ARCHIV
 

Vom Eindruck zum Ausdruck - Grässlin Collection

Seit einem Jahrzehnt stellen die Deichtorhallen in loser Folge bedeutende Privatsammlungen der Gegenwartskunst vor. Den Auftakt dieser bislang sieben Präsentationen bildete 1991 die schweizerische Emanuel Hoffmann-Stiftung, eine hochkarätige Sammlung der Moderne. Zuletzt zeigten die Deichtorhallen 1998 unter dem Titel "Emotion" Teile der Münchner Privatsammlung Goetz, in der junge britische und amerikanische Positionen der 90er Jahre gegenübergestellt wurden.

Tobias Rehberger: "Anna, Bernadette, Rosanna, Cosima, Katharina, Sabine, Thomas, Karola, Bärbel, Christian, Rüdiger", 1999, 11 Teile, verschiedene Materialien, Größe variabel

Die Ausstellung "Vom Eindruck zum Ausdruck - Grässlin Collection" führt diese Reihe fort. Damit wird ein von den bisher gezeigten Sammlungen weitgehend differierender Typus des Kunstsammelns vorgestellt. Denn die "Grässlin Collection" kann man eher als Gruppenunternehmen, als eine Art kollektives Werk sehen, an dem die fünf Familienmitglieder - Anna, Thomas, Sabine, Bärbel und Karola Grässlin - beteiligt sind und in dem sich die unterschiedlichen Positionen der Beteiligten widerspiegeln.

Der Titel der Schau "Vom Eindruck zum Ausdruck" ist einem Gemälde von Martin Kippenberger entliehen, mit dem die traditionelle Vorstellung von der Entstehung des Kunstwerks ironisch ins Gegenteil verkehrt wird. Zugleich markiert dieses Bild von 1981 die Entstehungszeit des neueren Teils der Grässlinschen Sammlung, dem die jetzige Ausstellung gewidmet ist. Die Wurzeln des mehr als 1000 Einzelposten umfassenden Kunstbesitzes liegen in der "Informellen Malerei" und dem süddeutschen Konstruktivismus. Der 1976 früh verstorbene Unternehmer Dieter Grässlin und seine Frau Anna im badischen St. Georgen haben ein respektables Ensemble der Kunst nach 1950 zusammengetragen; darunter finden sich bedeutende Werke von Wols, Fontana, K. O. Götz, Sonderborg.

 

Zu Beginn der 80er Jahre richtete sich das Augenmerk erneut auf die Kunst der unmittelbaren Gegenwart. Mit dem Bedürfnis, sich mit dem Neuen auseinanderzusetzen, verfolgte die Familie Grässlin ihre Strategie, eine Sammlung der unangepaßten, den sozialen und politischen Kontext reflektierenden Kunst aufzubauen, konsequent weiter. Aber nicht nur die Werke, sondern auch die Kontakte zu den Künstlern selbst spielen bis heute eine wesentliche Rolle, denn wie kaum eine andere Sammlung der Gegenwartskunst spiegelt die Grässlinsche Familiensammlung enge Bindungen an die Künstler, an ihre Ideen und Visionen wieder. Seit den 80er Jahren wird der kleine Ort im Schwarzwald immer häufiger zum äußerst lebendigen Schauplatz des Kunstbetriebs. Zahlreiche Aktionen und Veranstaltungen finden statt. Künstler wie beispielsweise Werner Büttner, Georg Herold, Martin Kippenberger, Markus Oehlen oder Heimo Zobernig werden von den Grässlins eingeladen, ihre Kunst in den Schaufenstern leerstehender Geschäfte öffentlich auszustellen. Mit derartigen Interventionen in den städtischen Raum macht die Sammlung Grässlin nicht nur einen bemerkenswerten Vorstoß in Richtung einer sozialen Kommunikation, sondern sie überschreitet zweifellos die engen Grenzen einer privaten Sphäre.

Daran knüpften auch die Künstler der "zweiten Welle" an, wie Kai Althoff , Mark Dion, Cosima von Bonin, Michael Krebber, oder Heimo Zobernig, die seit Beginn der 90er Jahre besonders durch Karola Grässlin den Weg in die Sammlung fanden. Inzwischen sind zahlreiche Werke der Familiensammlung als Dauerleihgaben im Museum für Neue Kunst Karlsruhe und im Städtischen Museum Abteiberg in Mönchengladbach der Öffentlichkeit zugänglich.

 

Die Ausstellung "Vom Eindruck zum Ausdruck" in der nördlichen Deichtorhalle erstreckt sich über annähernd 4000 qm und umfaßt rund 160 Einzelwerke von 30 Künstlern und Künstlerinnen; bei einem Viertel der für die Schau ausgewählten Werke handelt es sich um Malerei, den Löwenanteil machen skulpturale, zum Teil raumgreifende Arbeiten aus, aber auch Fotografie und Video sind vertreten.

 

Begleitend zur Ausstellung erscheint ein Katalog (deutsch/englisch) im Hatje Cantz Verlag mit ausführlichem Bildteil und Texten von Zdenek Felix, Veit Loers, Nina Möntmann und Rudolf Schmitz zum Preis von DM 49,--.

 

 

Zu den Künstlern

von Nina Möntmann

 

Kai Althoff

geb. 1966 in Köln, lebt in Köln

 

Kai Althoffs Arbeit umfasst Zeichnungen, Videos, Performances (mit Cosima von Bonin) und komplexe Raumarbeiten. In den Szenen der filigranen, oft farbigen Zeichnungen kombiniert er häufig in einem krassen Gegensatz Ausschnitte einer links-politisierten Jugendkultur mit reaktionären Posen und Zeichen. In der Raumarbeit "Reflex Lux", 1998, betrachtet er die (eigene) Jugend im Spiegel eines allgemeinen Retro-Hypes der 70er Jahre. In einem orangen Jugendzimmer-Ambiente liegen zwei lebensgrosse ausgestopfte Figuren in Turnschuhen und Kordhosen wie nach einem Exzess gekrümmt, der Kopf der einen liegt neben Erbrochenem auf der Tischkante. Die an der Wand verteilten Zeichnungen von kahlgeschorenen, fahnen- und stiefeltragenden jungen Männern rufen aktuelle politische Kontexte auf, die im Zusammenhang mit dem 70er-Jahre-Ambiente in Brüchen und Verknüpfungen zugleich wahrgenommen werden. Sozial vernetzt in einem Zweig der Kölner Elektro-Musikszene agiert Althoff auch als Musiker (z. B. "Subtle Tease" mit Justus Köhnke) und Gestalter von Plattencovern.

 

Biblio.: Heetz, Nowak, Rehberger, Museum Abteiberg, Mönchengladbach, 1996.

 

 

Cosima von Bonin

geb. 1962 in Mombasa, lebt in Köln

 

Charakteristisch für die Arbeit Bonins ist das Nicht-Festlegen auf ein Medium oder eine klar umrissene Tätigkeit im künstlerischen Feld. Sie kuratierte, plante Feste oder trat als DJ auf. Ihre persönlichen Beziehungen münden in Kollaborationen mit befreundeten Künstlern wie Kai Althoff (Filme und Performances) oder sie fliessen als Titel in ihre Arbeit ein. Die begehbaren installativen Anordnungen von Objekten (häufig aus Stoff oder Holz) und Fundstücken haben oft etwas Szenisches. In ihrer Ausstellung im Kunstverein Braunschweig ("The Cousins", 2000) installierte sie einen Parcours aus ausgestopften Stoff-Zäunen, der sich als ein Leitmotiv durch die Räume zog und die Ausstellung zusammenfasste. "Löwe im Bonsaiwald", 1997 besteht aus einem fragmentierten Weizenfeld, das wie eine Filmkulisse einen Schaukelstuhl und andere Gegenstände, die mit persönlichen Verweisen aufgeladen sind, umgibt. Ein Lieblingsmotiv Bonins sind neben den Zäunen Pilze, die ebenfalls aus bunten Stoffen genäht sind, und entweder schlapp von der Decke hängen oder prall ausgestopft auf dem Boden aufgestellt sind. Bonin, die selbst häufig in massgeschneiderte Herrenanzüge gekleidet ist, stellt mit ihrer Materialwahl der Textilien oder in früheren Arbeiten wie einem Foto von einer Frau, auf deren nackten Oberkörper die Namen männlicher Künstlerheroen, u.a. Bonins Mann Michael Krebber, geschrieben sind ("Ohne Titel", 1990), geschlechtsspezifische Zuschreibungen und die soziale Rolle von Künstlerinnen im Kunstbetrieb zur Disposition.

 

Biblio.: Cosima von Bonin - The Cousins, Karola Grässlin (Hg.), Kunstverein Braunschweig, Köln 2000. Cosima von Bonin, Rabbit at Rest, Yilmaz Dziewior (Hg.), Ursula Blickle Stiftung, Kraichtal 2000.

 

 

Werner Büttner

geb. 1954 in Jena, lebt in Hamburg

 

Die Bilder von Werner Büttner tragen Titel wie "Neun flüchtig hingeworfene alte Männer", 1989, oder "Urknall, Voodoo und koloristische Dogmen", 1992. Die scheinbare Banalität des Wortwitzes entspricht auch den Bildthemen, die sich mit den Unwägbarkeiten des Alltäglichen auseinandersetzen. Ihre politische Dimension liegt darin, eine konkrete, appellative Aussage zu vermeiden und vielmehr den privaten Alltag als gesellschaftlichen Mikrokosmos in seiner Komplexität zu thematisieren. In einer Relation dazu werden umfassendere politische oder künstlerische Themen in ihrer Unübersichtlichkeit und Unfassbarkeit der Lächerlichkeit preisgegeben ("Die Probleme des Minigolf in der europäischen Malerei", 1984). Die in Bezug zu Goya betitelte Serie von Zeichnungen "Desastres de la Democracia", 1995/96, enthält Blätter wie "Der Geist ist günstig und das Fleisch wird immer teurer", oder "Kellnerin meines Lebens, bring mir das Bier meines Lebens". Die Farbpalette in Büttners Ölbildern neigt zu erdigen Farbtönen, die die Bildinhalte in ein anti-ästhetisches Szenario tauchen, was häufig zur Darstellung des Miefs eines belasteten Deutschlandbildes beiträgt ("Der antifaschistische Schutzwall", 1988).

 

Biblio.: Werner Büttner, Schrecken der Demokratie, Köln 1983. Werner Büttner, Heimspiel, Arbeiten aus der Slg. Grässlin 1980-95, 1995.

 

 

Clegg & Guttmann

Michael Clegg, geb. 1957 in Dublin

Martin Guttmann, geb. 1957 in Jerusalem,

beide leben in San Francisco und New York

 

Mit ihren Portraits von autoritär posierenden Geschäftsleuten und Kunstsammlern aus den 80er Jahren bildeten Clegg & Guttmann einen Habitus innerhalb der Machtstrukturen in Wirtschaft und Kunstbetrieb ab. Seit Anfang der 90er Jahre nimmt das Thema Bücher als Wissens- und Kommunikationsträger einen breiten Raum in ihrer Arbeit ein. Ihr umfassendes Projekt "Die Offene Bibliothek" (1991 in Graz, 1994 im Rahmen des Hamburger Projekts "Kunst im öffentlichen Raum") zielt auf eine gesellschaftliche Interaktion ab. An unterschiedlichen Orten in der Stadt wurden öffentlich zugängliche Buchschränke aufgestellt. Die Bücher konnten entnommen oder ausgetauscht werden. Die jeweilige Bibliotheksveränderung bildete das Lese- und Kommunikationsverhalten der Bewohner eines jeweiligen Stadtteils ab. Korrespondierend zu dieser Arbeit im Aussenraum wurde in einem institutionellen Ausstellungsraum das Foto einer Bibliothek im Maßstab 1:1 ausgestellt, was einer Transformation des sozialen Ereignisses ins Kunstfeld entsprach.

 

Biblio.: Clegg & Guttmann, Die offene Bibliothek, Kulturbehörde Hamburg in Zusammenarbeit mit dem Kunstraum der Universität Lüneburg, Ostfildern-Ruit bei Stuttgart 1994. The Sick Soul, Morbid Fascination and Behavioural Research in Sociology, Grazer Kunstverein, Graz 1996.

 

 

Mark Dion

geb. 1961 in New Badford/MA, lebt in New York

 

Mark Dion befragt in seinen Arbeiten die kulturelle Repräsentation von Natur. Nach Dions Auffassung sagen taxonomische Ordnungssysteme, mit denen wir uns natürliche Prozesse erklärbar machen, eher etwas über gesellschaftliche und politische Ideologien aus als über die Natur selbst. Dions Installationen basieren auf kritischen Untersuchungen zu den Themen Umwelt und Ökologie ("Concrete Jungle", 1992), Wissenschaftsgeschichte ("Scala Naturae", 1994), Labor und Forschung ("Frankenstein in the Age of Biotechnology", 1993, "The N.Y. State Bureau of Tropical Conservation", 1992) und kulturelle Institutionen wie das Naturkundemuseum ("A Tale of Two Seas: An Account of Stephan Dillemuth's and Mark Dion's Journey Along the Shores of the North Sea and the Baltic Sea and What They Found There", 1996). Mit den Mitteln der Ironie und der Allegorie stellt Dion die gängigen Methoden des Sammelns und Archivierens von Tier- und Pflanzenspezies in Frage.

 

Biblio.: Mark Dion, hg. von Lisa Corrin, Miwon Kwon und Norman Bryson, London 1997.

 

 

Helmut Dorner

geb. 1952 in Gengenbach, lebt in Karlsruhe

 

In Helmut Dorners Arbeit stehen monochrome Bildobjekte mit pastosem Öl-Farbauftrag ("SFC", 1992) neben Lackbildern mit glatter spiegelnder Oberfläche, die den Blick des Betrachters zurück in den Raum werfen. In der Hängung seiner Ausstellungen führt Dorner häufig Bilder zu Ensembles zusammen, in denen sich eine Spannung und Korrespondenz zwischen den unterschiedlich behandelten Bildoberflächen einstellt. Dorners Bildthemen betreffen die Grundprobleme der Malerei. Durch die Verwendung breiter Keilrahmen oder materialstarker Bildträger, wie in neueren Arbeiten Plexiglas, wird die Möglichkeit der Malerei, eine Bildillusion zu schaffen, negiert zugunsten einer Betonung der Objekthaftigkeit des Bildes. Dabei nimmt seine Arbeit eine Position in den Diskussionen um den Autonomiestatus des Bildes ein, die im Unterschied zu der Kontextualisierung von Malerei zu anderen gesellschaftlichen Bereichen stehen. In Aquarellen arbeitet Dorner mit für das Medium untypischen Schichtungen von Farblasuren, oder er kombiniert aquarellierte Passagen mit nervösen Kugelschreiberzeichnungen.

 

Biblio.: Helmut Dorner, Malerei, Prix Eliette von Karajan, Max Gandolph-Bibliothek, Salzburg/Herbert von Karajan Centrum, Wien, Salzburg/Wien 1997.

 

 

Fischli & Weiss

Peter Fischli

geb. 1952 in Zürich, lebt in Zürich

David Weiss

geb. 1946 in Zürich, lebt in Zürich

 

In der Zusammenarbeit von Fischli und Weiss seit 1979 entstehen Fotoserien (u. a. von Urlaubsreisen, Vorstadthäusern und Flughäfen), Videos und kleinteilige Installationen, die wie soeben verlassene Alltagssituationen aussehen. Die einzelnen Objekte in Form von Gebrauchsgegenständen sind aus dem Material Polyurethan hergestellt, dessen federleichtes Gewicht sich nicht auf der visuellen Ebene, sondern erst beim Anheben der Elemente vermittelt (z. B. "Raum unter der Treppe", 1995, MMK Frankfurt/Main). Der Videofilm "Der Lauf der Dinge", 1985-87, zeigt eine halbstündige Kettenreaktion, die über einen selbstgebauten Parcours kleiner Sensationen verläuft. Für "Skulptur. Projekte in Münster 1997" pflanzten Fischli und Weiss ein idyllisches Nutzgärtchen an. Als Beitrag für die documenta x strahlte der Fernsehsender "arte" ein Video von ihnen aus, das sie mit Überblendungen von touristisch anmutenden Urlaubsschnappschüssen aus ihrem Fotoarchiv hergestellt haben.

 

Biblio.: Peter Fischli/David Weiss, Musée nationale d'art moderne, Centre Pompidou, Paris 1992.

 

 

Günther Förg

geb. 1952 in Füssen, lebt in Areuse/CH

 

In den Medien Malerei, Fotografie und Bildhauerei arbeitet Förg an einer Auseinandersetzung mit künstlerischen Konventionen der Moderne, auf die er sich sowohl in seiner Produktionsweise als auch in der Motivwahl bezieht. Die konstruktivistisch anmutenden s/w-Fotos zeigen morbide gewordene moderne Architekturen wie die Stuttgarter Weissenhofsiedlung, das Wittgensteinhaus in Wien oder Mies van der Rohes Barcelona-Pavillon. Ein Leitmotiv seiner Arbeit ist das Thema des Fensters. In den Fotos erscheint es als ein gliederndes Element der Fassade, aber auch in der Ausschnitthaftigkeit des Motivs und den spiegelnden Glasrahmen; in der Malerei verfolgt er das Thema mit Gitterstrukturen, die monochrome Farbflächen durchbrechen und strukturieren. Das Thema des Monochromen greift Förg auch in großformatiger Wandmalerei auf (Museum für Moderne Kunst Frankfurt, 1991). In seinen Skulpturen dominiert das klassische Material Bronze die Arbeitsweise. Das Antlitz seiner Bronzemasken schält sich nur grob aus den Materialklumpen heraus. Mit der nachlässig ausgeführten Malerei, der Betonung der Verfallsspuren der Architektur in den Fotos und der grob expressiven Bildhauerei demontiert Förg den idealen Perfektionismus der Moderne.

 

Biblio.: Günther Förg, Kunstverein Hannover, Hannover 1996. Günther Förg, Was anderen selbstverständlich ist uns Problem, Museum Abteiberg Mönchengladbach, Mönchengladbach 1998.

 

 

Isa Genzken

geb. 1948 in Bad Oldesloe, lebt in Berlin

 

Isa Genzkens Arbeiten stellen einen starken Bezug zum Raum her. Dies kann sich in architektonischen Motiven (Fensterrahmen, Modelle) äussern, oder in der Anordnung von Objekten im Aussstellungsraum ("Ellipsoide", seit 1976, und "Hyperboloide", seit 1979) entstehen. Die "Ellipsoide", spitze, speerartige Objekte, aus denen der Länge nach einzelne Segmente entfernt wurden, liegen auf dem Boden angeordnet und durchschneiden als voluminöse Linien den Raum. Seit Mitte der 80er Jahre entstehen unterschiedliche Raummodelle aus Beton und Stein, die auf hohen Stahlgerüstsockeln aufgestellt sind. Konzeptuell sind der Arbeit mit Raummodellen auch die Röntgenaufnahmen ihres Kopfes zuzurechnen ("X-Ray", 1991). Die streng formale Logik ihrer Arbeiten führt künstlerische Konzepte der 60er und frühen 70er Jahre fort. Genzkens formal reduzierte Objekte knüpfen an ästhetische Prinzipien der Minimal Art an, die mit teils persönlichen Bezügen aufgeladen werden. So tragen die neueren abstrakten "Säulen" die Namen von Freunden, was gleichzeitig einen Verweis auf den sozialen Austausch als einen Aspekt der Kunstproduktion darstellt.

 

Biblio.: Isa Genzken, Met Life, Generali Foundation Wien, Wien 1996.

 

 

Asta Gröting

geb. 1961 in Herford, lebt in Berlin

 

Die Plastiken von Asta Gröting setzen sich mit existentiellen Themen wie der organischen Körperlichkeit oder geometrischen Grundformen auseinander.

Dem Gegensatz von organischen, oft verschlungenen Formen und klaren abstrakten Strukturen entspricht ihre Wahl von biegsamen Materialien wie Gummi, Silikon oder Leder und harten Stoffen wie Glas, Acryl, Keramik, Eisen oder Stahl. Ein häufiges Motiv ihrer Objekte stellen Verdauungsorgane dar, von denen ein starker visueller und haptischer Reiz ausgeht ("Verdauungssystem eines Haies", 1990). Auch die Motive ihrer expressiv gestischen Zeichnungen (Bleistift mit Aquarell) beziehen sich auf grundlegende Aspekte der körperlichen Existenz (z.B. "Seiltänzer auf zwei Köpfen", 1992). Seit Anfang der 90er Jahre entsteht die Video-Reihe "Die innere Stimme" in Zusammenarbeit mit Bauchrednern. Gröting schreibt Scripts für Dialoge mit einer widersprechenden inneren Stimme über heikle Themen wie "Lob und Tadel", "Sich nicht verstehen" oder "Du bist schlecht", alle 2000. Die Gespräche werden zwischen dem Bauchredner und der Bauchstimmen-Puppe geführt. Die beiden Stimmen gehen nicht aufeinander ein, sondern agieren in einer Rede und Gegenrede, in der sie sich korrigieren, missverstehen und gegenseitig abwerten. Gröting spielt in den Videos psychische Situationen durch, die von Konflikten und Unsicherheiten geprägt sind.

 

Biblio.: Asta Gröting, De Appel Foundation Amsterdam, Amsterdam 1995.

 

 

Georg Herold

geb. 1947 in Jena, lebt in Köln

 

Dachlatten, Kaviar, Ziegelsteine, Unterhosen und Socken - das sind einige der Materialien, aus denen Georg Herolds Kunst ist. Der soziale Aspekt in der Arbeit des Kölners äussert sich in der lakonischen Treffsicherheit der ironischen oder launigen Slogans, die er auf seine sperrig zusammengenagelten Dachlattenbilder schreibt ("Dieser Mann ist gut zu seiner Frau", 1984, "Dem Astloch war es schon immer egal was es produziert", 1984) oder auf 100 aufgetürmte Dachlatten ("100 Jahre 1. Mai", 1985), die jeweils mit dem Datum des 1. Mai eines Jahres beschriftet sind. Die beiden auf der documenta 9 gezeigten geschlossenen Türen, von denen die linke die Aufschrift "there is nothing left", die rechte "there is no right" trägt, scheinen das empfundene Vakuum innerhalb einer kapitalistischen Gesellschaftsordnung auf den Punkt zu bringen. Auch die ästhetisch ansprechenden Kaviarbilder mit strudel- oder sternbildartigen Anordnungen aus dem noblen Nahrungsmittel geben Kommentare zu Konsum- und Produktionsverhältnissen ab. Daneben thematisieren phallische Motivanspielungen den Machtanspruch männlich konnotierter Handlungsräume: Herrenunterhosen, die über eine Dachlatte ("Monte Mola, deutschsprachiger Gipfel", 1985) oder ein Drahtgestell gezogen werden ("Realer Realismus Gebirge", 1987), oder mit Beton ausgegossene Teesiebe (1987).

 

Biblio.: Georg Herold, more sculptures in other places, Arbeiten 82-88, Stuttgart 1988. Geld spielt keine Rolle, Kölnischer Kunstverein, Köln 1990.

 

 

Hubert Kiecol

geb. 1950 in Bremen-Blumenthal, lebt in Köln

 

In den frühen 80er Jahren stellt Kiecol hauptsächlich in Beton gegossene Miniaturen her, die auf die geometrischen Grundformen eines einfachen Hauses mit Giebeldach reduziert sind. Erst in ihrer Aufstellung werden sie zu einem raumschaffenden Ensemble, sei es dicht aneinandergedrängt, so daß sie gemeinsam den Grundriss eines Quadrats ausfüllen ("8 Häuser", 1984), oder mit großzügigen Zwischenräumen auf einem einfachen Holztisch angeordnet ("Tisch mit acht Häusern", 1980). Mit den unterschiedlichen Beziehungen der Häuser zueinander in den jeweiligen Gruppierungen erscheint die Konstellation entweder hieratisch oder spielerisch und erzählerisch. Mit den Unregelmäßigkeiten der rauhen, scheinbar abgegriffenen Materialoberfläche kommt ein haptischer, emotionaler Aspekt hinzu, der eine Geschichte der Häuser suggeriert. Seit Mitte der 80er Jahre öffnet Kiecol sein Formenrepertoire mit der skulpturalen Darstellung einzelner Architekturteile wie Treppen, Säulen, Zinnen oder Stelen. Parallel zu den Skulpturen entstehen Holzschnitte, Zeichnungen und Radierungen.

 

Biblio.: Hubert Kiecol, Westfälischer Kunstverein/Westfälisches Landesmuseum Münster 1991.

 

 

Martin Kippenberger

geb. 1953 in Dortmund, gest. 1997 in Wien

 

Martin Kippenbergers Bildthemen entstanden häufig im Kontext einer sozialen Gruppenbildung, z. B. mit Albert Oehlen und Werner Büttner, die sich auf eine gemeinsame skeptische Haltung dem Kunstbetrieb gegenüber gründet, gepaart mit einer Unlust, kritische Gegenentwürfe vorzulegen. So lesen sich seine Bildtitel eher wie spontane Witze ("Jetzt geh ich in den Birkenwald, denn meine Pillen wirken bald", 1990). Kippenbergers Weg mündet in eine Pseudo-Affirmation des Kunstbetriebs, die er mit einer Überproduktion an Bildern und vermeintlicher Banalisierung der Kunst durch die Aufwertung alltäglicher Themen soweit vorantreibt, bis sie ins Ironische kippt und damit die Ideale des Kunstbetriebs dekonstruiert ("Miete, Strom, Gas", 1986, "Zuerst nicht gekaufte Bilder", 1993). Aber auch die eigene Verstricktheit wird nicht geleugnet. Kippenberger geht nach vorn und scheut in seinen Arbeiten nicht den offensiven Umgang mit Scheitern und Peinlichkeit. Er ernannte sich beispielsweise zum Direktor des "Momas" (Museum of Modern Art Syros) - eine zugige Bauruine auf der griechischen Insel Syros. Das Museum ist Teil seines Werkkomplexes "unsinnige Bauvorhaben", wie auch seine letzten skulpturalen Arbeiten, grossformatige Eingänge einer weltumspannenden U-Bahn ("Metro-Net. Subway Around the World", 1993-97), mit denen er das Thema der globalen Vernetzung ridikülisierte (z.B. auf der documenta x). Kippenberger ist spätestens seit den frühen 90er Jahren eine der einflussreichsten Figuren für eine jüngere Künstlergeneration.

 

Biblio.: Martin Kippenberger, Kunsthalle Basel, Basel 1998. Martin Kippenberger, The Happy End of Franz Kafka's "Amerika", Deichtorhallen Hamburg, 1999.

 

 

Michael Krebber

geb. 1954 in Köln, lebt in Köln

 

Ein Ausgangspunkt von Krebbers Malerei besteht in der offensiven Auseinandersetzung mit seinen Vorbildern Markus Lüpertz, Georg Baselitz und Sigmar Polke, in der er das eigene Scheitern wiederholt durchexerziert. Sowohl die Ausstellungskataloge der Heroen, als auch die in dieser Auseinandersetzung entstandenen eigenen Bilder wurden von ihm mit öffentlich-pathetischer Geste vernichtet. Damit hat Krebber den Künstler-Mythos der ödipalen Abnabelung von den Lehrern ins Bewußtsein gerückt und in übersteigerter Form als einen eigenen Werkkomplex arrangiert. Diese "Inszenierung des eigenen Versagens" (Albert Oehlen) in der frühen Arbeit Krebbers prägte die an ihn gestellten Erwartungshaltungen, sodaß es niemanden überraschte, als er in seiner Ausstellung in der Münchner Galerie Christoph Dürr 1988 den Raum leer beließ und lediglich ein Marcel Broodthaers-Zitat und ein Dick & Doof-Bild zeigte. Krebbers Bilder enthalten zwar figurative Momente, jedoch ohne daß "Figuration" je ein konkretes Thema wird, auch nicht in ihrer Negation. Es wird ihr lediglich eine beiläufige Funktion in der Malerei zugesprochen, die darin besteht, Abstraktion nicht zu einer konkreten Bildsprache hochkommen zu lassen. Seine Monochrome sind zumeist Bild-Übermalungen. "Es geht also um einen Versuch, ein konservatives Medium mit den ihm eigenen reaktionären Eigenschaften zu sprengen" (Merlin Carpenter). Krebber bezieht die Referenzen für seine Arbeit aus der Beobachtung sozialer Beziehungen im Kunstbetrieb. Vor diesem Hintergrund erscheinen seine am Bund zusammengenähten Flanellhosen ("Ohne Titel, 1989") wie das Manifest einer Bande, die zusammenhalten muss, aber auch auf fatale Weise wie siamesische Zwillinge, die nicht voneinander loskommen.

 

Biblio.: Michael Krebber, Apothekerman, Kunstverein Braunschweig/Städt. Galerie Wolfsburg, Köln 2000.

 

 

Meuser

geb. 1947 in Essen, lebt in Düsseldorf

 

Das Material für seine Plastiken findet Meuser auf den Schrottplätzen des Ruhrgebiets: Metallteile wie T-Träger, Eisenschrott, Gitter etc. Als Bestandteile seiner Arbeiten werden die formalen Qualitäten der einem (industriellen) Funktionszusammenhang entnommenen Fundstücke betont: die rostige Oberfläche oder die an einen griechischen Buchstaben erinnernde Kontur eines maschinellen Versatzstücks ("Omega", 1986). Meusers Bilder sind Monochrome oder geometrisch angeordnete Farbfelder, wobei häufig Metallplatten als Bildträger verwendet werden. Die Bild-Objekte verweisen auf Malerei, stehen aber gleichzeitig in einem engen Zusammenhang zu seinem plastischen Werk. Häufig stellt Meuser die Bilder in einen ensembleartigen Zusammenhang zu einer Plastik (z. B. seine auf der documenta 9 ausgestellte Arbeit "Ohne Titel", 1991). In ihrer collageartigen Verarbeitung erscheinen Meusers Arbeiten konstruktivistisch, sie enthalten aber auch Hinweise auf minimalistische Formkonventionen zwischen autonomem Objekt und Möbeldesign, wie z. B. bei Donald Judd.

 

Biblio.: Meuser, Kunsthalle Zürich, Zürich 1991.

 

 

Reinhard Mucha

geb. 1950 in Düsseldorf, lebt in Düsseldorf

 

Seine früheren Installationen konstruierte Mucha häufig aus am Ausstellungsort vorgefundenem Inventar, was im nachhinein wieder in seine ursprünglichen Zusammenhänge zurückgeführt wurde. "Chicago", 1982, bestand aus drei aufeinandergestellten Holztischen, an deren Seite eine Leiter lehnte, woraus man die Fassade eines amerikanischen Hochhauses mit Feuerleiter assoziieren konnte. Die grösseren Installationen der 80er Jahre spielen mit einer aufwendigeren Illusion, so das Karussel "Kasse beim Fahrer", 1987, oder "Das Figur-Grund Problem in der Architektur des Barock (für dich allein bleibt nur das Grab)", 1985. Diese Arbeiten thematisieren die für die Kunst in den 80er Jahren zentrale Strategie der Inszenierung. Mucha benutzt den Begriff der "kollektiven Biographie", um die gemeinsamen Erfahrungen zu beschreiben, mit denen beispielsweise die Poesie des Karussels als ein existentielles Symbol entschlüsselt werden kann. Ein wiederkehrendes Thema in der Arbeit Muchas ist Deutschland, was er vor allem in seinen kleinbürgerlichen und provinziellen Dimensionen auffasst. Für seinen Beitrag für die Biennale in Venedig 1990, "Das Deutschlandgerät" (mit Bernd und Hilla Becher) verwandte er Fußbänkchen in Vitrinen. Für seine zentrale Arbeit "Wartesaal", 1979-82/1997 (1983), malte er Bahnhofsschilder von deutschen Städten nach, die trotz ihrer Grösse und Sperrigkeit sorgsam archiviert in möbelartigen Skulpturen angeordnet wurden.

 

Biblio.: Reinhard Mucha, Gladbeck, Centre Georges Pompidou, Paris 1986.

 

 

 

Christian Philipp Müller

geb. 1957 in Biel/CH, lebt in New York

 

Christian Philipp Müllers Arbeiten entstehen in einer projektbezogenen Vorgehensweise, der ein "Mapping" des Orts (die eingehende, häufig auf ein Thema konzentrierte Analyse des Orts und seiner Geschichte) zugrunde liegt. 1995 kuratierte er mit "Platzwechsel" eine für den Diskurs um die "Site-Specificity" von Kunst in den 90er Jahren zentrale Ausstellung (mit Tom Burr, Ursula Biemann, Mark Dion, Christian Philipp Müller). Seiner Ausstellung "Köln-Düsseldorf", 1990 in der Kölner Galerie Nagel, ging eine Recherche zur Situation der Kulturhaushalte in den Kunst-Konkurrenz-Städten Köln und Düsseldorf von 1967 bis 1989 voraus. Die Arbeit besteht aus Plexiglasvitrinen, deren jeweilige Höhe wie in einem statistischen Diagramm die einzelnen Posten darstellt. Damit werden die "Produktionsbedingungen [...] buchstäblich transparent gemacht" (Isabelle Graw).

Die Arbeit "Rede eines Königs", ist 1988 für den Künstlerclub "Arti et Amicitiae" in Amsterdam entstanden. Das Video zeigt Müller in der Kostümierung eines holländischen Königs aus der Entstehungszeit des Künstlerclubs im 19. Jahrhundert, der die Besucher der Ausstellung begrüsst und von seinem (Müllers) ersten Eindruck des klassizistischen Gebäudes des Clubs berichtet. Die Gründung des Künstlerclubs kann dabei als eine Initiative der Stärkung der sozialen Künstlerposition betrachtet werden, zu der sich Müller selbst in eine zeitgenössische Relation stellt.

 

Biblio.: Platzwechsel, Kunsthalle Zürich, Zürich 1995. Christian Philipp Müller, Eine Welt für sich, Ein Projekt rund ums Freihaus in Wien, Wien 1999.

 

 

Christa Näher

geb. 1947 in Lindau, lebt in Köln

 

Aus einem Kontrast von Licht und Dunkel treten Gestalten hervor, die den großformatigen Bildern von Christa Näher eine dramatische Intensität verleihen. Ein häufiges Motiv in den jüngeren Arbeiten seit den frühen 90er Jahren sind Pferde oder an Fabelwesen erinnernde Figuren. Die Geisterhaftigkeit eines aufblinkenden Moments charakterisiert sie als flüchtige Erscheinungen. Der tiefe Bildhintergrund versinkt dabei in malerischen Verwischungen, die eher eine atmosphärische Umgebung als eine konkret bestimmte Landschaft bezeichnen.

Nähers Beschäftigung mit abstrakten Innenräumen, die lediglich durch die Andeutung der Kantenverläufe zwischen Wand und Decke bzw. Boden angezeigt werden, erreicht ihren Höhepunkt in der langjährigen Arbeit "Schacht", 1986-89, ein geheimnisvoll düsteres Bild, das psychoanalytische Lesarten über persönliche Isolation und die Undurchschaubarkeit seelischer Tiefen zulässt.

 

Biblio.: Christa Näher, Schacht, Galerie der Stadt Stuttgart, Stuttgart 1991.

 

 

Manuel Ocampo

geb. 1965 in Quezon/Philippinen, lebt in Berkeley/CA

 

Manuel Ocampo kombiniert in seinen Bildern Figürliches aus politischen und subkulturellen Kontexten mit pornographischen Darstellungen, Fäkalischem und diverser sakraler Symbolik zu apokalyptischen Szenen. Die Provokation liegt darin, daß beispielsweise Votivbilder seiner philippinischen Heimat neben Hakenkreuzen oder KuKluxKlan-Kapuzen stehen. In einem Kontrast dazu steht die ausgeprägte strahlende Farbigkeit seiner Bilder. In der Kombination mit Schriftzügen erinnern die Arbeiten an die Gestaltung von Plattencovern, beispielsweise aus dem Heavy Metal-Bereich. Das Prinzip der Kunst Ocampos liegt in der Zusammenführung von Gegensätzen: Tradition und Popkultur, Unschuld und Horror, Dekoration und soziale Kritik.

 

Biblio.: Manuel Ocampo, Heridas de la Lengua, Santa Monica 1997.

 

 

Albert Oehlen

geb. 1954 in Krefeld, lebt in Köln und auf La Palma

 

Eine Strategie, die sich durch die unterschiedlichen Werkphasen Albert Oehlens zieht, besteht in einem heterogenen Bildaufbau, der sich zumeist aus figürlichen und abstrakten Elementen sowie Schriftzügen (Slogans) zusammenfügt. Dem Malereiboom der 80er Jahre entgegnete Oehlen mit bewußt dilettantischen Zügen in seiner Malweise und einer humorvollen Veräppelung der klassischen Rezipienten, die sich in lapidaren Titeln wie "Abstraktes Bild 24b", 1987 äussert aber auch in heiteren Reflexionen über den eigenen Standort als Künstler im florierenden Kunstbetrieb ("Selbstbildnis mit blauer Mauritius und verschissener Unterhose", 1984). Gemeinsam mit Werner Büttner gründete er 1976 die "Liga zur Bekämpfung des widersprüchlichen Verhaltens". Seit den frühen 90er Jahren verarbeitet Oehlen Motive, die er im virtuellen Bild-Raum des Computers kreiert und mit Hilfe digitaler Verfahren auf die physische Leinwand appliziert, um sie daraufhin mit unmittelbaren Pinselstrichen zu remanipulieren. Der Arbeit mit dem Grafikprogramm "Photoshop" ist auch die Pixelästhetik seiner neueren Bilder zu verdanken, die in dem Medium Mosaik eine plastische Dimension erfährt (z.B. Bodenmosaik für die Expo 2000 in Hannover). Die jüngsten Computercollagen, Ink Jet Plots, werden meist als Plakate in den Ausstellungskontext eingeführt.

 

Biblio.: Markus Oehlen - Albert Oehlen, Der Ritt der sieben Nutten (das war mein Jahrhundert), Städt. Museum Abteiberg Mönchengladbach, 2000.

 

 

Markus Oehlen

geb. 1956 in Krefeld, lebt in Krefeld

 

Für seine organisch geformten Skulpturen verwendet Markus Oehlen Styroporkerne, die er mit farbigen Kordeln spiralförmig umwickelt. In diese heimelig wirkenden, vertrauenerweckenden "Kokons" werden unterschiedliche Funktionen eingelassen. So kann ein Autoradio eingebaut sein ("Thingmaker II", 1998) oder Musikboxen. In einer Anlehnung an Verfahren in der Musik kann auch in Oehlens Bildern von einem Sampling gesprochen werden. Mit traditioneller Malweise stellt er voluminöse Körper und dreidimensionale Strukturen dar, die neben Passagen mit malerisch simulierten Druckverfahren wie dem Linoldruck stehen. Auch kunsthistorisch konnotierte Maltechniken wie Drippings werden gefaked, sie werden nicht, wie von Jackson Pollock, mit grossem Gestus auf die Leinwand geschleudert, sondern sorgfältig gemalt und mit einem Körperschatten hinterfangen.

 

Biblio.: Markus Oehlen - Albert Oehlen, Der Ritt der sieben Nutten (das war mein Jahrhundert), Städt. Museum Abteiberg Mönchengladbach, 2000.

 

 

Tobias Rehberger

geb. 1966 in Esslingen, lebt in Frankfurt

 

Tobias Rehberger bezieht Museumsmitarbeiter, Kuratoren, Galeristen und Freunde in den Entstehungsprozess seiner Arbeiten mit ein. Einige richten sich lediglich nach den Körpermaßen von Institutionsmitarbeitern, wie "vorschlag für die decke eines gemeinschaftsraums (frau sievert und frau eckardt-salaemae)", 1997, in der die Höhe der spiralförmigen Raumdecke nach den Maßen zweier Mitarbeiterinnen der Deichtorhallen ausgerichtet war. Im Frankfurter Portikus befragte Rehberger die Mitarbeiter und Besucher nach Verbesserungsvorschlägen für die Inneneinrichtung. In seiner Ausstellung liess er daraufhin neue Türklinken anbringen, deponierte Zeitungen in den Toiletten, ließ den Ausstellungsraum mit einem farbigen und federnden Holzboden auslegen und entwarf eine Sitzgruppe im 70erJahre-Design. Die Gestaltung seiner Wohlfühldisplays (z. B. "Lying around lazy. Not even moving for TV, sweets, Coke and vaseline", 1996) stellt Beziehungen zum Clubkontext her, wo 70er-Jahre-Design den Einrichtungsstandard von Lounges und Chill-Out-Zonen bestimmt. Rehberger übernimmt Mechanismen der Dienstleistungsökonomie, indem er die Ausstellungsinstitution als eine Art "Kunden" betrachtet, und die "Produktivkraft der Konsumenten" (Michel de Certeau) konstatiert und miteinbezieht. Die so aufgefasste Auftragssituation wird besonders deutlich in einer Reihe unterschiedlich gestalteter Vasen, die er als Auftrags-Portraits der Familie Grässlin oder der Künstler seiner Berliner Galerie gestaltete. Zu dem integrativen Arbeitsprozess Rehbergers gehört auch, daß er die Produktion der Arbeiten delegiert. So ließ er zwei Autos, von denen Jungen häufig träumen, einen Porsche 911 und einen MacLaren, im Billigproduktionsland Thailand nach Skizzen anfertigen, die er aus der Erinnerung gezeichnet hat. Im Ergebnis zeigen sich zwar funktionstüchtige, jedoch trashig interpretierte "Traumautos".

 

Biblio.: Tobias Rehberger, Kunsthalle Basel, Basel 1998.

 

 

Andreas Schulze

geb. 1955 in Hannover, lebt in Köln

 

In seinen großformatigen Bildern, häufig klare Kompositionen mit symmetrischem Aufbau, setzte sich Andreas Schulze zunächst mit der abstrakten Malerei auseinander. Seit Mitte der 80er Jahre entstehen Bilder von aufgeräumten Interieurs - Wohnungen, in denen sich eine bürgerliche Lebenswelt spiegelt, in die sich einige merkwürdige Gegenstände eingeschlichen haben. So kann auch mal ein Reh über den Tisch auf das Marmeladenbrot blicken oder es findet sich eine Anordnung von Steinen und Kunstobjekten vor der Schubladenkommode ("Ohne Titel", 1986). Im Unterschied zu den Malern der "Mühlheimer Freiheit", mit denen Schulze in den 80er Jahren im Austausch stand, stellt er die populäre Wohnkultur nicht aus ironischer bzw. zynischer Distanz dar, sondern mit einem innig aufgeschlossenen Blick.

 

Biblio.: Andreas Schulze, hrsg. von Barbara Steiner im Auftrag der Südwest LB, Stuttgart/Mannheim 1997.

 

 

Andreas Slominski

geb. 1959 in Meppen, lebt in Hamburg

 

Andreas Slominskis Arbeit läßt sich in unterschiedliche Werkgruppen einteilen, die jeweils die Konzentration auf ein Thema aufweisen (Tierfallen, Windmühlen), während seine Vorgehensweise durchgehenden Prinzipien folgt. Eine Strategie Slominskis sind für das Resultat "unnötig" aufwendige Eingriffe, mit denen er in offensiver Weise den Wert von Dienstleistungen hinterfragt. So ließ er für die Ausstellung "Skulptur. Projekte in Münster 1997" eine Straßenlaterne aus ihrem Fundament heben, legte einen Fahrradschlauch um ihren Pfahl und ließ sie dann wieder einsetzen. In Hamburg ließ er kurzfristig eine Schaufensterscheibe des Alsterhauses entfernen, um von außen einen gefundenen Eisstil hineinzulegen. Auch der Wert von Gegenständen bzw. Materialien und letztendlich der Kunst selber steht zur Disposition, wenn er Stapel aus Staubtüchern in einer Vitrine ausstellt. Seit 1984 entstehen zahlreiche unterschiedliche Tierfallen mit erfinderischen Funktionsweisen. Mit dem Wissen um die in der Ausstellung "scharfgestellten" Fanggeräte werden auch die BetrachterInnen zusehen, daß sie genügend Abstand halten und nicht "in die Falle" gehen. In diesem Fall stellt das Kunstwerk eine Bedrohung dar. In Anbetracht der Hinterlistigkeit seiner Strategien verwundert es nicht, daß Slominski auch das Thema Architektur anhand eines eher ungewöhnlichen Bautypus betrachtet. So stellt das Motiv der Windmühle einen weiteren umfangreichen Komplex seiner Arbeit dar, der aus Modellen von unterschiedlichem Maßstab besteht.

 

Biblio.: Andreas Slominski, Kunsthalle Zürich, Zürich 1998.

 

 

Franz West

geb. 1947 in Wien, lebt in Wien

 

Franz Wests Skulpturen behaupten ein Verhältnis zum menschlichen Körper: sie dienen z. B. als Sitzgelegenheiten (mit Teppichen belegte Metall-Sofas auf der documenta 9 oder Stühle mit bunten Stoffkissen für die documenta x), oder sie sind Körperformen angepasst wie seine "Paßstücke" aus den 80er Jahren. In parallel gezeigten Videos wird vorgeführt, wie die amorphen Objekte an den Körper angelegt werden, was erhebliche Verrenkungen erfordert - ein ironischer Kommentar zum "Wiener Aktionismus". Diesem fragwürdigen Funktionswert entspricht die unbeholfene Gestalt und betont "unsaubere" Ausführung dieser unproportionierten Gipsskulpturen. Sie spielen zwar auf moderne Skulpturen (z. B. Jean Arp) an, sind aber gerade nicht ausgewogen formschön und mit perfekt geglätteter Oberfläche, stattdessen guckt das Gestänge heraus und die Fingerabdrücke bleiben auf der Gipsoberfläche sichtbar. Insgesamt wirken sie eher wie verworfene Modelle für eine Skulptur. Für die "Skulptur. Projekte in Münster 1997" produzierte West eine in einem Erholungsgebiet freistehende Toilettenklappe, hinter der Männer in einen Bach urinieren konnten. In ihrem Blickfeld, anspielend auf die nötige Konzentration beim Wasserlassen, stellte er eine rosafarbene, unförmig gnubbel-artige Skulptur auf ("Autostat", 1996). Sie konstatiert eine Pseudo-Sinnhaftigkeit im Hinblick auf das verbreitete willkürliche Aufstellen von Skulpturen in öffentlichen Räumen.

 

Biblio.: Franz West, Kunsthalle Basel, Basel 1996. Proforma, Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, Wien 1996.

 

 

Christopher Williams

geb. 1956 in Los Angeles, lebt in Los Angeles

 

Christopher Williams arbeitet seit den frühen 80er Jahren von Los Angeles aus an einem neuen, weniger formalistischen Begriff der Konzeptkunst, als jener zuvor im Eastcoast-Kunstzentrum New York praktiziert wurde. In vielen Arbeiten werden auch Einflüsse der strukturalistischen Filme etwa von Morgan Fisher deutlich. Beispielsweise in den drei Fotos einer mit knallbuntem Geschirr beladenen Spülmaschine, deren medienanalytisches Konzept sich erst über die Bildtitel "Agfa", "Kodak" und "Fuji" erschließt. Williams' Mitreflektieren der Produktionsbedingungen des Mediums Fotografie erklärt auch, daß er zwar die Arbeit bis ins Detail konzipiert, den fotografischen Akt aber von anderen professionellen Fotografen ausführen läßt. Auch die Präsentation von Kunst ist ihm ein Thema seiner Arbeit, so daß Williams häufig in Werkkomplexen arbeitet, die sich über mehrere zusammenhängende Ausstellungen erstrecken, oder er sich explizit auf andere Künstler bezieht, z.B. als eine Art Hommage ("Bouquet, for Bas Jan Ader and Christopher D'Arcangelo", 1991). Inhaltlich ist seine Fotografie an einer Reflexion der ästhetischen Konventionen der Moderne orientiert, deren scheinbare Objektivität er als Illusion auffaßt. So bezog er sich in seiner Ausstellung "For Example: Die Welt ist schön (Final Draft)", Museum Boijmans van Beuningen Rotterdam u. a., 1997 auf ein Fotobuch Albert Renger-Patzschs von 1928 und thematisierte dabei beispielsweise den kolonialistischen Blick als einen Topos der modernen Fotografie.

 

Biblio.: Christopher Williams, For Example: Die Welt ist schön (Final Draft), Museum Boijmans van Beuningen Rotterdam, Kunsthalle Basel, Kunstverein in Hamburg 1997.

 

 

Joseph Zehrer

geb. 1954 in Perbing, lebt in Köln

 

Die Arbeit Joseph Zehrers läßt sich am besten als ein Prozess betrachten, in dem alles miteinander verwoben ist, ein zeitliches und systematisch aufgebautes Kontinuum. Seine Installationen, die einen temporären Stillstand dieses Prozesses darstellen, bestehen häufig aus einer displayartigen Struktur aus billigen Materialien wie Sperrholz, die der Präsentation von Ansammlungen heterogener Materialien und Medien (Fotos, Zeichnungen, Videos) dient. So hat seine vom 1. Januar 1995 bis 31. Dezember 1999 terminierte Arbeit in regelmässigen Abständen Ausstellungen hervorgebracht ("Kalender", Galerie Nagel, Köln, 1996, " Januar im Herbst", Künstlerhaus Stuttgart, 1996, "Vorhänge - Eingeklemmtes - Nichtsnutze - Pistolen", Galerie Bleich-Rossi, Graz, 1998). Die Präsentation und der inhaltliche Schwerpunkt der Teilausstellungen gestaltet sich jeweils situationsspezifisch. In den meisten seiner Arbeiten geht Zehrer kombinatorisch vor und setzt eigenes und zitiertes Material assemblageartig ein ("Korridor", 1997).

Die Arbeit "Lüster", 1994, die aus einer Traube von 15 an schwarzen Kabeln aufgehängten Glühbirnen besteht, spielt mit der multiplen Integrationsmöglichkeit des funktionalen Auflagenobjekts.

 

Biblio.: Joseph Zehrer, Januar im Herbst, Künstlerhaus Stuttgart, Stuttgart 1998.

 

 

 

 

Heimo Zobernig

geb. 1958 in Mauthen/A, lebt in Wien

 

Heimo Zobernigs Objekte und Installationen beziehen sich sowohl auf den architektonischen als auch auf den institutionellen Raum des Ausstellungsorts. Mit der Thematisierung der Ausstellungsbedingungen verortet er seine Arbeit in institutionskritischen Zusammenhängen. Er entwarf diverse Messestände für seine Galerien mit reduziertestem Inventar und aus einfachen Materialien. Für andere Arbeiten fand er sein Material in der Ausstellungsinstitution vor (z. B. Displays mit deutlichen Gebrauchsspuren) und führte es im nachhinein wieder in die alten Zusammenhänge zurück. So bestand eine Ausstellung 1995 aus Stellwänden der Wiener Secession, die er so zusammenfügte, dass sie in der Draufsicht seine Initialen und das Jahr der Ausstellung, "95 HZ", abbildeten. An die Raumbezogenheit minimalistischer Skulpturen anknüpfend, zitiert Zobernig das konzentrierte Formvokabular, dessen distanzierende Aura er gleichzeitig demontiert, indem er seinen Objekten eine Funktionalität einschreibt. Auch das billige Material und ihr teilweise betont unsauberer Anstrich formulieren eine deutliche Kritik an dem formalistischen Perfektionismus der Minimal Art. Zobernigs kontinuierliche Auseinandersetzung mit kunsthistorischen Formprinzipien zeigt sich auch darin, daß er in seinen Schrift-Plakaten ausschließlich die von einem Bauhaus-Schüler entworfene Helvetica verwendet.

 

Biblio.: Heimo Zobernig, Kunst und Text, Bonner Kunstverein u. a., Leipzig 1998