Gefangene der Rush Hour

In seiner berühmten Serie Tokyo Compression zeigt Michael Wolf Porträts von Reisenden in der Tokioter U-Bahn. Zu sehen ist die Einsamkeit des Einzelnen inmitten der Masse – ein Abbild der japanischen Gesellschaft VON JUSTUS DUHNKRACK

18. Februar 2019

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Jeder Zugreisende kennt das Gefühl: das Abteil ist bereits überfüllt, doch immer mehr Menschen steigen zu. Der Nebenmann rückt näher, man kann ihn schon riechen. Es wird eng, es wird heiß. Wie kommt man hier nur wieder raus? Diese Erfahrung ist kaum vergleichbar mit den Qualen, die Fahrgäste der notorisch überfüllten U-Bahn in Tokio täglich erdulden müssen. In der zwischen 2010 und 2013 entstandenen Serie Tokyo Compression von Michael Wolf kann man es ihren Gesichtern ablesen. Die Beklommenheit angesichts der Beengtheit ist körperlich spürbar. Fast alle Fahrgäste schließen die Augen, versuchen den Blick abzuwenden. An die beschlagenen Scheiben der Metrowägen gepresst, wirken ihre blassen Gesichter wie konserviert. Wolfs Bildrahmen hält die Reisenden ebenso gefangen wie die Türen der U-Bahn. Im Gegensatz zu seiner Architekturfotografie, versetzt Michael Wolf mit Tokyo Compression die Großstadt in Bewegung: Die Porträts bleiben Momentaufnahmen – der Zug fährt weiter.

Tokio, in jeder Hinsicht das Zentrum des Landes, hat in der Metropolregion 40 Millionen Einwohner – das entspricht etwa der Hälfte der deutschen Bevölkerung. Da sich der großstädtische Lebensraum durch die Berge im Landesinneren weitgehend an den Rand der Insel drängt, werden Millionen Pendler aus der Region täglich von Regionalbahnen ins Zentrum der Metropole bewegt. Die Tokioter Metro ist ihr »Blutkreislauf« – auf engstem Raum wird Mobilität zum Schlüssel für Lebensqualität. Das gut ausgebaute Nahverkehrssystem trägt außerdem dazu bei, die soziale Segregation der Stadtbevölkerung zu verhindern: Slums oder Banlieues gibt es in Tokio schlichtweg nicht.

Die Eisenbahnlinien in Tokio sind Motoren der Stadtentwicklung. Anders als in Deutschland sind es private Unternehmen, die ganze Stadtviertel bauen, um profitable Bahnlinien dorthin anzubieten. So leben in der privaten Planstadt Tama Den-en Toshi heute rund 600.000 Einwohner. Der größte Bahnhof Shinjuku schickt täglich etwa dreieinhalb Millionen Fahrgäste auf seinen dreißig Gleisen durch die Stadt. Zum Vergleich: Der Hamburger Hauptbahnhof schafft rund eine halbe Million. Trotzdem sind Japans Bahnhöfe keine Orte der »Unterwelt«. Im Gegenteil, sie sind soziale Treffpunkte und lebendige Nahversorgung.

In den außerordentlich sauberen und organisierten Bahnhöfen betreiben die privatisierten Eisenbahnlinien Kaufhäuser und Gastronomie. Vielsprachige Informationstafeln und Bahnangestellte weisen den Weg, Bodenlinien geben vor, wo sich Fahrgäste in Schlangen anzustellen haben. Die Pünktlichkeit der Metro ist legendär: Die jährliche durchschnittliche Verspätung pro Zug liegt bei circa 0,7 Minuten. Kommt es doch mal zu Verzögerungen, verteilen Bahnangestellte offizielle Schreiben, die zur Vorlage bei Arbeitgebern bestimmt sind, um die Verspätung des Angestellten zu entschuldigen.

Über Verzögerungen im Fahrplan würden Japaner sich ohnehin nicht beschweren. Als Individuum aus der Masse herauszutreten, käme für sie nicht in Frage. In den Zügen herrscht Stille, Kontakt zu anderen Fahrgästen wird vermieden. Der eingezwängte Pendler, den Michael Wolf in Tokyo Compression zeigt, ordnet sich pflichtbewusst unter und erträgt das Unvermeidliche im Stillen. Shikata ga nai – es ist nicht zu ändern, lautet ein bekanntes japanisches Sprichwort.

Michael Wolfs Fotografien der U-Bahn-Pendler lassen sich auch als Abbilder der gesellschaftliche Entwicklung Japans sehen: Lange Zeit waren sozialer Druck, Verhaltenskodizes und eine kollektivistisch geprägte Gesellschaft das wirksame Rezept für Stabilität und gegen abweichendes individuelles Verhalten. Japan ist von einem nationalen Bewusstsein geprägt, das den Einzelnen überragt. Das Land der Geishas und Teehäuser, rot-gefärbter Ahorn-Bäume und feinsinnigen Steingärten erzählt nach Außen eine Geschichte des Stolzes, der Anmut und des Wachstums. Eine in Teilen hart erarbeitete Illusion: Japans Gesellschaft kämpft mit dem lähmenden Verschweigen gesellschaftlicher Verantwortung und drängender Probleme. Die Aufarbeitung seiner bewegten Geschichte geschieht nur langsam. So wurden Kriegsverbrechen lange aus dem kollektiven Gedächtnis verdrängt.

Das Land verfügt zwar über eines der höchsten Humankapitale weltweit, gerät aber auch immer wieder aufgrund seiner hohen Selbstmordraten in die Schlagzeilen. Insbesondere Kinder und Jugendliche leiden unter hohem Leistungsdruck und Gruppenzwang – gegen den sogenannten »Tod durch Überarbeitung« wurde sogar ein eigenes Regierungsprogramm beschlossen. Darüber hinaus muss Japan sich Problemen wie Überalterung, Alkoholismus und der schleichenden Vereinsamung seiner Stadtbevölkerung stellen. Ein öffentlicher, gesellschaftlicher Diskurs darüber findet allerdings kaum statt. Ebenso wie die Enge und die Beklommenheit in der Metro werden diese Probleme lieber stillschweigend ertragen. Shikata ga nai.

Justus Duhnkrack, geboren in Tokio, ist Rechtsanwalt in Hamburg und publiziert zu künstlerischen und juristischen Themen.

Die Ausstellung MICHAEL WOLF – LIFE IN CITIES ist noch bis zum 3. März im Haus der Photographie zu sehen.


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