Wimmelbild aus Augen

In der modernen Kunst hat die Verwendung von Spielzeug längst Tradition. Michael Wolfs überdimensionale Installation The Real Toy Story bringt 20.000 Spielzeuge aus Fernost an die Wand und übt damit fundamentale Kritik an unserer Konsumgesellschaft VON LARISSA KIKOL

5. Dezember 2018

Spielzeuge sind ein großes Thema in der Kunstgeschichte. Marcel Duchamp öffnete für sie alle Türen und Tore. Seine Erfindung des Ready-Mades machte es möglich, industriell hergestellte Alltagsgegenstände in den Ausstellungskontext einzubringen, entweder allein oder in einem Arrangement mit weiteren Objekten, künstlerisch bearbeitet oder pur aus der Fabrik. Zwar benutzte Duchamp keine Spielzeuge, sondern Flaschentrockner und Urinbecken, jedoch griffen eine ganze Reihe andere Künstler auf die kindlichen Objekte zurück. Annette Messager, Mike Kelley oder Gelitin benutzten Stofftiere für ihre Installationen. Die Chapman Brothers bauten mit Spielfiguren Kriege und menschliche Höllenszenarien nach. Florentijn Hofman ließ ein riesiges Badeentchen in Hongkongs Hafen schwimmen und Jeff Koons adaptiere die Form von Ballonhunden, um überdimensional große und luxuriöse Sammlerstücke zu kreieren.

Auch Michael Wolf ließe sich auf den ersten Blick in diese Reihe einordnen. Seine Arbeit The Real Toy Story besteht aus großen Wandinstallationen, auf denen er in einer Länge von 23 Metern und einer Höhe von 4,5 Metern einen dichten Teppich aus Fotos und über 20.000 Spielzeugen »made in China« arrangiert. Auch er verwendet die Industriegegenstände als Künstlermaterial, auch er greift auf die knallbunte Plastik-Faszination zurück. Doch diese Ästhetik steht nicht für sich alleine. Porträtfotografien der chinesischen Fabrikarbeiter*innen und Dokumentationen ihrer Arbeitsbedingungen kontrastieren das Ambiente. Michael Wolf zeigt das ernüchternde Making Of der Lieblinge unserer Kindheit.

Doch zunächst einen Schritt zurück: Warum sind Spielzeuge überhaupt so beliebte Ready-Mades in der zeitgenössischen Kunst? Schon in der Moderne und im Primitivismus wurden Spielzeuge aus der eigenen Region und aus fernen, exotisch anmutenden Ländern gesammelt. Künstler ließen sich davon inspirieren. In der Kindheit und im kindlichen Spiel erkannten sie unverstellte Kreativität, Originalität und Erfindungsreichtum. Viele Maler und Bildhauer wollten sich in die kindlichen Köpfe hineinversetzen, um im Zeichen der Avantgarde neue Kunstrichtungen zu entwickeln. Diese Faszination hält bis heute an. Michael Wolf begann seine The Real Toy Story ebenfalls als Sammler von Spielzeugen, die in China hergestellt wurden. Von Märkten in Kalifornien karrte er ganze Kinderwagen voll nach Hause, wo die Hinterseiten der Puppen und Figuren abgeschliffen und mit Magneten versehen wurden. Es entstand eine Reihe von Prototypen, von denen er die Figuren zunächst an seinen Kühlschrank, dann an Zimmerwände und schließlich zusammen mit seinen Fotos als größere Wandinstallationen in seinem Atelier hängte.

»Viele Maler und Bildhauer wollten sich in die kindlichen Köpfe hineinversetzen, um im Zeichen der Avantgarde neue Kunstrichtungen zu entwickeln. Diese Faszination hält bis heute an.«

Die finale Wandarbeit gleicht einem Wimmelbild, in dem viele Augen, Haare und blanke Puppenbäuche den Blick aufs Detail lenken. Überdimensional groß fallen hingegen die Abbildungen der Fabrikarbeiter*innen auf. Überwiegend sind es Frauen, die an ihrem Arbeitsplatz sitzen und die Puppenteile in die Kamera halten, die sie gerade bearbeiten oder zusammensetzen. Ihre Gesichter wirken ambivalent. Einerseits zeichnen sich deutlich Müdigkeit und die Monotonie der alltäglichen Abläufe ab. Der direkte Vergleich mit den glatten Puppengesichtern lässt die Arbeiterinnen aber auch beruhigend menschlich erscheinen. Ihre Schönheit tritt neben den Fließbändern umso stärker zum Vorschein. Gerade ihre Un-Perfektheit, das Nicht-Makellose macht jedes Gesicht einzigartig. Weitere Fotografien zeigen in größeren Einstellungen die Arbeitsbedingungen und das Ambiente der Herstellungsräume. Unter Tischen oder in freien Ecken liegen die Menschen auf Kartons auf dem Boden, ruhen sich aus oder schlafen. Auf anderen Bildern erkennt man ihre kleinen, genormten Wohnungen und die immer gleichen Balkone. Alles ist auf das Funktionieren einer entindividualisierten Masse ausgerichtet.

Michael Wolf, The Real Toy Story, im Haus der Photographie der Deichtorhallen. Foto: Henning Rogge/Deichtorhallen Hamburg

Dafür scheinen Chinas Fabriken jeden Warenwunsch erfüllen zu können. Von Deutschland aus kann man mittlerweile billig in China einkaufen, zum Beispiel auf ebay. Ein weißer Stofftierhase von 54 Zentimeter Länge kostet weniger als 4 Dollar und wird für den Käufer kostenlos durch eBay‘s Global Shipping Program (GSP) von China, Hongkong oder Taiwan zu ihm nach Hause versendet. Das kann zwar ein paar Wochen dauern, aber man erhält Einzelartikel aller Art zu Discounterpreisen.

Angesichts dieser Entwicklung bekommt Wolfs Meer aus Tieren, Monstern und Puppen eine mahnende Präsenz. Und dass, obwohl die Strategie der Massenanhäufung mittlerweile eine etablierte Formsprache der zeitgenössischen Kunst darstellt. Die Liste an Installationen und Werken, die aus einer Menge von gleichen oder ähnlichen Gegenständen besteht, ließe sich lange fortführen. Gemeinsam haben sie, dass durch die multiple Verdoppelung des einzelnen Objekts eine Abstraktion entsteht, die Farben und Formen in eine autonome Komposition einfügt. Michael Wolfs The Real Toy Story überschreitet diese Strategie. Die Masse wird zur Über-Masse. Spielzeuge, wohin das Auge reicht. Ein Traum eines jeden Kindes. Eine Flut aus Geschenken und Entdeckungsmöglichkeiten und gleichzeitig eine fundamentale Kritik an den Arbeits- und Lebensbedingungen der globalen Mega-Industrie.

Larissa Kikol ist promovierte Kunstwissenschaftlerin und arbeitet als freie Kunstkritikerin und Dozentin. Ihr Buch »Tollste Kunst - Kindliche Ästhetik in der zeitgenössischen Kunst« erschien beim Transcript Verlag. 2018 brachte sie den Band »Politik, Ethik, Kunst. Kultureller Klimawandel« bei Kunstforum International heraus. Sie lebt und arbeitet in Marseille und Köln.


Die Ausstellung MICHAEL WOLF – LIFE IN CITIES ist bis zum 3. März 2019 im Haus der Photographie zu sehen.


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