Hinter den Fassadenwelten

In seinen Fotografien von Hochhauswelten in Hongkong zeigt Michael Wolf die Urbanisierung des Alltags. Für die Stadtforschung ist sein Werk eine wichtige Ergänzung zur Diskussion über ungleiche Lebensentwürfe in den Metropolen. VON ALEXA FÄRBER

20. November 2018

Stadtfotografie und Stadtforschung haben viel miteinander zu tun: Fotografien können als Anregungen oder Material für Forschungsprojekte dienen, sie entstehen parallel oder in Kooperation zwischen Fotografierenden und Forschenden. Manchmal sind es auch zwei unterschiedliche Zugänge, mit der ein und dieselbe Person Stadt zum Forschungsgegenstand macht. Welche Themen zum Vorschein gebracht werden, hängt ebenso von der individuellen Motivation der Fotografierenden und Forschenden ab, wie von den Themen, die Stadt an sich oder aber bestimmte Städte aufdrängen. Häufig aber ist der Ausgangspunkt für einen forschenden Zugang das Staunen – oder auch die Erschütterung – darüber, wie die Einzelnen in einer überwältigenden Unübersichtlichkeit oder gar erdrückenden Dichte der Großstadt (über)leben

So auch bei Michael Wolf: Der Frage »wie leben Menschen in diesen riesigen Strukturen« geht er, wie er im Nachwort zu seinem Buch Architecture of Density (2009/2012) schreibt, intuitiv und aus einer sehr persönlichen Motivation heraus nach. Seit 1994 lebt Wolf in Hongkong und setzt sich seitdem kontinuierlich mit dem Alltagsleben und seinen materiellen Bedingungen sowie Imaginationen auseinander. Seine Sympathie gilt denjenigen, die nur wenige Mittel haben, um sich mit der Dichte der Stadt zu arrangieren.

Es ist genau diese Aufmerksamkeit für Alltagsarrangements in Megastädten, die die Stadtanthropologin Friederike Fleischer an Wolfs fotografischer Arbeit fasziniert: »Ich kann fast die Vögel singen hören!«, sagt sie in einem Stadtfotobuch-Gespräch, das wir im Sommer 2018 in Hamburg führen. Auf dem Foto ist die mit kleinen Balkonen gefüllte Rückseite eines Hochhauskomplexes abgebildet; eine von unzähligen Fassaden, die Wolf zwischen 2003 und 2008 fotografiert hat und die im Buch Architecture of Density versammelt sind. Laut Fleischer könnten sie mit einem zeitlichen Abstand auch in den von ihr in der Reformzeit der 1990er Jahre in China erforschten Megastädten aufgenommen sein.

»Michael Wolfs Sympathie gilt denjenigen, die nur wenige Mittel haben, um sich mit der Dichte der Stadt zu arrangieren.«

© Michael Wolf Michael Wolf, Architecture of Density, Hong Kong, 2003-2014 © Michael Wolf 2018

Obwohl Hongkong eine ganz eigene chinesische Geschichte hat, bieten die Fotografien von Michael Wolf hervorragende Anknüpfungspunkte, um über die Urbanisierung von Alltag, die damit einhergehenden Formen von Ungleichheit und Lebensentwürfe zu sprechen. Dass Michael Wolf nicht allein ein hervorragender Fotograf, sondern auch ein rastloser Produzent von klug und poetisch komponierten Buchpublikationen ist, macht seine Arbeit zu einer besonders anregenden Quelle für die Stadtforschung

Michael Wolf ist ein Kenner dieser Hochhauswelten. Er setzt sich fotografisch mit hochgradig urbanisierten Stadtsituationen auseinander. In Architecture of Density fotografiert er die riesigen Gebäudekomplexe Hong Kongs aus einiger Entfernung und in einer gewissen Höhe. Wolf ist hier nicht, wie in anderen Publikationen, der Fußgänger, der auch in die Häuser hineingeht, um die Menschen in ihrem Wohnumfeld kennen zu lernen, oder vom Straßenniveau aus einen Ausschnitt der Stadt einzufangen. Die fotografierten Gebäude wirken vordergründig unbelebt – oder sogar unbelebbar.

»Der Maßstab ist nur zu erahnen und lässt die Neubaugebiete in ihrer Mächtigkeit umso unwahrscheinlicher erscheinen.«

So faszinierend der bizarre Maßstab dieser Fassadenwelten zunächst erscheint, so unmittelbar drängt sich durch den statischen Bildaufbau die Monotonie einer solchen Welt auf. Bewegung und damit assoziiertes Alltagsleben erzeugt eine solche Serie erst, indem sie sich langsam in der Publikation entfaltet: Auf den ersten Seiten bestimmen Außenfassaden in wiederkehrenden, auf Grau beruhenden Farbkombinationen das Bild. Der Maßstab ist nur zu erahnen und lässt die Neubaugebiete in ihrer Mächtigkeit umso unwahrscheinlicher erscheinen. Entsprechend stellen diese Aufnahmen eine Herausforderung für die Aufmerksamkeit dar: Welcher Anstrich könnte hier noch einen Unterschied machen? Wie viele dieser Hochhäuser kann ein Fotobuch überhaupt versammeln, um interessant zu bleiben? Doch fast unmerklich geht es auch in die Tiefe. Das Grau der einen Fassade bildet den Hintergrund für eine anders graue Fassade. Unterschiedliche Baustile und damit Phasen der Stadtentwicklung zeichnen sich durch ihre jeweils zeitgemäßen Versionen von Anstrich, Geschosshöhe, Fenstern und schließlich auch Balkonen aus. Ist das Interesse erst einmal in diese Richtung gelenkt, tritt die Uniformität des abgebildeten Städtebaus in den Hintergrund. Auf einmal zeichnen sich alle möglichen Fassadenalltage ab.

Michael Wolf, Architecture of Density, Hong Kong, 2003-2014 © Michael Wolf 2018

Dazu zählen die Alltagsoptionen der sich in die Tiefe des Bildes staffelnden Balkone: Durch Plastikplanen oder stabilere Umbauten sind sie zu Wintergärten erweitert worden. Hier werden nicht nur die Vögel hörbar, die in Käfigen auf den Balkonen gehalten werden; dieser zusätzliche Quadratmeter Wohnfläche wird zum Abstellraum und zur Vorratskammer, Wäsche und Pflanzen finden hier einen Ort. Ein kleines Fenster in das mögliche Alltagsleben der hier Wohnenden hat sich geöffnet. Die Aufmerksamkeit für Details, die sich hinter den gar nicht mehr so monoton wirkenden Fassaden verbergen könnten, wird zur Suche nach Hinweisen auf Alltagswelten. Die Fassaden werden lesbar und Michael Wolfs Fotografien zeigen subtil, dass sich dahinter auch Arbeitswelten verbergen. Darauf deuten zu allererst die Anordnung der Fenster und deren Größe hin; vor allem aber lassen sich diese Hochhausarbeitsplätze mit Hilfe des Bild-Registers am Ende des Buchs rekonstruieren, was für eine stadtforschende Perspektive eine wichtige Orientierung darstellt. Die Bildunterschriften verraten, dass es sich um industrielle Produktionsstätten oder auch Büros handelt.

Arbeit ist ein Thema, das sich durch viele von Wolfs Fotoserien und damit auch Fotobücher zieht: Arbeit in der Massenproduktion von Spielzeug, einzelne Porträts von Menschen in Arbeitskleidung, oder Arbeit als Hintergrund der Fotografien, die Wolf in der U-Bahn von Tokyo aufgenommen hat, in der sich zur Arbeit fahrende oder von der Arbeit erschöpfte Menschen gegen beschlagene Fensterschreiben drängen. In Architecture of Density ist es die Arbeit an der Fassade, die ins Bild gerät. Ein dunkelgrünes Netz, befestigt an Bambusstämmen, füllt den gesamten Bildraum eines Fotos aus: Es handelt sich um filigrane Baugerüste. Was dahinter stattfindet, bleibt unsichtbar. Auf diese Weise wird in China in die Höhe und in der Höhe gebaut. Die Gebäude wachsen nicht von selbst in die Höhe!

Michael Wolf, Architecture of Density, Hong Kong, 2003-2014 © Michael Wolf 2018

Dieses dunkle Grün findet sich auf einer Reihe Fotos, mal nur als schmales Band, mal mit Aufschrift: Auf einem dieser Gerüstbauten stehen chinesische Schriftzeichen. Es ist der zukünftige Name des Gebäudes – eine Imagination vom neuen Wohnen. Die Namen sind bedeutend und spielen eine große Rolle bei der Entscheidung für einen Wohnort: »Manche Menschen sagen, dass sie eine Wohnung im Gebäude mit dem Namen »Palazzo« kaufen, weil sie Italien mögen. Eine andere kauft eine Wohnung, die »Ewige Harmonie« heißt, weil sie sich als eine in sich ruhende Person versteht.«

»Es ist die Nutzung der Begrenzungen, der Bordsteine und Wände, die aus der Wegfläche am Fuße der Hochhäuser eine vielfältige Ressource werden lässt.«

Die damit verbundenen Identifikationen artikulieren die Lebensentwürfe aber auch die gesellschaftlichen Verwerfungen, die mit der neuen Ausdifferenzierung der Gesellschaft einhergehen. Sie schlagen sich in sozial äußerst disparaten städtischen Lebenswelten nieder. Armut, Improvisation, unsichere Aufenthaltsbedingungen – das sind Themen, die sich in einer anderen Publikationsreihe von Wolf wiederfinden. Hier bewegt er sich mit seiner Kamera auf der Straße, oder genauer: auf dem Fußweg, zwischen Straße und Hauswand. Es ist genau dieser schmale Streifen, der mit Fantasie und Geschick von den Bewohner*innen Hongkongs mal mit Hilfe eines Regenschirms oder eines Kleiderbügels umgenutzt wird, mal zum Sitzplatz oder Lagerraum wird. Es ist die Nutzung der Begrenzungen, der Bordsteine und Wände, die aus der Wegfläche am Fuße der Hochhäuser eine vielfältige Ressource werden lässt.

Beides, die geschickte Orientierung der Aufmerksamkeit unter die Oberflächen der Architecture of Density als auch die wertschätzende Haltung, die sich in der kleinformatigen, in farbiges Leinen gebundenen quasi enzyklopädischen Reihe des Straßenlebens ausdrückt, sind dem erfahrenen, kürzlich verstorbenen Verleger Hannes Wanderer zu verdanken. Die bei peperoni books veröffentlichten Bücher stellen mehrheitlich gesellschaftliche Normen von ihren Rändern aus in Frage.

Vor diesem Hintergrund lässt sich auch aus stadtforschender Perspektive argumentieren, dass die beiden fotografischen Perspektiven auf Hongkong – auf seine Fassaden und seine Straßenräume – eine wichtige Ergänzung zu der von Michel de Certeau schon in den 1980er Jahren formulierten Kritik an der strategischen Macht der Stadtentwicklung bieten. De Certeau stellte dem als objektiv geltenden, vor allem im Planungsinstrument der Karte repräsentierten Blick von Oben die Ebene des dominierten, aber widerspenstigen Lebens auf Straßenniveau entgegen. Während Wolf diesem mit taktischer Macht ausgestattetem Leben in der Reihe Hong Kong Back Alley Encyclopedia Anerkennung verschafft, setzt er ihr nicht die Vogelperspektive entgegen, sondern die undurchdringliche Dichte der Fassade mit ihren unauffällig aber umso vielschichtiger in Szene gesetzten Gebrauchsspuren. Welches Potenzial verbirgt sich in den Raumerweiterungen der Bewohner*innen, der Arbeitskraft hinter und an der Fassade und den fantastischen Imaginationen des eigenen Lebens?

Ein abschließendes Foto und seine Bildunterschrift unterstreichen die Position Wolfs: Er steht mittendrin, kennt jede Raumtaktik und registriert gleichzeitig jeden Hochhaustyp, der das rar gewordene Land besetzt. Auf einem noch unbebauten Hügel hat Michael Wolf einen Stuhl plaziert, um das unbändige Bauen in Beton zu beobachten und der Frage, wie Menschen in und mit diesen riesigen Strukturen leben, unbeirrt fotografisch nachzugehen.

Alexa Färber ist Universitätsprofessorin am Institut für Europäische Ethnologie der Universität Wien mit Arbeitsschwerpunkten in kulturwissenschaftlicher Stadtforschung, Wissensanthropologie und visueller Forschung. Sie betreibt außerdem den Blog www.talkingphotobooks.net, in dem gefilmte Gespräche über Stadtfotobücher versammelt sind.

Die Ausstellung MICHAEL WOLF – LIFE IN CITIES ist bis zum 3. März 2019 im Haus der Photographie zusehen.


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