ist heute eine echte Zen-Übung.

Die Künstlergruppe reproducts wurde 1989 in Hamburg gegründet und betreibt medienarchäologische Forschungen, die die Grundlage für audiovisuelle Arbeiten, theatrale Inszenierungen, Installationen und analoge wie digitale Textformate bilden.

Isabel Abele verantwortet die Kunstvermittlung der Sammlung Falckenberg und ist Redaktionsmitglied von HALLE4.

Die Ausstellung FUZZY DARK SPOT – VIDEOKUNST AUS HAMBURG ist noch bis zum 3. November 2019 in der Sammlung Falckenberg zu sehen.











»Das gemeinsame wie auch das konzentrierte lineare Schauen ist allgemein, und auch uns selbst, ziemlich abhandengekommen.«

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