Foto: Henning Rogge/Deichtorhallen Hamburg

»Video ist ein fehlerbehaftetes Medium«

Die Ausstellung FUZZY DARK SPOT in der Sammlung Falckenberg ist eine Auseinandersetzung mit dem Medium Video, seinen Mechanismen und Manipulationen. Kuratiert hat sie der Videokünstler Wolfgang Oelze. Ein Gespräch über Wahrnehmung und Wirklichkeit, blinde Flecken und lichte Momente INTERVIEW: VERONIKA SCHÖNE

12. April 2019

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HALLE4: FUZZY DARK SPOT – VIDEOKUNST AUS HAMBURG lautet der Titel deiner Ausstellung in der Sammlung Falckenberg. Gibt es besonders viele Videokünstler*innen hier in der Stadt oder gar eine »Hamburger Schule« wie in der Musik?
Wolfgang Oelze: Von einer Schule will ich nicht sprechen, das wäre mir zu dogmatisch, es gibt aber in der Geschichte der Hamburger Videokunst tatsächlich einige Entdeckungen, die ich in der Ausstellung punktuell beleuchten will. Bei meiner Recherche im Vorfeld der Ausstellung bin ich auf die Bewegung der Gegenöffentlichkeit gestoßen. Dabei ging es aber nicht um einen Kunstbegriff, sondern eine autonome, selbstorganisierte und kollektive Mediennutzung, die sich unter anderem mittels Video ausgedrückt und in den 70er Jahren mit den Medienzentren in Hamburg begonnen hat. Das sind heute noch sehr aktive Einrichtungen, die einen aufklärerischen Umgang mit Video praktizieren und politisch relevante Beiträge produzieren. Für die Ausstellung ist dies sehr interessant, denn diese Videos setzen sich mit dem Zustand der Welt auseinander.

Was war der Anlass für diese Ausstellung?
Vor neun Jahren hat Harald Falckenberg mir eine Ausstellung angeboten. Im Laufe der Zeit veränderte sich das Konzept von einer Einzel- zu einer Gruppenausstellung. In der Sammlung Falckenberg haben bereits zwei von Künstler*innen kuratierte Gruppenausstellungen stattgefunden: Weißer Schimmel (2010) und Captain Pamphile (2011). In dieser Tradition ist auch FUZZY DARK SPOT zu sehen. Die Idee, sich auf Hamburg zu fokussieren, ist das Verdienst von Dirk Luckow, dem Intendanten der Deichtorhallen, der damit die Ausstellung sehr engagiert ins Rollen gebracht hat.

Fuzzy bedeutet »unscharf« oder »verschwommen«, ist also wie in der Fuzzy Logic auch als »zufällig« interpretierbar. Spot wiederum ist ein Fleck, der sowohl aus Schatten als auch aus Licht bestehen kann wie ein Scheinwerfer. Ein Fleck also, der sowohl etwas sichtbar macht als auch etwas verschleiert?
Ja, das ist wunderbar zusammengefasst. Der Fuzzy Dark Spot ist eine Irritation der Wahrnehmung, ein dunkler Punkt, den man nicht scharf sehen kann. Fuzzy funktioniert wortmalerisch im Deutschen wie im Englischen: »fusselig«, »faserig«, »undeutlich«. Der dunkle Schatten, den dieser Fleck wirft, markiert wiederum einen Ort – das ist eine weitere Übersetzung von spot. Gleichzeitig löst dieses Phänomen auch ein Gefühl der Beunruhigung aus, der »Fleck« befindet sich im Reich des Dunklen und des Unheimlichen.

»Der Fuzzy Dark Spot ist eine Irritation der Wahrnehmung, ein dunkler Punkt, den man nicht scharf sehen kann. Er befindet sich im Reich des Dunklen und des Unheimlichen«

Blick in die Ausstellung FUZZY DARK SPOT in der Sammlung Falckenberg. Foto: Henning Rogge/Deichtorhallen Hamburg

Ich bin zuerst auf diesen Ausdruck in einem Internetforum gestoßen, in dem Kamerafreaks sich über rätselhafte Flecken auf ihren Fotos unterhielten: »There is a fuzzy dark spot on my photos. Cleaned my lens, fuzzy dark spot still there.« In dem Fall hatte sich Schimmel in dem Objektiv eingenistet, und da er sich zwischen der Welt und der Abbildungsebene befindet, kann er nie scharf abgebildet werden. Die Fuzzy Logic kennt man aus der Regeltechnik, sie geht auf Platon zurück und steuert heute beispielsweise japanische U-Bahnen, hilft aber auch künstlicher Intelligenz bei der Spracherkennung. Auch eine ziemlich unheimliche Sache.

Die fuzziness bezeichnet also nicht nur den sprichwörtlichen »blinden Fleck«, sondern auch die menschliche Fähigkeit, sich im Ungefähren zu orientieren? Genau. Um im Bild zu bleiben: Die fuzziness ist im Grunde genommen die Möglichkeit, mit dem dark spot, dem blinden Fleck, umzugehen. Das ist eine menschliche Fähigkeit, die die Maschine von sich aus nicht hat. Vieles, dessen Konturen man nicht exakt bestimmen kann, kann man dennoch im Unscharfen erahnen. Das ist auch die Herausforderung an die Ausstellungsbesucher*innen bei dieser Ausstellung.

»Videobilder sind seit jeher unscharf, grobkörnig und dunkel – ein extrem fehlerbehaftetes Medium, das an die Grenzen der Abbildbarkeit stößt«

Die Ausstellung zeigt eine solche Menge an guten Positionen,dass man Hamburg als eine regelrechte Hochburg der Videokunst bezeichnen möchte. Sie eröffnet aber auch eine inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Medium Video.
Der Fuzzy Dark Spot lässt sich besonders gut in der Videokunst verorten. Videobilder sind seit jeher unscharf, grobkörnig und dunkel. Video ist ein extrem fehlerbehaftetes Medium, das an die Grenzen der Abbildbarkeit stößt. Der Fehler ist ein bestimmendes Element sowohl für das Bild als auch für die Bilddeutung. Das wirft die Frage nach der Rolle des Betrachters im Kräftespiel der Bildwerdung auf. Video entstammt primär dem Fernsehen, ohne das Fernsehen gäbe es keine Videokunst. Speziell Video ist in der Lage, eine »Abbildungsrealität« zu thematisieren. Der Psychologe Friedrich Wolfram Heubach hat schon 1983 formuliert, dass das Videobild den Unterschied zwischen Abbildung und Abgebildetem aufhebt, und zwar sowohl räumlich als auch zeitlich. Der so genannte closed circuit, der »geschlossene Kreislauf« von Nam June Paiks TV-Buddha (1974) führt das exemplarisch vor: Die Buddhastatue wird von der Kamera aufgenommen, die das Bild gleichzeitig an den Monitor übermittelt, vor dem der Buddha sitzt und sich selbst anschaut wie in einem Spiegel. Folgt man Heubachs Argumentation, dann fällt die Existenz in der Realität mit der im Bilde zusammen.

Gerade die frühe Videokunst der 70er Jahre arbeitet sich ja an dem neuen Massenmedium regelrecht ab, Stichwort Medienkritik. Sind diese Fragen immer noch aktuell?
Auf jeden Fall. Video hat eine unterschwellige Wirkungsebene. Es wurde und wird auch zur Manipulation und Überwachung genutzt. Was macht die Präsenz von Überwachungskameras im öffentlichen Raum mit uns? Oder im Privatraum? Jeder neue Fernseher hat inzwischen eine Kamera und ein Mikrofon eingebaut. Die Ausstellung erschöpft sich aber nicht in der Medienkritik.

Die Gleichzeitigkeit der Existenz in der Realität und im Bilde spielt ja besonders in Hinblick auf die allzeit verfügbaren Kameras in Smartphones und Smart-TVs eine Rolle.
Diese Geräte produzieren eine unglaubliche Menge an Videobildern, die alles und jeden aus jeder erdenklichen Perspektiven zeigen. Gleichzeitig gibt es aber einen Zweifel an der Echtheit von Bildern, an der Wahrheit überhaupt. Obwohl der moderne Mensch mit jedem neuen digitalen Gadget und jedem weiteren Posting in sozialen Netzwerken irgendwie immer wieder betrogen wird oder auch sich selbst betrügt: Es entsteht dabei ein Gefühl des Unbehagens, dass etwas nicht stimmt. Dieses Gefühl ist der innere Fuzzy Dark Spot.

Jeanne Faust, Reconstructing Damon Albarn in Kinshasa, 2010, Super 16 auf HD-Video, Courtesy of the artist and Galerie Karin Guenther © VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Wie zeigen sich diese Aspekte konkret in den ausgestellten Arbeiten, die doch sehr unterschiedlich sind?
Nehmen wir ein Beispiel: Bei Reconstructing Damon Albarn in Kinshasa (2010) von Jeanne Faust sieht man zwei Personen, die sich erst über einen toten Hund, dann über ein Foto von Damon Albarn in Kinshasa unterhalten. Es geht um die Beschreibung einer Fotografie, die den Musiker Damon Albarn in Kinshasa zeigt, die sich mit dem Gespräch über einen toten Hund vermischt. Der wurde aber eigentlich als geschicktes Ablenkungsmanöver für den Betrachter ausgedacht. Am Ende hat man das Foto von Damon Albarn so vor Augen, als hätte man es selber gesehen. Aber existiert dieses Bild überhaupt »real« oder nur in der Vorstellung, die hier hervorgerufen wurde? Die Frage bleibt offen, und gerade dies ist der Fuzzy Dark Spot, der sich offenbart.

Stefan Panhans löst in Freeroam À Rebours, Mod#I.1 (2016) ein ähnliches Flirren zwischen Realität und Fiktion aus. Allerdings bezieht sich dies auf menschliches Verhalten.
Panhans lässt echte Schauspieler Figuren aus Computerspielen nachahmen, allerdings in Situationen, die vom Spieleentwickler nicht vorgesehen sind: Sie hängen in Schleifen fest und wiederholen wie autistisch Handlungen im Zustand der Entscheidungslosigkeit. Da diese »Avatare« von Menschen dargestellt werden, wirken sie umso tragikomischer, verzweifelter und verwirrter – und gerade deshalb erscheint dieser Zustand so seltsam vertraut.

Hast Du als Künstler einen anderen Zugang zu einem solchen Ausstellungsprojekt als ein klassischer Kurator? Gibt es einenspezifisch künstlerischen Anspruch dahinter?
Der Fuzzy Dark Spot ist seit langem ein künstlerisches Anliegen für mich. So wie ich das Thema in meinen eigenen Arbeiten versuche, vielschichtig zu bearbeiten, möchte ich es auch in dieser Ausstellung durch Auswahl und Kombination der Arbeiten meiner Kolleg*innen tun. Die ausgewählten Werke sind keinesfalls die Illustration einer kuratorischen These oder des Ausstellungstitels. Sie veranschaulichen, und das ist das Schöne daran, keine bestimmten Begriffe, sondern thematisieren jeweils ganz eigene mediale Fuzzy Dark Spots. Die Ausstellung erhebt jedoch, trotz des im Laufe meiner Recherche stark angewachsenen Materials, keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Jede der gezeigten Arbeiten geht das Thema von einer anderen Seite an. Ich möchte den einzelnen Werken Luft lassen, ihren jeweils eigenen tiefsinnigen Charakter zu entfalten. Aus ihnen heraus ergeben sich Verknüpfungen, die den Fuzzy Dark Spot in seinen verschiedenen Facetten wahrnehmbar machen.

Veronika Schöne ist Kunsthistorikerin, schreibt Texte, macht Führungen und unternimmt Reisen zur Kunst.

Die Ausstellung FUZZY DARK SPOT – VIDEOKUNST AUS HAMBURG ist bis zum 3. November in der Sammlung Falckenberg zu sehen. Begleitend zur Ausstellung findet ein umfassendes Rahmenprogramm mit einem Filmprogramm im Metropolis Kino, Filmabenden in der Ausstellung und Sonderführungen statt.

»Die ausgewählten Werke veranschauliche keine bestimmten Begriffe, sondern thematisieren jeweils ganz eigene mediale Fuzzy Dark Spots

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