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DAS JAHRHUNDERT DES MULTIPLE – VON DUCHAMP BIS ZUR GEGENWART

2. SEPTEMBER BIS 30. OKTOBER 1994

Das Multiple als vervielfältigtes, dreidimensionales Objekt zählt neben den verschiedenen grafischen Editionen, Buchobjekten, Bildhauerauflagen, Postkarten, Videokassetten und anderen Produkten der Multiplikation zu den bekanntesten und wohl auch meistverbreiteten Gattungen der Gegenwartskunst. Spätestens seit dem Beginn der 60er Jahre werden Multiples von zahlreichen Künstlern produziert, in Galerien gezeigt und zum Kauf angeboten, von Sammlern gesucht und von Theoretikern diskutiert.

Das Multiple kündigt sich als Sonderform der künstlerischen Produktion bereits in den frühen Ready-mades von Marcel Duchamp (1913) an. Mit der Edition von "Boite-en-valise", 1941, hat der Franzose die Produktion von Multiples in den 60er Jahren initiiert.

Im Unterschied zu den traditionellen Ausdrucksmitteln wie Druckgrafik, Bücher oder Bildhauerauflagen von Skulpturen etc. stellt das Multiple ein zur Vervielfältigung bestimmtes dreidimensionales Objekt oder eine raum- bezogene Installation dar. Das Multiple ist aber auch als soziokulturelles Objekt interessant. Im Prinzip bricht das Multiple mit der Suprematie des Unikates und dessen Aura. Als Folge stellt sich eine Demokratisierung der Kunstproduktion ein. Nicht zufällig hat der Siegeszug der amerikanischen und europäischen Pop Art nach 1960 wesentlich zur Verbreitung von Multiple beigetragen.



So gesehen, behandelt "Das Jahrhundert des Multiple" die Geschichte der Auflagenobjekte gleichsam als Geschichte der Emanzipation von der Idee des Originals. Bezeichnenderweise hat sich innerhalb der Moderne bereits zu Beginn unseres Jahrhunderts zur Idee des Originals eine Gegenströmung herausgebildet, die in Marcel Duchamp ihren Propheten fand. Nicht zuletzt deshalb fangt die Ausstellung beim Erfinder der "Ready-mades" an, weil es gerade er war, dem es gelang, die Aura des Originals aufs Heftigste zu erschüttern.

Gliederung und Aufbau der Ausstellung entsprechen in etwa der Chronologie, von der die Entwicklung der Kunstform "Multiple" im 20.Jahrhundert getragen wurde. Im ersten Abschnitt, der den Titel "Vorläufer" trägt, werden Repliken und Editionen von Marcel Duchamp und Man Ray präsentiert, darunter eine eindrucksvolle Gruppe von fünf "Boite-en-valise" ("Die Schachtel im Koffer") sowie mehrere "Rotoreliefs", in welchen sich die Idee der Multiplikation bereits als Prinzip abzeichnet Der nachfolgende Abschnitt ist den bedeutenden Editionen MAT gewidmet, die maßgeblich zur Verbreitung der Idee der multiplizierten Kunst beigetragen haben. In der Ausstellung sind die meisten Objekte der von Daniel Spoerri und Karl Gerstner in den Jahren 1959-1965 betreuten Editionen vertreten, ein eindrucksvoller Beleg der Frühphase des Multiple zu Beginn der 60er Jahre.

Ein weiteres wichtiges Kapitel bilden die kinetischen Objekte aus der Edition der Galerie Denise René, 1955 anlässlich der Ausstellung "Le Mouvement" in Paris ihren ersten Formulierungen als Multiple erfahren haben. Eine zentrale Stelle innerhalb der Ausstellung nehmen drei Einzelpräsentationen ein. Eigentlich handelt es sich hierbei um kleine Sonderschauen, die als Hommage gedacht sind: Mit jeweils größeren Werkgruppen werden Richard Artschwager, Joseph Beuys und Claes Oldenburg vorgestellt, drei Künstler, deren Beitrag zur Entwicklung des Multiples zweifellos als essentiell bezeichnet werden kann.

Den weitaus größten Teil der Austeilung bilden Objekte, Multiples und Editionen, die im Zeitraum 1964-1994 entstanden sind. Von den ca. 130 Künstlern und Künstlerinnen, die mit ihren Arbeiten in den Deichtorhallen vertreten sind, gehören weit über 100 in diesen Zusammenhang. Die Skala der Herstellungsverfahren und Materialien ist dementsprechend breit: Von den handgefertigten Objekten bis zu technischen Artefakten, vom Holz bis zum Kunststoff, vom Neon bis zum Videoband - die Disziplin "Multiple" erweist sich genauso universell wie die Bandbreite von Verfahren, die der heutigen Kunstproduktion zur Verfügung stehen. Die Auflagen differieren stark und reichen von 3 bis ∞, wobei gerade die unlimitierten Editionen von einigen Künstlern und Künstlerinnen bewusst als Bestandteil ihres Konzeptes eingesetzt werden. In gewissem Sinne stellen die gezeigten Multiples ein Spiegelbild der Kunst aus den letzten vier Dekaden dar, sprengen zugleich aber dieses Bild und eröffnen neue Perspektiven für die Kunstproduktion im Zeitalter der technischen und technologischen Reproduzierbarkeit, die bereits Walter Benjamin vorhergesehen hat. In einer Zeit, in der sich der soziologische Bezug der Kunst erneut zur Debatte stellt, stößt das Phänomen "Multiple" auf ein verstärktes Interesse.

Eine derart umfangreiche Ausstellung wie "Das Jahrhundert des Multiple" wäre ohne die Zusammenarbeit mit vielen Beteiligten, Helfern und Ratgebern nicht möglich gewesen. An der Konzeption der Ausstellung hat zu Beginn der Editor Jörg Schellmann mitgewirkt, der zu einem späteren Zeitpunkt seine Mitarbeit am Projekt beendet hat. Zahlreiche Leihgeber aus Europa und Amerika haben zum Gelingen der Schau beigetragen. Gefördert wird "Das Jahrhundert des Multiple" durch Coutts & Co. International Private Banking.

Eigens für die Hamburger Schau stellen einige Künstlerinnen und Künstler (u.a. Claes Oldenburg, Katharina Fritsch, Hans-Peter Feldmann) neue Multiples her.

Zur Ausstellung erscheint ein halbleinenes Buch im OKTAGON Verlag, Stuttgart, mit Texten von Zdenek Felix, Stefan Germer und Klaus Pias mit ca. 240 Seiten und 450 teilweise farbigen Abbildungen. Preis ca. DM 48,- / in der Ausstellung und im Buchhandel (im Schuber) DM 68.-.